Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Konsequent herrschaftslos

Anarchie ist, wenn Zürcher Reformatoren Wurst essen oder Hacker im Cyberspace agieren. Also alles oder nichts. Das zeigt eine experimentelle Ausstellung im Zürcher Strauhof.

Von David Hunziker

Die Ausstellung erzählt auch von überraschenden Anarchismen: Anarchokapitalismus in Zug. Foto: Strauhof, studio bis

Als Hans Magnus Enzensberger anhand des Anarchisten Buenaventura Durruti die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs erzählen wollte, stiess er während seiner Recherchen auf ein unüberschaubares Chaos von Stimmen. Statt dieses Chaos zu zähmen, übertrug er das Prinzip der Herrschaftslosigkeit in seinen Text. Was dabei herauskam – «Der kurze Sommer der Anarchie» –, nannte er einen «kollektiven Roman». Die Versuchung scheint gross, einen anarchischen Zugang zur Anarchie zu wählen.

Ähnlich nähert sich auch die aktuelle Ausstellung im Strauhof dem Thema an. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter als Enzensberger, der für seinen Roman immerhin eine lineare Erzählstruktur wählte. «Anarchie! Fakten und Fiktionen» versammelt 34 gleichberechtigte Beiträge, deren UrheberInnen – darunter Wissenschaftlerinnen, Schriftsteller, Künstlerinnen und Hausbesetzer – nahezu freie Hand gewährt wurde. Ein Ausstellungsstück sowie ein kurzer einordnender Text, so lautete die minimale Vorgabe. Eine übergeordnete Struktur ist kaum zu erkennen.

Mit verschiedenen Formaten zu experimentieren, ist das Ziel von Gesa Schneider und Rémi Jaccard, seit sie 2015 die Leitung des Strauhofs übernommen haben. Nach Ausstellungen zum Planeten Mars und zum Schriftsteller Friedrich Glauser verfolgt die dritte Schau seit der Neueröffnung dieses Ziel vielleicht am konsequentesten. Sogar die Anordnung der Beiträge im Raum folgt dem Prinzip der «Ordnung ohne Herrschaft»: Statt an der Wand befestigt, stehen die Exponate frei im Raum.

Direkte Aktion und Tea Party

Die Ausstellung gibt kein bestimmtes Verständnis von Anarchie vor, vielmehr erzählt sie von ganz unterschiedlichen, teilweise auch überraschenden Anarchismen. Als Zeithorizont dient ihr die gesamte Neuzeit: vom 9. März 1522, als die Zürcher Reformatoren mit einem Wurstessen im Haus des Druckers Christoph Froschauer gegen die katholische Obrigkeit aufbegehrten, bis zur anarchistischen Hackerkultur im Cyberspace. Man wählt also einen beliebigen Einstiegspunkt und zieht von dort aus verschiedene Verbindungslinien durch die Ausstellung.

Ein Objekt, das sonst zu den unauffälligsten gehört, fällt hier sofort auf: ein Briefkasten. Er steht für die Briefkastenfirmen von Zug – 8000 von ihnen soll es in dem Kanton laut dem grünen Finanzplatzkritiker Jo Lang geben. Der Beitrag erinnert an den hässlichen Bruder des Anarchismus: den Anarchokapitalismus. Für diese Ideologie, die das starke Individuum vergöttert und den Altruismus verachtet, steht auch die Schriftstellerin Ayn Rand, der sich ein weiterer Beitrag widmet. Die Rand-Begeisterung der Tea-Party-Bewegung bescherte der Schriftstellerin um das Jahr 2010 posthum die besten Verkaufszahlen aller Zeiten.

Harmloser kommt der Individualismus beim US-Schriftsteller Henry David Thoreau daher. Dieser war zwar kein Anarchist im gängigen Sinn, gilt aber immerhin als Begründer des zivilen Ungehorsams. Weil Thoreau die staatsbürgerliche Pflicht des Steuerzahlens missachtet hatte, verbrachte er 1846 einen Tag im Gefängnis. Das für ihn prägende Erlebnis verarbeitete er in einem Vortrag mit dem Titel «Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat», in dem er ein individuelles Widerstandsrecht verteidigte.

Freilich kommt auch der traditionellerweise als anarchistisch geltende Ungehorsam zu seinem Recht. Die vom Anarchosyndikalismus geprägte Taktik der direkten Aktion etwa: in Form der legendären Besetzung der Uhrenfabrik LIP im französischen Besançon von 1973 oder der Sabotageaktionen der Genfer Bauarbeitergewerkschaft – «au ralenti», langsamer Arbeiten, stand auf ihren Transparenten – zur Durchsetzung eines Gesamtarbeitsvertrags in den dreissiger Jahren.

Im christlichen Paradies

Thematisiert wird der politische Anarchismus ausserdem anhand seiner kommunistischen Kritiker Gramsci und Marx. Ganz so einfach – sprich: autoritär gegen antiautoritär – liegt die Sache bei Marx jedoch nicht, wie ein Beitrag zeigt. Beim Streit innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) ging es Marx nämlich nicht bloss um Bakunin, sondern vor allem auch um die Umtriebe des später in der Schweiz verhafteten Sergei Netschajew. Dieser war mit seiner Geheimorganisation an zahlreichen terroristischen Aktionen im Namen der IAA beteiligt. Geheimorganisationen seien zwingend autoritär strukturiert, so argumentierte Marx gegen die Gruppierung mit anarchistischem Selbstverständnis.

In einer ganzen Gruppe von Beiträgen wird Anarchie nicht primär politisch, sondern als ästhetische Methode oder als fiktionaler Stoff verstanden: das Nebeneinander von unzähligen literarischen Stilen in den Werken von James Joyce etwa oder der Humor der Marx-Brothers-Filme, den schon der Theatertheoretiker Antonin Artaud als anarchisch bezeichnet hat, oder das utopische Lied «Heureux temps!», das die Anarchie als christlich anmutendes Paradies imaginiert.

Abgesehen von diesen medialen Auflockerungen gibt die Ausstellung viel zu lesen. Dem Problem, dass einem dazu an Ort und Stelle oft die Zeit fehlt, wird geschickt vorgebeugt: In einem Raum im Parterre, Archiv genannt, stehen zahlreiche Texte und ein Kopierer bereit. Es stimmt eben doch, was in den Geheimdienstakten steht: AnarchistInnen drucken in der Nacht.

«Anarchie! Fakten und Fiktionen», Strauhof, bis 4. September 2016. Informationen unter strauhof.ch. Dort findet sich auch ein Formular, über das man das Archiv mit weiteren Beiträgen ergänzen kann.

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