Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Von Florian Keller

Henrike Iglesias im «Roxy»

Ihr Name klingt wie ein spanischer Popsänger, den man zu einer germanischen Dragqueen umgebaut hat. In ihrem letzten Stück schlossen sie Castingshows wie «Germany’s Next Topmodel» mit Sexarbeit kurz, es ging um die Warenförmigkeit des Frauenkörpers zwischen Zwang und Freiwilligkeit («I Can Be Your Hero, Baby»).

Jetzt wollen die vier Frauen, die sich Henrike Iglesias nennen, noch böser werden. Schliesslich, so moniert das junge Bühnenkollektiv aus Berlin und Hildesheim, würden Frauen in der Regel immer noch für die «guten» Parts gebucht, als Rückgrat der Gesellschaft, als mütterliche Instanz von Fürsorge und Aufopferung: «Frauen kacken nicht. Sie machen nichts mit Waffen. Sie sind unschuldig und bleiben so lange jung, wie es irgendwie möglich ist.»

Die erklärte Mission von Henrike Iglesias lautet drum: «Das Böse in sich begrüssen». Aber wie trainiert man neofeministischen Zorn? Der Trailer zum neuen Stück «Grrrrrl» ist erst heiss, dann nass: Da wird eine Pyrofackel angezündet und von einer Stehpinklerin prompt gelöscht. Ob der Riot bei diesem «Grrrrrl» inbegriffen ist?

«Grrrrrl» in: Birsfelden Roxy, Fr–Mo, 30. April bis 2. Mai 2016, jeweils 20 Uhr. www.theater-roxy.ch

Big Brother in der Nische

Der stellvertretende Chefredaktor einer Sonntagszeitung war sich jüngst nicht zu blöde für die Forderung, dass George Orwells Roman «1984» aus den Schulzimmern verbannt gehöre. Die Logik, die dahintersteckte: Staatliche Überwachung sei ja heute nicht mehr böse, wie im Roman dargestellt, sondern ein prima Mittel zur Verbrechensbekämpfung, also grundgütig.

Was will man dazu sagen? Zum Glück werden unsere Lehrpläne nicht von JournalistInnen gemacht, die schon in der Schule nicht aufgepasst haben. Filmische Nachhilfe bietet jetzt das aktuelle Programm im Kino Nische in Winterthur, das bis Ende Mai mit einem halben Dutzend Aufführungen einen kleinen Querschnitt durch zeitgenössische Überwachungstechnologien zeigt.

Den Anfang macht Michael Radfords Verfilmung von «1984», die Woche darauf verliebt sich Joaquin Phoenix in ein Betriebssystem mit der Stimme von Scarlett Johansson («Her»). Und den Abschluss bilden zwei heroische Figuren der digitalen Popkultur: der Whistleblower in der Person von Edward Snowden («Citizenfour») und Tom Schilling als Hacker («Who Am I»).

«1984» in: Winterthur Kino Nische im Gaswerk, So, 1. Mai 2016, 19.30 Uhr; weiteres Programm zum Thema «Big Brother» bis 29. Mai 2016 siehe www.kinonische.ch.

Lou Reed ist ein Wiener

«Schatzi, Schatzi, Schatzi, kumm zu mir her.» So tönt das bei den Buben im Pelz, wenn sie «Venus in Furs» ins Wienerische zergehen lassen. In diesem Sinn und Geist spielen die Herren David Pfister und Christian Fuchs (nicht zu verwechseln mit dem österreichischen Fussballer bei Leicester City) das ganze erste Album von Velvet Underground nach – also integral und in Sound und Haltung durchaus werktreu, aber sprachlich mit den nötigen dichterischen Freiheiten.

Die Songs heissen jetzt «Tiaf wie a Spiagl» («I’ll Be Your Mirror»), «Olle faden Partys» («All Tomorrow’s Parties»), «Schwedenplatz» («I’m Waiting for the Man») oder auch «Heroin» («Heroin»). Und anstelle der Banane von Andy Warhol prangt auf dem Cover: eine krumme Wurst. Anbeissen!

Die Buben im Pelz in: Zürich Bogen F, Mi, 4. Mai 2016, 21 Uhr (mit Papst & Abstinenzler); Rorschach Treppenhaus, Do, 5. Mai 2016, 20 Uhr.

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