Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Chaosjournalismus

Von Carlos Hanimann

Die Berner Medien sind in heller Aufregung: Am Wochenende ist es im Nachgang einer unbewilligten Party zu Krawallen und erheblichen Sachschäden gekommen. Der Berner Polizeidirektor Reto Nause forderte daraufhin im «Bund» Geheimdienstmethoden für die Polizei: Telefon- und Mailüberwachung sowie DNA-Tests.

So weit, so gewohnt die mediale Aufregung nach Ausschreitungen. Doch am Mittwoch legte die «Berner Zeitung» (BZ) nach: «Chaoten für das Stadtfest gebucht» titelte das Blatt auf der Frontseite. Und auf Seite 3: «Stadt Bern gibt militanten Musikern eine Bühne». Die Band Chaostruppe, die «an der illegalen Party auf dem Warmbächli-Areal und am darauffolgenden gewalttätigen Umzug ihren grossen Auftritt hatte», werde im August auch am Stadtfest in Bern spielen. Der Journalist witterte einen Skandal, eine widersprüchliche Haltung der Band – und vergass dabei offensichtlich, die Fakten zu prüfen. Denn: Den angeprangerten Auftritt gab es gar nicht. Ein Bandmitglied sagt zur WOZ: «Das Kollektiv Chaostruppe hat dort nicht gespielt.» Der Band ist «schleierhaft», auf welcher Grundlage der Artikel der BZ basiert. Sie verlangt eine Berichtigung.

Wie der Journalist Tobias Marti auf die Story kam, bleibt unklar. Er reagierte nicht auf verschiedene Anfragen der WOZ. Aber bereits am Mittwochmittag krebste die BZ zurück und musste den Artikel korrigieren. Neu überschrieb sie den Text mit: «Kontroverse um Rap-Gruppe».

Ein Journalist ist schlecht informiert, publiziert eine Falschmeldung und skandalisiert sie, nur um sie wenige Stunden später wieder zurückzunehmen und sie als «Kontroverse» zu verkaufen. Fragt sich, wer die wahre Chaostruppe ist.

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