Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Der Blechhaufen aus Schwyz

Von Köbi Gantenbein

Die Schwyz-Brunnen-Musik hat Rossinis Ouvertüre zu «Wilhelm Tell» fertig geschmettert in der Stadtkirche von Zofingen, wo am 29. Mai 1862 das erste Blasmusiktreffen der noch jungen Schweiz läuft. Das gute Dutzend Gewerbler und Bauern aus Brunnen und Schwyz hat mit verbeulten Instrumenten, ohne Uniform, nach langer Reise mit Schiff, Zug und zu Fuss das Blasmusikfest gewonnen. Franz Tschümperlin, ihr virtuoser Klarinettist, erhält den Eichenkranz.

Die vierzehn Musikanten der eben erst gegründeten Kapelle sind mit rasch wachsendem Erfolg unterwegs – als Konzertmusiker für die Fremden, als Tanzkapelle für die Einheimischen, als Attraktion an der Fête des Vignerons. Reichlich Alkohol, zarte Liebesgeschichten und Todesfälle im noch jungen Alter gehören ebenso zu dieser Kapelle wie ihre virtuose Musik.

Der Aufstieg und das Milieu dieser frühen Popgruppe der Schweiz waren für den Urner Theatermann Franz-Xaver Nager die Vorlage für «Am Franz ä Chranz», ein Theaterstück, das er der Schwyzer Amateurgruppe Theater 66 zu ihrem 50. Geburtstag auf den Leib schrieb. Die Hauptrolle in dieser Geschichte spielt die Kapelle, das Publikum hört und sieht, wie die Musikanten die Gassenhauer der fernen Opernhäuser für ihre Schwyz-Brunnen-Musik zurechtrücken – rhythmisch starke, komplexe Arrangements, die uns als heute besser ausgebildeten MusikerInnen mit unseren technisch raffinierten Instrumenten einiges abverlangen. Das Stück packt auch die soziale Funktion des Musikmachens im Blechhaufen ein: Herzhaft führen die Theaterleute den sozialen Rütlischwur vor. Weder Geiz noch Neid noch üble Landammänner setzen den Musikanten zu – wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Das galt auch für die Beziehungen des Publikums zu seinen Musikern. Man litt und freute sich an ihrem Schicksal wie unsereins an Polo Hofers, Büne Hubers oder Beatrice Eglis. Und darum sei noch einmal aus tiefer Seele geschmettert: das Intro von Rossinis «Wilhelm Tell».

«Am Franz ä Chranz» wird noch bis zum 28. Mai jeweils um 20 Uhr im Kollegium Schwyz gespielt. Daten und Vorverkauf: www.buehne66.ch.

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