Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Halleluja in Hallau

Ruth Wysseier über Wunder und Irrglauben

Von Ruth Wysseier

«Mit Gottes Hilfe gegen die KEF» – so überschrieb kürzlich die «Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau» einen Bericht über «das Wunder von Hallau». Dazu muss man Folgendes wissen: Im September 2014 war ein neuer Schädling, die Kirschessigfliege oder Drosophila suzukii, erstmals epidemisch in den Rebbergen der Schweiz aufgetreten. Die Plage schien ein fast biblisches Ausmass anzunehmen; die winzigen Fruchtfliegen vermehrten sich rasant und sorgten teilweise für massive Ernteausfälle.

In Hallau nun soll sich damals Folgendes zugetragen haben: Peter Rahm von der Hallauer Rimusskellerei fühlte sich berufen, dem Schädling mit den Waffen eines Christen zu begegnen, und lud zum Gottesdienst. Dem Aufruf folgten laut dem Bericht im «Obst- und Weinbau» hundert Personen. In den Tagen danach seien in Hallau die Temperaturen zum Teil unter den Gefrierpunkt gefallen und die Kirschessigfliege sei inaktiv geworden, wofür es laut Rahm bis heute keine wissenschaftliche Erklärung gebe. Im letzten Sommer sei die Fliege in den Hallauer Rebbergen nicht mehr aufgetreten. «Für Rahm ist das Ausbleiben des Schädlings ein Zeichen, dass die Gebete erhört wurden», steht schwarz auf weiss in unserem Fachblatt.

So sieht also ein Wunder im 21. Jahrhundert aus? Und ich Wissenschaftsgläubige dachte, das trockene und heisse Wetter habe den Tierchen das Brüten vermiest, auch in unserem Teil der Schweiz. Das belegen diverse empirische Studien, die auch im «Obst- und Weinbau» veröffentlicht wurden. Was ist bloss in deren Redaktion gefahren?

Nun, Peter Rahm ist nicht irgendwer: Er stammt aus einer Familie, die dank der Erfindung eines alkoholfreien Schaumweins reich wurde. Die Kellerei kauft vielen Kleinbetrieben die Trauben ab und hat Macht und Einfluss in der Ostschweiz. Mag sein, dass dies dem Rahm-Wunder den Weg in den redaktionellen Teil des Branchenblatts geebnet hat. In den Leserbriefspalten war der Name Rahm jahrzehntelang notorisch: Emil Rahm aus Hallau, der mit seinem Bruder bis 2006 die Kellerei leitete, hatte die Zeitungen – auch die WOZ – fast im Wochenrhythmus mit antisemitischen und verschwörungstheoretischen Elaboraten eingedeckt. Der Fundamentalchrist habe überall Luzifer am Werk gesehen, schrieb die «NZZ am Sonntag» im Nachruf auf den letzten November verstorbenen Emil Rahm.

Nicht nur in den USA, wo fundamentalistische Gläubige dafür kämpfen, dass die biblische Entstehungsgeschichte in den Schulen gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie gelehrt werden soll, ist die Wissenschaft in der Defensive. In den hiesigen Apotheken etwa werden mir immer öfters ohne Warnung homöopathische Mittel angeboten. Als ich deshalb neulich eine Apothekerin freundlich zur Rede stellte, erklärte sie trotzig, sie glaube mindestens so sehr an die Wirkung der Globuli wie an die der Chemie. Einen Lichtblick gibt es immerhin: Radio SRF 3 wirft nun endlich seine astrologiegläubige Madame Etoile aus dem Programm.

Ruth Wysseier hat nichts gegen Wundergläubige, solange diese ihrer Verirrung privat anhängen, denn, wie ein Sprichwort sagt: «Il faut de tout pour faire un monde.»

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