Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Setzen, Drei!

Stefan Gärtner über neue Schulnoten

Von Stefan Gärtner

Gern nutze ich an dieser Stelle die Gelegenheit, auf eines der schönsten Gedichte des 21. Jahrhunderts aufmerksam zu machen; es (das Gedicht, nicht das Jahrhundert) stammt von Thomas Gsella und beginnt so: «Infenitisimalrechnung / oder wie jetzt genau / das war ja / auch so eine Oberscheisse / mit der sie uns das Leben / zur Hölle machten / Ich weiss bis heute nicht / was diese Wichse / bedeutet und wozu / sie ‹gut› sein ‹soll› / diese Ausgeburt / einer räudigen Scheisswanze. / I n I n f e n i t i s i m a l- / r e c h n u n g / jedenfalls war ich / volle Kanne / sechs minus», auf Schweizerisch: eins minus, und schon ist die Einleitung geglückt, denn der Kanton St. Gallen will im Primarbereich die Schulnoten Eins und Zwei abschaffen. «Kritiker sehen eine Tendenz, ‹ja keine kritischen Aussagen› zu tätigen» (www.20min.ch), in Deutschland würde mans reflexhaft «Kuschelpädagogik» nennen, und vor jeder Diskussion über den Sinn und Zweck von Schulnoten überhaupt liesse sich jedenfalls finden, die Unterscheidung zwischen «schlecht» und «sauschlecht» diene lediglich der Demütigung, weshalb es in den Vereinigten Staaten nach A, B, C und D auch bloss ein F gibt.

Wo andere ein A haben, ist ein F aber schlimm genug, wie die «kritische Aussage», egal wie man es nun bastelt, dieselbe bleibt: Du bist zu dumm / warst zu faul. Die Leistungsgesellschaft muss freilich wissen, wer was zu welchem Zeitpunkt besser oder schlechter kann, denn darauf beruht ihre Legitimation: dass sie eine Meritokratie sei und alle bloss nach Fähigkeit und Einsatz bewerte, wie sie sich dann objektiv in der Schulnote niederschlügen. Nicht nur in Deutschland, wo der Schulerfolg massgeblich am Elternhaus hängt, ist das ein zynischer Witz.

Schlechte Noten abzuschaffen, ist, als antidiskriminatorischer Akt, natürlich so politisch korrekt, wie Kritiker dieser Korrektheit finden müssen, weil «die kritische Aussage» («Manche Kinder sind dümmer als andere») nicht mehr möglich ist; eine Aussage, die mit gängigen Wahrheiten wie «Schwarze sind triebhafter als Weisse» oder «Die Juden haben das ganze Geld» allerdings eine gewisse Verwandtschaft hat. Dass von dummen Kindern so wenig die Rede mehr sein dürfe wie von geilen Negern, bringt, als reine Sprachregelung, das zugehörige Ressentiment nicht aus der Welt, aber es schützt die Minderheit wenigstens vor der offenen Aggression der Mehrheit, wie es nämlich immer die Minderheit ist, die «nicht kann», weil sich über die Versager das «freie» Mehrheitskollektiv der Konkurrenzfähigen bestimmt. Wer diese Semantik von Macht und Ohnmacht nicht schon im Kindesalter haben will, der muss die Noten, so scheinbar und scheinheilig objektiv wie die Gesellschaft, die sie perpetuieren, abschaffen.

Notenloser Unterricht wird in Steiner-Schulen (was immer man sonst von ihnen halten mag) schon heute bis zum zehnten Schuljahr praktiziert, und sogar Springers reaktionäre «Welt» musste zugeben, dass es dem Nachwuchs damit rundum besser geht. Einzelne Notenwerte zu tilgen, mag Quatsch sein, wo sich am Leistungsregime nichts ändert, und wer die Eins und die Zwei streicht, macht die Drei zum neuen Stigma; aber immerhin wäre Adornos Gedanke aus der «Theorie der Halbbildung» mal wieder ans Licht geholt: dass «die sich selbst zur Norm, zur Qualifikation gewordene, kontrollierbare Bildung» keine mehr sei – «so viel / zum Thema / Gimnasyum» (Gsella) …

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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