Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Der Kampf ums eigenständige Leben

Von Silvia Süess

Wer ist verwerflicher: ein gewalttätiger, arbeitsloser Junkie oder eine alleinerziehende, geschiedene Frau, die nochmals heiratet? Um diese Frage dreht sich «Nahid», der erste Kinospielfilm der iranischen Regisseurin Ida Panahandeh. Und die Antwort darauf ist existenziell für die Protagonistin: Je nachdem, wie sie ausfällt, wird Nahid als alleinerziehende Mutter das Sorgerecht für ihren zehnjährigen Sohn zurückbekommen oder nicht. Denn nach dem aktuellen iranischen Gesetz erhält der Vater automatisch das Sorgerecht für das gemeinsame Kind, sobald die geschiedene Mutter wieder heiratet – ausser sie kann nachweisen, dass der Vater etwas Schlimmeres verbrochen hat als sie.

Nahid kämpft an mehreren Fronten: mit ihrem vorpubertären Sohn, der lieber in der Kneipe um Geld spielen geht, als dass er die Schule besucht, mit ihrem Exmann, der weder von den Drogen noch von ihr loskommt, und mit ihrem Vermieter, der sie aus der Wohnung werfen will, weil sie die Miete nicht bezahlen kann. Immer wieder sehen wir Nahid in ihrer engen Bleibe und im Treppenhaus, wo die Nachbarinnen lauschen und sich einmischen, immer wieder werden Türen geschlossen. Dieser Enge entzieht sich Nahid, wenn sie zu ihrem Geliebten Massud fährt, der ein Luxusresort am Meer führt. Um mit ihm zusammenleben zu können, aber trotzdem das Sorgerecht für den Sohn nicht zu verlieren, geht sie mit Massud heimlich eine im Iran mögliche «Zeitehe» ein, die nicht im Pass eingetragen wird und ständig erneuert werden muss. Doch ihr Plan geht nicht auf: Als ihr Exmann per Zufall von der Heirat erfährt, entführt er den Sohn.

In «Nahid» prallen zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite die schlecht ausgebildete untere Mittelschicht, für die Ehre, Tradition und der familiäre Zusammenhalt die wichtigsten Werte sind, auf der anderen Seite der liberale gebildete und weltoffene Massud. Hin- und hergerissen zwischen den Welten ist Nahid, die, grossartig dargestellt von Sareh Bayat, eigentlich nur eines möchte: ein eigenständiges, würdiges Leben gemeinsam mit ihrem Sohn.

Ab 16. Juni 2016 im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch