Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Meine Meinung!

Stefan Gärtner über Trams und kritisches Bewusstsein

Von Stefan Gärtner

Die Schweizer Demokratie ist ja bekanntlich Kult, und die sympathische Erfolgspartei Alternative für Grossdeutschland nennt als politisches Ziel darum «Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild». Denn unsere modernen Zeiten mögen zwar überkomplex sein, ermöglichen aber allen eine Meinung; und wenn es in Zürich neue Trams geben soll, und ein Anbieter erhält den Zuschlag und der andere nicht, dann hagelt es (z. B. in der Kommentarspalte der Netzausgabe des «Tages-Anzeigers») Meinungen, dass es nur so spritzt: «Vieles dünkt mir da faul (…). Das Gewicht mit schwerer Stahlkonstruktion, Überlänge 43 m statt 41 m und einem Crashschutz gefällt mir nicht.» / «Ich möchte den Chefdesigner oder einen Produktingenieur gerne persönlich kennenlernen und Vorschläge anbringen, die in nützlicher Zeit noch umzusetzen wären. Ich bin Laie, aber so eine abweisende und hässliche Front würde ich nie konstruieren.» / «Sehr gefährliches Tram: Diese Frontpartie, da möchte ich nicht davor geraten. So wie ich es sehe, wird es sehr viele Kopfverletzungen geben. Aber eben, diese ‹Experten› von der Stadt Zürich …», die nämlich bloss Experten in Anführungszeichen sind und also keine Ahnung haben, während die Laien über Tramdesign, Crashschutzoptimierung und Kopfverletzungen (die besonders) vollauf Bescheid wissen. Und sich, was noch viel erstaunlicher ist, auch dafür interessieren.

Es mag ja sein, dass, wenn die Revolution kommt, alle über alles entscheiden können sollen. Damit kann aber nicht die perennierend-aggressive Klugscheisserei en détail gemeint sein, die sich, weil Laien- und Expertenurteil halt regelmässig sehr auseinanderliegen, verlässlich ins Verschwörungstheoretische bewegt («Aber über die schnelle und teure Abnützung der Räder spricht niemand, es ist nämlich verboten, solche Internas in die Öffentlichkeit zu bringen»), wie überhaupt das, was da kritisches Bewusstsein sein könnte, sich «verkrüppelt» findet «zum trüben Hang, hinter die Kulissen zu sehen». Denn auch das hat Theodor W. Adorno, in seiner «Theorie der Halbbildung», schon gewusst: «Ihr Tonfall bekundet unablässig ein ‹Wie, das wissen Sie nicht?›, zumal bei den wildesten Konjekturen», die immer da nötig sind, wo die Welt eine aus «Internas» (Lothar Matthäus) und jenem Geheimwissen ist, das sich als Metapher für die stummen Mächte, die uns beherrschen, seit jeher anbietet. Von der «Sozialisierung der Halbbildung» sprach Adorno schon lange vor dem Internet; mit diesem ist es nun endgültig so, dass «ihre pathischen Züge die ganze Gesellschaft [anstecken], entsprechend der Instauration des auf Touren gebrachten Kleinbürgers zum herrschenden Sozialcharakter». Der auch in Kindergarten und Schule alles besser weiss und noch einen Elternabend, der sich mit den Belangen von Dreijährigen befasst, zum Ort macht, wo latent gekeift, belehrt und triumphiert wird.

Dummheit hat, auch dies mit Adorno, immer objektive Gründe, und die angemasste, übergeschnappte Allmacht im Detail entspricht der realen Ohnmacht en gros, wie sie scheints auch in der urdemokratischen Schweiz herrscht, wo zwar über alles abgestimmt werden darf, des Gezeters aber trotzdem kein Ende ist. Die bürgerliche Demokratie, sagt Churchill, ist die beste aller schlechten Staatsformen. Vielleicht wäre es ja doch einmal an der Zeit, sich eine wirklich gute zu überlegen.

Meine Meinung!

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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