Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Kein Angriff auf die freie Welt

Der Anschlag von Orlando trifft die LGBT-Community direkt. Ihre Anliegen werden – auch in der Schweiz – ignoriert.

Von Florian Vock

Paris, Brüssel, Orlando. Das Narrativ ist klar: Der Angriff von aussen auf den freien Westen. «Je suis Charlie». «We are Orlando».

Wenn ich mich mit meinem Freund in der Öffentlichkeit bewege, dann blicke ich mich kurz um, bevor ich ihn küsse. Ich halte seine Hand nur dann, wenn ich einen mutigen Tag habe. So geht es den meisten in der LGBT-Community; Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen in der westlichen Welt. Wir sind nicht frei in der sogenannten freien Welt.

Genau darum gibt es das «Pulse» in Orlando, in dem am Samstag 49 Menschen erschossen und 53 verletzt wurden. Ich hätte den Club mit Sicherheit besucht, wäre ich in der Stadt gewesen. Ich feierte stattdessen im «Heaven» in Zürich, ebenfalls ein Gay Club. Wir veranstalteten dort eine Party für Jugendliche ab sechzehn. Nach einem wunderschönen Pride-Umzug in der Stadt: Einmal im Jahr nehmen wir den öffentlichen Raum ein. Für den Rest des Jahres haben wir uns Orte geschaffen wie das «Pulse» oder das «Heaven».

Der Angriff auf das «Pulse» trifft mich und die LGBT-Community direkt. Die Menschen wurden dort gezielt ermordet. Nicht zufällig auf der Strasse, sondern an einem Ort, an dem sie sich sicher fühlten. In einem physischen Raum, wo schwule Männer tanzen können, wie sie wollen, ohne abschätzig beäugt zu werden; wo Transmenschen eine Toilette benutzen können, ohne von strengen Blicken begleitet zu werden, die ihre Geschlechtsidentität hinterfragen. Es geht um Selbstverständlichkeiten.

Das ist wichtig, um zu verstehen, warum mich die kollektive Anteilnahme in diesen Tagen irritiert. Die gleiche Welt, die uns den Alltag oft nicht leichtmacht, stellt sich jetzt plötzlich an unsere Seite.

Zuallererst: Ich lasse mich nicht instrumentalisieren für Islamophobie, Kriege gegen den Terror, auch nicht für die Selbstzufriedenheit von Staatsoberhäuptern. Denn die Erzählung von den «offenen westlichen Werten» blendet unsere Lebensrealität gänzlich aus. Dabei kann gerade in der Schweiz viel vom Kampf der LGBT-Community gegen eine patriarchale, weisse, cis- und heteronormative Gesellschaftsordnung gelernt werden. Wem diese Begriffe nichts sagen, der sollte sie jetzt googeln. Das wäre der erste Schritt.

Alltägliche Homo- und Transphobie

«Ihr werdet nicht umgebracht in der Schweiz, in Arabien schon!», wird selbstgefällig eingewandt. Das stimmt nicht ganz. Die Suizidrate von LGBT-Menschen in der Schweiz ist erschreckend hoch, doch das interessiert kaum jemanden. In den LGBT-Organisationen sind wir darum sehr engagiert, arbeiten mit lesbischen und schwulen Jugendlichen, beraten Transmenschen, setzen uns ein für gleiche Rechte und die sexuelle und psychische Gesundheit der Community. Wir erleben dabei die Alltäglichkeit der Homo- und Transphobie westlicher Gesellschaften.

Ja, ich schätze mich glücklich, als schwuler Mann in der Schweiz zu leben. Doch ich werde deswegen nicht zufrieden schweigen. Homo- und transphobe Mechanismen sind vielfältig. Sie sind der Nährboden für religiös begründete und konservative Gewalt, für Gewalt mit Worten, Waffen oder Blicken. Auch in linken Organisationen.

Verletzliche Community

Wenn wir jetzt aus verschiedenen Quellen erfahren, dass der Mörder von Orlando selbst regelmässig das «Pulse» besucht haben soll, dann mag das auf den ersten Blick verstören. Wir wissen aber, dass Homo- und Transphobie auch von uns selbst verinnerlicht werden und sich anschliessend gegen die eigene Community richten können. Denn auch wir werden in einer heteronormativen Gesellschaft gross; wir kennen das Unbehagen, sich bei den eigenen Eltern zu outen, die Unsicherheiten am Arbeitsplatz, den Wunsch nach Anerkennung auf Kosten individueller Freiheit. Aber zum Glück gibt es Orte wie das «Pulse».

Ich war nicht Charlie. Ich war auch nicht Paris oder Beirut oder Brüssel. Es trifft mich jetzt, ganz direkt. Mir wurde die Verletzlichkeit meiner Community bewusst, weil es offenbar immer noch so einfach ist, uns zu hassen.

Wer auf den Mord an den Dutzenden Schwulen, Lesben und Transmenschen reagieren will, könnte damit beginnen, die Freiheit in der «freien Welt» auch für uns zur Selbstverständlichkeit zu machen. Man könnte die sexuelle Bildung an Schulen stärken oder die Arbeit von LGBT-Organisationen in der Schweiz endlich würdigen und unterstützen.

Wer sich aber beim nächsten Mal über unsere Umzüge enerviert, unser Bedürfnis nach Sicherheit im öffentlichen Raum ignoriert und sich weigert, über die Lebensqualität von LGBTs in der Schweiz zu sprechen, missachtet unsere Realität. Dann schützt uns nur noch die eigene Community. Und genau diese wurde durch den Massenmord im «Pulse» in ihrem Innersten getroffen.

Florian Vock ist SP-Grossrat aus Baden. Der 26-jährige Aktivist ist Leiter Projekte der Jugendorganisation «Milchjugend. Falschsexuelle Welten», die seit 2012 Räume für LGBT-Jugendliche schafft.

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