Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Fehlende Kontrollen

Jahrelang haben sich die Kleinfischer im Senegal gegen ausländische Industrieschiffe gewehrt. Nun machen sie sich gegenseitig die Fischgründe streitig – auch wegen verfehlter Subventionen.

Von Corina Fistarol

Die jahrzehntelang praktizierte Industriefischerei hat den Fischbestand vor der senegalesischen Küste in den letzten fünfzig Jahren drastisch reduziert. Da die Fischerei der bedeutendste Wirtschaftszweig des Senegal ist, konnten die Fischer 2006 die damalige Regierung von Abdoulaye Wade so unter Druck setzen, dass diese die Fischereiabkommen zwischen der EU und dem Senegal nicht erneuerte. Doch dann begann die Regierung, grosszügig Lizenzen an die Meistbietenden zu verkaufen. «Es gab unzählige Verträge, die unter dem Tisch abgeschlossen wurden», sagt Marie Suzanne Traoré von Greenpeace Senegal. «Die Gelder für die Lizenzen verschwanden oft auf dubiosen Wegen.»

Die Fischer verstärkten in den letzten Jahren ihren Widerstand gegen die Industriefischerei und die korrupten Behörden.Macky Sall, der 2012 neu gewählte Staatspräsident, erklärte den Kampf gegen die Überfischung zur Priorität: Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Sistierung sämtlicher Lizenzen für ausländische Schiffe. Zudem ernannte er den Umweltaktivisten Haidar al-Ali zum Fischereiminister. Doch dieser handelte bald mit der EU neue Verträge aus, die 2014 in Kraft traten; die lokalen Fischer fühlten sich verraten.

Statistiken statt Motoren

Immerhin gibt es seither erstmals offizielle Richtlinien für die Fischerei in Bezug auf Fangmethoden und Fangmengen. Dabei sollten die neuen Abkommen die lokalen Fischer kaum beeinträchtigen, denn sie erlauben in erster Linie den Fang von Thunfisch: 38 Industrieboote dürfen je bis zu vierzehn Tonnen Thunfisch jagen. Die Kleinfischer verfügen gar nicht über die für diese Art von Fischerei notwendigen Gerätschaften. Doch der Vertrag sieht auch vor, dass zwei spanische Schiffe Seehecht fischen dürfen. Denen geht mit den gleichen Fangmethoden allerdings wertvoller Beifang ins Netz – unter anderem Tintenfisch. Und diesen jagen die Einheimischen sehr wohl. Da aber die ausländischen Schiffe die Menge und die Art des Fangs selber deklarieren können, fühlen sich die senegalesischen Fischer erneut betrogen.

Die Regierung reagiert auf den Unmut mit der Subvention von Schiffsdiesel und Motoren für Pirogen. «Das freut die viel zu vielen Fischer mit den viel zu vielen Pirogen», erklärt Gaoussou Gueye vom westafrikanischen Kleinfischerverband. «Aber nun fangen sie noch mehr, und der Fischbestand kann sich nicht erholen – im Gegenteil.» Früher waren die ausländischen Schiffe, die zu nah an der Küste gefischt haben, die grösste Konkurrenz für die einheimischen Kleinfischer. Heute graben sich die Einheimischen die gleichen Fischgründe ab. Statt auf Kapazitätssteigerung der Kleinfischerei zu setzen, hätte die Regierung in Dakar besser in andere Bereiche investiert. «Wir brauchen Studien, Statistiken und Kontrollen. Nur so können wir seriös planen, damit wir auch morgen noch genug Fisch für alle haben», sagt Gueye. Zudem sollte die Regierung die Pirogen mit GPS-Fotokameras ausstatten, damit sie illegale Fischerei belegen können.

Dubiose Joint Ventures

Auch die Händler in Pikine, dem grössten Fischmarkt in Dakar, berichten von ausländischen Schiffen, die illegal arbeiten: Weil diese ihren Fang nicht auf den Markt bringen dürfen, rufen sie einheimische Fischer und verkaufen den Fang auf offenem Meer. Die senegalesischen Fischer bringen ihn dann nach Dakar. Mamadou Fall, der Präsident der Fischhändlergewerkschaft Unagiems, schlendert über den Markt und zeigt auf verschiedene Sorten, die nicht mit traditionellen Fangmethoden gefischt wurden. «Von hier aus werden sie auf Märkte im In- und Ausland sowie in Fischfabriken im ganzen Land transportiert», sagt er.

Unzählige dieser Fabriken sind in den letzten Jahren als Joint Ventures angesiedelt worden. «Wer mit welchen Methoden wie viel Fisch fängt, verarbeitet und verkauft, das alles entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis», sagt Gaoussou Gueye. Deshalb traf er sich am 3. Februar in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott mit vielen anderen RepräsentantInnen von Fischereiverbänden und RegierungsvertreterInnen aus Schweden, den Seychellen, Indonesien und dem Senegal. Die TeilnehmerInnen der Konferenz gründeten die Fischerei-Transparenz-Initiative (Fiti). Deren Ziel ist es, Regierungen und Konzerne der Fischindustrie dazu zu bewegen, Fangquoten und -techniken festzulegen, die Aktivitäten der Schiffe sowie die Lizenzen offenzulegen und griffige Kontrollsysteme einzuführen.

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