Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Zum Schluss

Susi Stühlinger über Freuden und Verluste

Von Susi Stühlinger

Auch die schönsten Dinge haben ein Ende. So kann es kein Zufall sein, dass der Abschied des SVP-Asylexperten Andreas Glarner von Twitter fast zeitgleich erfolgt mit dem Abschied der Autorin aus dieser Rubrik. Im Gegensatz zu Letzterem ist das mit Herrn Glarner ein herber Verlust, werden seine 140-Zeichen-Analysen doch sämtlichen PolitkolumnistInnen dieses Landes ganz enorm fehlen.

Zum Beispiel kann Herr Glarner nämlich – gemäss eigenen Aussagen – dank seines ästhetischen Bewusstseins beurteilen, ob jemand, also insbesondere eine Frau, «im Leben zu kurz gekommen» ist (vgl. «Zwei Leben, ein Balkon»). Nicht zu kurz gekommen, so beurteilt eine Redaktorin des «Tages-Anzeigers», ist beim Spiel der Schweizer Nati gegen Frankreich insbesondere eine Gruppe: «Vor allem die Damen haben wieder was zum Feiern: Das siebte Trikot ist zerschlissen, und wieder gibts eine gestählte Männerbrust zu sehen.» Verständlich, dass so eine gestählte Männerbrust Frau mehr in Wallung bringt als tendenziöse Schiedsrichterentscheidungen, bei denen sie eh nicht drauskommt.

Allenfalls wäre Herr Glarner geneigt zu behaupten, dass er beurteilen könne, inwiefern die Reaktionen von Frauen auf teilentblösste Oberkörper von Pseudoschweizern mit Namen wie Xhaka, Behrami und Dzemaili oder Hautfarben wie Schwarz darauf schliessen lassen würden, ob derlei Frauen im Leben zu kurz gekommen seien oder nicht. Die Schreibende möchte dem höchstens noch anfügen, dass sie mit einer Länge von 1,56 Metern im Leben eher kurz geraten ist, was aber noch nicht bedeutet, auch zu kurz gekommen zu sein. Diesbezüglich müsste sie sich vielleicht einmal der Analyse eines Experten wie Herrn Glarner unterziehen, der allerdings zur Verhinderung einer weiteren Schmälerung seiner Lebensqualität seinem «Kopf nicht zuleide tun» muss, «was von dieser Seite kommt», was wohl auch heisst, dass, sollte die Autorin «von dieser Seite» kommen, wovon sie ausgeht, Herr Glarner ihr sein Ohr in dieser Frage leider gar nicht leihen würde.

So weit zum Wichtigen. Bleibt der Ausblick auf das, was da noch kommen mag, im Einzelnen (in folgender Reihenfolge): der Sommer. Der Ersatz der Nati-Trikots «zum Leidwesen der Damen» («Tages-Anzeiger»). Das EM-Aus. Sichtung des verschollenen Hochlandrinds von Pontresina auf der Bündner Flüchtlingsroute. Oberwil-Lieli bewilligt den Kredit zur Errichtung eines Stacheldrahtzauns. Der Wirtschaftsnobelpreis für Johann Schneider-Ammann. Veröffentlichung der Autobiografie von Roger Schawinski inklusive Porträtfoto mit entblösstem Oberkörper (von der Redaktion des «Tages-Anzeigers» frenetisch gefeiert). Der Staatsbesuch des neuen US-Präsidenten auf Einladung von Asylminister Glarner inklusive Inputreferat zum Thema «Physiognomie und Schädelvermessung». Die Unternehmensteuerreform IV wird dank des von Avenir Suisse implementierten Stimmrechts für Kinder, das von deren Eltern ausgeübt wird, mit überragendem Mehr angenommen. Die Ernennung Schneider-Ammanns zum OECD-Generalsekretär. Das entlaufene Hochlandrind bleibt flüchtig.

Susi Stühlinger verabschiedet sich hiermit aus dieser Rubrik.

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