Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Bombastisch, knallig, tragisch

Von Silvia Süess

«Alles steht im Dienst der Gefühle», sagte Pedro Almodóvar einmal über seine Filme. Und natürlich ist dies beim neuen Film des spanischen Meisterregisseurs auch der Fall. «Julieta», der auf drei Kurzgeschichten von Alice Munro basiert, ist ein typischer Almodóvar-Film: bombastische Musik, knallige Farben, leidende, aber doch selbstbewusste Frauen, grossartige Schauspielerinnen in einem perfekt durchkomponierten Setting und ein tragisches Familienschicksal. Einzig die witzigen, überdrehten Dialoge und die Hysterie, die man aus vielen seiner Filme kennt, fehlen in diesem starken Mutter-Tochter-Drama.

Dreizehn Jahre ist es her, seit die damals achtzehnjährige Antía ihre Mutter Julieta verlassen und den Kontakt abgebrochen hat. Mit der Überzeugung, diese schmerzhafte Trennung endlich überwunden zu haben, räumt Julieta ihre Madrider Wohnung, um mit ihrem Freund nach Portugal zu ziehen. Doch dann begegnet sie kurz vor dem Aufbruch der ehemals besten Freundin der Tochter, und alte Erinnerungen werden geweckt. Sie entscheidet sich gegen Portugal und zieht alleine in eine Wohnung in einem Haus in Madrid, wo sie früher mit ihrer Tochter gewohnt hat. Dort beginnt sie, Atía einen langen Brief zu schreiben, in dem sie sich an die schönen und schmerzhaften Erlebnisse ihres Lebens erinnert.

Almodóvar inszeniert die Erinnerungen in Rückblenden, die er immer wieder mit der Gegenwart verschränkt. Beeindruckend sind die beiden Julieta-Darstellerinnen: Emma Suárez als gebrochene, doch unabhängige Frau, und Adriana Ugarte als junge Lehrerin für griechische Geschichte, die auf einer nächtlichen Zugfahrt ihre grosse Liebe kennenlernt.

Mit Rossy de Palma glänzt Pedro Almodóvars langjährige Nebendarstellerin (sie war unter anderem die schlafende Freundin von Antonio Banderas in «Mujeres al borde de un ataque de nervios») in einer Schlüsselrolle: Als intrigante Überbringerin schlechter Nachrichten hat sie in «Julieta» einen entscheidenden Einfluss auf das Leben und die sie ständig begleitenden Schuldgefühle der beiden Protagonistinnen.

Der Film läuft ab 19. Mai 2016 in den Kinos.

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