Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

«Em Bappi zlieb»

Etrit Hasler über eine PR-Aktion zum Frauenfussball

Von Etrit Hasler

Es hätte der PR-Coup des Jahres sein können: Am 1. Juni posteten die FC-Zürich-Frauen ein Video auf ihrer Facebook-Seite, in dem behauptet wurde, dass der Vorstand darüber nachdenke, den Spielbetrieb der Frauen einzustellen. Am 6. Juni wisse man mehr.

Der Zeitpunkt hätte natürlich nicht besser sein können: Die Frauen waren gerade zum 20. Mal Meister geworden, während sich die Männer nach der schlimmsten Saison seit Zürchergedenken aus der Erstklassigkeit verabschiedet hatten. Die Zeitungen waren voll von Spekulation darüber, was der (leicht irre, so der Medientenor) Vereinspräsident Ancillo Canepa als Nächstes verbrechen könnte. Wer hätte ihm da nicht zugetraut, die Frauenabteilung des Vereins aufzulösen? Schliesslich war es noch nicht einmal zehn Jahre her, dass der FCZ den Frauenfussballklub Seebach als eigene Abteilung übernommen hatte.

Das Video selbst war eine Aneinanderreihung von misogynen Klischees über Fussball: Der Trainer schlägt den Spielerinnen vor, künftig in Unterwäsche zu spielen. Zwei Spielerinnen unterhalten sich darüber, wie toll es im Training sei: «Ein bisschen schpörteln und Cüpli trinken …» Eine Verteidigerin gesteht ihre Ballphobie, was der Grund dafür sei, dass sie im Training jetzt mit Ballonen übe. Eine andere gesteht, sie wäre ohnehin lieber Eiskunstläuferin geworden, aber sie komme halt aus einer Fussballerfamilie und sei «em Bappi zlieb» beim Fussball gelandet – da sei es nicht so schlimm, wenn der Vorstand das Team nun auflöse.

Fünf Tage später lösten die FCZ-Frauen das Mysterium auf: Natürlich hatte der Vorstand nicht ernsthaft darüber nachgedacht, die ganze Aktion war ein PR-Gag gewesen, um auf einen neuen Sponsor hinzuweisen. In einem zweiten Video stellten die Spielerinnen die Klischees klar. «Fussball fliesst durch meine Adern», hiess es da nun, und: «Wir stehen nach einem Tackling wieder auf und winden uns nicht minutenlang am Boden.» Letzteres wohl ein Seitenhieb gegen Büne Hubers beschämenden «Pussy»-Ausbruch.

Ein bisschen Medienaufmerksamkeit gab das natürlich. «FCZ-Frauen spielen doch nicht in Unterwäsche», titelten die Gratisblätter – die Leserkommentare waren auf ähnlichem Niveau, inklusive Verweise darauf, dass es in den USA eine Liga gibt, in der die Frauen tatsächlich in Unterwäsche spielen, das sogenannte «Legends Football» (ehemals «Lingerie Football»). Eine echte Debatte entwickelte sich daraus leider nicht.

Dabei wäre der Zeitpunkt ideal gewesen. In den USA wird demnächst über eine Diskriminierungsklage entschieden, die fünf US-Nationalspielerinnen gegen ihren Verband eingereicht haben. Basis der Klage ist die Tatsache, dass die extrem erfolgreichen US-Fussballerinnen knapp ein Viertel des Lohns erhalten, den das Männerteam kassiert – obwohl sie zwanzig Millionen US-Dollar mehr Einnahmen generierten. Unterstützt werden die Frauen dabei (vielleicht überraschenderweise) von ihren männlichen Kollegen wie dem US-Nationaltorwart Tim Howard.

Dies wäre eine Diskussion, die durchaus in der Schweiz zu führen wäre. Wie die FCZ-Frauen in ihrem Video festhalten, sind sie alle keine Profis – in dem Sinn, dass sie alle gezwungen sind, nebenher zu arbeiten. Und das, obwohl sie Schweizer Rekordmeisterinnen sind und regelmässig in der Champions League spielen.

Dasselbe gilt natürlich auch für die Nationalteams: Während den Männern für ein erfolgreiches Turnier (mit öffentlichen Geldern mitfinanzierte) Boni von bis zu einer Viertelmillion Franken winken, werden die Frauen wie selbstverständlich mit Trinkgeldern von ein paar Hundert Franken abgespeist. Vielleicht sollten sich die Schweizer Fussballerinnen ein Vorbild an den Amerikanerinnen nehmen.

Etrit Hasler würde sich wünschen, dass ein paar der enttäuschten FCZ-«Fans», die in den letzten Wochen rumgejammert haben, sie würden sich nie wieder ein Spiel ansehen, stattdessen das beste Frauenteam der Schweiz unterstützen. Aber vielleicht ist diese ganz froh, dass sie keine solchen Jammeris als Fans hat.

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