Missernte im Weinbau : Böse Überraschung im Rebberg

Nr. 42 -

Knapp 2000 Hektaren beschädigte Reben haben bei vielen WinzerInnen dieses Jahr eine schwere Missernte verursacht. Schuld daran ist sehr wahrscheinlich der Agrochemiekonzern Bayer.

Hubert Louis, Winzer: «Ich dachte zuerst, wir hätten versehentlich den Unkrautvernichter statt das Fungizid gespritzt.» Foto: Yves-André Donzé, «Le Journal du Jura»

Hubert Louis trägt von der Weinernte blaue Ränder unter den Fingernägeln. Der 48-Jährige ist Verwalter des Rebguts der Stadt Bern bei La Neuveville. Nun sind die riesigen Tanks in Louis’ Weinkeller gefüllt mit Traubensaft. «Jährlich produzieren wir etwa 150 000 Liter Wein», sagt Louis, «aber nicht dieses Jahr.» Seine Pinot-noir-Reben trugen nur etwa halb so viele Trauben wie üblich. Grund dafür ist mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Pflanzenschutzmittel namens Moon Privilege.

Die Beeren der Pinot-noir-Reben sind besonders anfällig für Grauschimmelfäule und Echten Mehltau. Um seine Trauben vor den Pilzerkrankungen zu schützen, spritzte Louis im nassen Spätsommer 2014 das Fungizid Moon Privilege des deutschen Agrochemiekonzerns Bayer.

Das Frühjahr 2015 begann mit milden Temperaturen und viel Sonnenschein. «Doch dann beobachteten wir seltsam gewölbte Blätter an einigen Reben», erinnert sich Louis. Dieselben Reben blühten kaum und trugen später nur wenige gesunde Beeren, die anderen blieben so klein wie Stecknadelköpfe. «Ich dachte zuerst, wir hätten versehentlich den Unkrautvernichter statt das Fungizid gespritzt.» Doch ähnliche Fälle traten in der ganzen Schweiz auf. Im Rheintal, im Aargau, im Wallis und vor allem im Kanton Waadt häuften sich die Meldungen von Missbildungen.

Schwächen in der Zulassung

Louis verglich seine Spritzpläne mit jenen von betroffenen Kollegen. Sie fanden eine einzige Übereinstimmung: Moon Privilege. Nicht alle gespritzten Reben waren beschädigt. Doch die beschädigten Pflanzen waren allesamt mit dem Fungizid in Kontakt gekommen.

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hat Moon Privilege im Jahr 2012 zugelassen. Dafür hatte es die Bewertungen verschiedener Bundesstellen zusammengefasst. Diese hatten untersucht, welche Auswirkungen das Fungizid auf die Umwelt hat, wie giftig es für die ArbeiterInnen ist und welche Auswirkungen es auf verschiedene Pflanzen hat. Keine der involvierten Stellen hatte während der mehrjährigen Prüfung Verdacht auf eine schädliche Wirkung geschöpft. So folgte das BLW der Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit und erteilte Bayer die Zulassung.

Rückblickend war das offenbar ein Fehlentscheid. Olivier Felix, Leiter des zuständigen Fachbereichs beim BLW, sagt: «Bei Moon Privilege trat etwas auf, das wir nie zuvor bei einem Fungizid beobachtet hatten.» Die schädlichen Auswirkungen seien erst im Jahr nach der Anwendung aufgetreten. Fungizide werden im Zulassungsverfahren aber lediglich bis zum Ende der jeweiligen Saison untersucht. Felix räumt ein, dass dieser Zeitraum offenbar zu kurz ist: «Wir werden das Zulassungsverfahren umgehend anpassen.»

Die Beeren blieben klein wie Stecknadeln: Betroffenes Rebgut in La Neuveville. Foto: Yves-André Donzé, «Le Journal du Jura»

Mitte Juni hat die Firma Bayer nun den WinzerInnen davon abgeraten, Moon Privilege weiterhin einzusetzen. Kurz darauf entzog das BLW dem Agrokonzern die Zulassung des Fungizids für Weintrauben; andere Kulturen wie Tomaten, Erdbeeren, Kirschen oder Zwetschgen dürfen nach wie vor damit gespritzt werden. Allerdings hält das BLW in einer Mitteilung fest, dass die Verbindung zwischen Moon Privilege und den Schäden noch «nicht abschliessend geklärt» sei.

Auch der Hersteller gesteht noch keinen direkten Zusammenhang ein zwischen seinem Produkt und den geschädigten Reben. Am Dienstag teilte Bayer jedoch mit, die betroffenen WinzerInnen entschädigen und ihnen zumindest einen Teil der Ernteausfälle ersetzen zu wollen. Es gäbe Hinweise darauf, dass Moon Privilege die Schäden verursacht habe. Derzeit trägt Bayer die Schätzungen über das Schadenausmass zusammen; spätestens Anfang 2016 sollen die WinzerInnen ein Entschädigungsangebot erhalten. Über die Grössenordnung der Entschädigungen will das Unternehmen noch keine Auskunft geben.

Ein Vorfall, wie es ihn noch nie gab

Chantal Aeby, Geschäftsführerin des Schweizerischen Weinbauernverbandes, ist mit der Reaktion des Unternehmens zufrieden. Bayer hat auch ihr gegenüber noch keine Zahlen genannt. «Wir erwarten aber, dass Bayer seine Verantwortung übernimmt und den Betroffenen eine faire Entschädigung auszahlt.» Sie schätzt, dass rund 900 Betriebe von der Missernte betroffen sind. Rund 1900 Hektaren seien beschädigt worden, die Ernteausfälle beliefen sich auf 26 bis 30 Millionen Franken. «Manche Bauern verloren bis zu neunzig Prozent ihrer Ernte – so einen Vorfall hatten wir noch nie.»

Aeby betont, der Kontakt zu Bayer sei gut, ein baldiges Treffen sei bereits geplant. Für den Agrokonzern steht nicht nur sein Ruf innerhalb der Schweizer Weinbaubranche auf dem Spiel. Im Zusammenhang mit Moon Privilege entstanden auch in Frankreich, Deutschland, Österreich und Südtirol teils erhebliche Ernteausfälle.

Die Schäden durch das Bayer-Produkt treffen die Schweizer WinzerInnen zu einem heiklen Zeitpunkt. «2013 der Hagel, 2014 das nasse Wetter und die Kirschessigfliege, jetzt Moon Privilege», fasst Hubert Louis zusammen. «Das ist besonders bitter, da dieser Sommer der beste seit langem war.» An den Reben rund um La Neuveville reifen derzeit die Spätfrüchte, sogenannte Wintertroller. «Wintertroller sind so sauer, dass sie höchstens für einen Grappa taugen», sagt Louis und verzieht das Gesicht. Aber er ist erleichtert, dass auch die geschädigten Stöcke Wintertroller tragen und sich anscheinend erholen.

Aufgrund des Vorfalls überlegt sich Louis, ob er in Zukunft nicht vermehrt auf biologische Pflanzenschutzmittel ausweichen soll; allerdings erst, wenn Mittel auf den Markt kommen, die gleich wirksam sind wie jene von Bayer. Das ist bei den beiden Pilzen bis heute nicht der Fall. Deshalb müsste er mehr Fungizid spritzen als heute (vgl. «Was ist biologisch?» im Anschluss an diesen Text). «So geht die ökologische Rechnung nicht auf», sagt Louis.