Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Rutschender Brei

Karin Hoffsten über spezielle Formen der Nahrungsaufnahme

Von Karin Hoffsten

Auch Menschen, die das sogenannt blühende Leben sind, ereilen ab und zu körperliche Beschwerden. Meine Freundin Maja hatte es kürzlich mit dem Magen, worauf die Fachwelt diesen von innen sehen wollte. Zuerst mit einer via Schlauch eingeführten Kamera, was dank Kurznarkose nicht wehtat, dann als Liveübertragung auf einem Röntgenschirm, wo Maja dem weissen Kontrastbrei beim Rutsch durch die Speiseröhre bis in den Magen selber zuschauen konnte. Sie war fasziniert, doch die Fachwelt sah nicht klarer.

Also wurde Maja in ein grösseres Spital geschickt. Dort staunte die Ärzteschaft: Majas Speiseröhre sei ungewöhnlich geformt; selbst der Chefarzt erklärte, so etwas noch nicht gesehen zu haben. Weil man aber zur sicheren Diagnose gern eigene Methoden anwende, ordnete man sämtliche Untersuchungen erneut an und noch einige dazu. Majas Mann beschäftigte die Frage, ob es eigentlich noch um Majas Magen oder um einen interessanten Forschungsgegenstand gehe – schliesslich diene das grosse Spital auch Ausbildungszwecken.

Diesmal wurde ein Schlauch durch Majas Nase gefädelt, bei Bewusstsein, was wehtat, und sie musste für allerlei Messungen alles Mögliche schlucken. Am leckersten sei der gekochte Basmatireis gewesen, erzählte Maja, zumal sie an jenem Tag nicht habe frühstücken dürfen.

Kurz darauf war erneut eine Liveübertragung des Schluckvorgangs angesetzt; diesmal wollte man beobachten, wie sich feste Nahrung in Majas Speiseröhre gebärde. Erst wurde sie von einem netten jungen Mann gebeten, sich ein Spitalnachthemd überzuziehen und auf «die Ärzte» zu warten; rund zwanzig Minuten später trafen diese ein – sie ein Double von Stefanie Heinzmann, er der wiederauferstandene jugendliche Philip Seymour Hoffman –, grüssten flüchtig und montierten Bleischürzen. Auf Majas Frage, weshalb denn sie keine solche bekomme, meinte Pseudostefanie, im Gegensatz zu ihnen sei sie den Strahlen ja nur kurz ausgesetzt. Maja war verwirrt: Ging es denn nicht um denselben Vorgang?

Stehend wurde Maja in ein Gerät geklemmt, dann reichte Pseudostefanie ihr mehrmals einen Becher mit der Aufforderung, einen Schluck zu nehmen, dessen Rutsch die jungen Leute in ihrem Rücken jeweils murmelnd kommentierten; selber zuschauen konnte sie nicht, sie langweilte sich. Als «feste Nahrung» und Schlussbouquet gabs ein Stückchen Zopf mit viel zu viel Butter, was geschluckt auch nur Brei war.

Dann wartete man auf die Oberärztin. Weiterhin eingeklemmt stehend, fragte sich Maja, weshalb sogar ein Soldat hin und wieder «bequem stehen» darf, nicht aber sie. Bei Majas Anblick fragte die schliesslich eingetroffene Oberärztin entgeistert, ob es denn in diesem Raum keinen Hocker gebe. Nö, meinten Stefanie und Philip munter, sie stünden ja gut. «Aber für die Dame!», rief da Frau Oberärztin, was Maja mit einigem versöhnte.

Die Untersuchungsergebnisse waren übrigens negativ. Maja ist gesund.

Karin Hoffsten freut sich für ihre Freundin und ist dem Geheimnis ständig steigender Gesundheitskosten wieder ein Schrittchen näher gekommen.

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