Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

Wie geht die Abstimmung wohl aus?

Warum sich Jessica Sigerist manchmal zweimal überlegt, ob sie Händchen halten soll oder nicht. Weshalb es bei der Ausweitung der Antirassismusstrafnorm nicht um einen Angriff auf die Meinungsfreiheit geht. Und was sie über Adoption und Reproduktionstechnologien denkt.

Von Nora Strassmann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Jessica Sigerist: «Eine Ablehnung der Initiative wäre ein sehr schlimmes Signal.»

WOZ: Frau Sigerist, Anfang Februar stimmen die Schweizer Stimmberechtigten über den «Schutz vor Diskriminierung für lesbische, schwule und bisexuelle Menschen» ab. Haben Sie auch schon Diskriminierung aufgrund Ihrer Bisexualität erlebt?
Jessica Sigerist: Ja, auf verschiedene Weisen. Die alltäglichste: Oft werde ich in meinem lesbischen Begehren nicht ernst genommen. Ungefragt bekomme ich zu hören, es sei doch bloss eine Phase oder ich stünde eigentlich auf Männer und küsste Frauen bloss, weil Männer das geil fänden. Wenn ich mit einer Frau rumgemacht habe, habe ich schon die üblichen Sprüche gehört – von «Kann ich bei euch mitmachen?» bis zu «Ihr seid ja so hässlich, kein Wunder, dass ihr keinen Mann abkriegt».

Gibt es also Situationen, in denen Sie sich absichtlich nicht als bisexuell outen?
Ja, wobei es immer nur meine Frauenliebe betrifft: Wenn ich mit einer Frau unterwegs bin, überlege ich mir ab und zu durchaus, ob wir Händchen halten und uns küssen sollen – oder doch lieber nicht. Physische Gewalt habe ich deswegen zum Glück noch nie erfahren. Aber komische Blicke musste ich schon Tausende einstecken. Damit kann ich leben, aber es nervt. Was ich bei meiner Bisexualität auch spüre: Es gibt eine gewisse Unsichtbarkeit.

Wie meinen Sie das?
Wenn ich mit einem Mann zusammen bin, werde ich in der Regel als heterosexuell eingeschätzt – und wenn ich mit einer Frau zusammen bin, als lesbisch. Selten kommt jemand auf die Idee, dass ich bisexuell sein könnte.

Wie erleben Sie den Abstimmungskampf als Betroffene?
Es ist schon verrückt, dass es Leute gibt, die darauf beharren, weiterhin gezielte Hassausrufe gegen homo- und bisexuelle Leute machen zu dürfen. Im Klartext bestehen sie darauf, ungestraft Hassreden gegen mich und andere Betroffene machen zu dürfen. Dabei geht es nicht um Meinungsfreiheit.

Worum geht es wirklich?
Hass ist keine Meinung. Es geht bei dieser Vorlage um einen Schritt hin zur Gleichberechtigung homosexueller und bisexueller Menschen. Verschiedene Umstände zeigen, dass dem heute noch lange nicht so ist: LGBTIQ-Menschen leiden überdurchschnittlich oft an psychischen Erkrankungen. Die Suizidrate bei LGBTIQ-Jugendlichen ist höher als bei cis-geschlechtlichen, heterosexuellen Jugendlichen. Letztlich geht es also auch um Leben und Tod.

Welche weiteren Schritte bräuchte es auf diesem Weg?
Die «Ehe für alle» natürlich! Sogar katholische Länder wie Irland haben sie schon eingeführt. Und der Zugang zu Reproduktionstechnologien müsste auch für homosexuelle Paare geöffnet werden. Ausserdem finde ich es schade, dass bei der Abstimmungsvorlage die Geschlechtsidentität als weitere Ursache von Diskriminierung wieder rausgenommen wurde. Das betrifft trans Menschen – also Menschen, denen bei der Geburt das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Was LGBTIQ-Rechte anbelangt, schneidet die Schweiz im europäischen Vergleich sehr schlecht ab – sie ist sehr konservativ. Das sieht man auch in der Geschichte, zum Beispiel beim Frauenstimmrecht.

Wie ist Ihr Bauchgefühl in Bezug auf die Abstimmung?
Dass die Vorlage durchkommt. Eine Ablehnung wäre ein sehr schlimmes Signal. Denn im Kern geht es um mehr als um diskriminierende Äusserungen. Es wäre ein Symbol für die gesellschaftliche Intoleranz gegenüber LGBTIQ-Menschen. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind keine freie Wahl, auch wenn das viele immer noch denken – darum ist die Gesetzesänderung an die Rassismusstrafnorm gekoppelt.

Sie haben den Zugang zu Reproduktionstechnologien angesprochen. Steht gleichgeschlechtlichen Paaren heute nur die Möglichkeit der Adoption offen?
Ja, sogar nur der Stiefkindadoption. Wenn ich ein Kind aus einer früheren Beziehung mit einem Mann hätte und heute mit einer Frau zusammen wäre, könnte sie dieses Kind adoptieren. Aber wir dürften nicht zusammen ein fremdes Kind adoptieren. Doch man muss ja nicht zwangsläufig in einer Beziehung sein, um ein Kind zu zeugen. Das kann ja auch bei einem One-Night-Stand geschehen. Und man muss dafür ja nicht einmal Sex haben. Da gibt es viele andere Möglichkeiten: Sperma kann man zum Beispiel in einer Spritze aufziehen und das zu Hause in der Stube machen. Dann gibt es sogenanntes Ko-Parenting: Zwei Leute, egal welcher sexuellen Orientierung, die befreundet, aber nicht ineinander verliebt sind, zeugen zusammen ein Kind und ziehen es gross. In der Realität gibt es viele solche Beispiele, und nicht erst seit heute! Dazu gehören natürlich auch viele gleichgeschlechtliche Paare, die zusammen Kinder grossziehen. Mit einer Gesetzesänderung würde es nicht mehr von ihnen geben – aber sie würden sich rechtlich absichern können und sich sicherer fühlen dürfen.

Jessica Sigerist (33) wurde bei der Geburt korrekterweise das weibliche Geschlecht zugewiesen – sie ist also cis-weiblich. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner führt sie einen queerfeministischen Onlinesextoyshop.

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