Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Zwei Leben, ein Balkon

Simon Kopp ist Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. Nebenbei arbeitet er an derselben Adresse als Krisenkommunikator für Firmen und Personen aus der Region. Ein gröberer Interessenkonflikt?

Von Daniel Ryser (Text) und Ursula Häne (Foto)

Simon Kopp in seinem Büro. Aber in welchem?

«Professionelle Medienarbeit»: Das ist es, was die Firma Deicher Kopp Kommunikation anbietet. Aktuell begleitet das Unternehmen den Bau der Luzerner Pilatus-Arena, einer Art Sport- und Eventstadion. Auch beim 50-Millionen-Franken-Projekt Alterszentrum St. Anna ist die Firma für die Kommunikation zuständig, wie auch beim umstrittenen 200-Millionen-Theaterbauprojekt Salle Modulable: «Von der Organisation der Medienkonferenz über das Verfassen der Medienmitteilung bis hin zu den Auskünften und Interviews für Journalisten: Wir organisieren die Medienarbeit für Sie, für Ihre Organisation, für Ihr Projekt. Massgeschneidert und professionell – individuell und schlagkräftig – erfahren im täglichen Kontakt mit den Medien. Auf Wunsch bleiben wir aber auch im Hintergrund, beraten Sie im Umgang mit Journalisten, geben Ihnen Tipps für sichere Interviews und schulen Sie für einen professionellen Auftritt.»

Deicher Kopp bietet zudem eine Notfallhotline an, illustriert mit einem Blaulicht: «Es brennt! Wer hilft? Wir natürlich. Wir sind rund um die Uhr für Sie da und können Ihnen auch kurzfristig die nötige Unterstützung bieten.»

Weltweit einmalig?

Als Geschäftssitz der Firma ist die Privatadresse des Partners Daniel Deicher eingetragen. Für die Trainings- und Besprechungsräume findet sich auf der Website folgende Adresse: Zentralstrasse 28, 2. Stock. Im selben Stockwerk befinden sich auch die Räume der Luzerner Staatsanwaltschaft.

Hier arbeitet Simon Kopp montags und dienstags als Sprecher der Staatsanwaltschaft, an den übrigen Tagen bietet er an derselben Adresse seine Notfalltrainings an für Leute, bei denen es «brennt». Am Medienausbildungszentrum MAZ, das sich im Titel «Schweizer Journalistenschule» nennt, bildete Kopp jahrelang Kommunikationsmenschen darin aus, JournalistInnen mit möglichst blumigen Worten möglichst wenig zu sagen. Früher war Kopp selbst Journalist. Das ist lange her.

Heute nutzt nicht nur die Wirtschaft seine Dienste, auch neu gewählten GemeinderätInnen bietet Kopp seinen Service an. Und der Feuerwehr. Und der Polizei, deren Sprecher er jahrelang war.

Schön praktisch, könnte man sagen: Wenn Firmen oder Personen ins Visier der Luzerner Staatsanwaltschaft geraten, können Sie für die nötige Krisenkommunikation gleich sitzen bleiben. Steht Simon Kopp also in einem grundsätzlichen Interessenkonflikt? Trennt er seine Aufgaben? Lassen sie sich überhaupt trennen?

Zwei Profis in der Kommunikationsbranche, die nicht namentlich genannt werden wollen, sprechen von einem weltweit wohl einzigartigen Fall: «Normalerweise wechseln Journalisten oder ehemalige Sprecher von Staatsstellen in die private Krisenkommunikation. Simon Kopp fährt bewusst zweigleisig: Er arbeitet für die Staatsanwaltschaft, und er arbeitet als privater Krisenkommunikator. Doch gerade in der Krisenkommunikation haben wir es häufig auch mit Fällen zu tun von Leuten oder Firmen, die ins Visier der Justiz geraten sind.»

Zwischen Amtsgeheimnis und PR

Nun aber zeigt sich, dass sich die vielseitige Schaffenskraft des «Informationsbeauftragten Staatsanwaltschaft», wie Simon Kopps offizielle Bezeichnung lautet, noch in einen dritten Bereich aufteilt: Kopp ist nicht nur privater Krisenkommunikator (50 Prozent), er ist neben seiner Rolle als Sprecher der Staatsanwaltschaft (30 Prozent) nach wie vor auch Sprecher der Luzerner Polizei (20 Prozent).

Das führt zu Situationen, die aus der Feder von Monty Python stammen könnten: Als Sprecher der Luzerner Polizei verteilte Simon Kopp an einem Morgen im März 2016 in Malters Sandwiches an JournalistInnen. Eine ältere Frau hatte sich mit einem Gewehr in einem Haus verbarrikadiert. Dann informierte Kopp zusammen mit dem Einsatzleiter den Gemeindepräsidenten über den Einsatz. Ein Einsatz, der mit dem Tod der älteren Frau endete. In seiner zweiten Rolle als Sprecher der Staatsanwaltschaft verfasste Kopp vergangene Woche jene Medienmitteilung, die besagte, dass die Luzerner Staatsanwaltschaft nun gegen den damaligen Einsatzleiter sowie den Polizeikommandanten eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet habe. Kopp schrieb den PR-Text zu einem Verfahren, in dem er in seiner Funktion als Polizeisprecher selbst Partei ist.

Ich hatte in dieser Angelegenheit noch gar keine Recherchen angestellt, sondern erst ein einziges Mail geschrieben – an den Gemeindepräsidenten von Malters. Da erhielt ich schon eine Antwort. Nicht vom Gemeindepräsidenten, sondern von Kopp: «Mit Interesse habe ich erfahren, dass Sie scheinbar sich für mich und meine Arbeit für den Kanton Luzern interessieren. Grundsätzlich freut mich das, da ich in meinem 50-Prozent-Pensum für den Kanton Luzern eine vielseitige und interessante Arbeit verrichte. Gerne stehe ich Ihnen für Ihre Fragen zur Verfügung.» Das Mail schickte Simon Kopp mit Kopie an seinen Chef, Oberstaatsanwalt Daniel Burri.

Nicht für jeden erreichbar

Persönlichkeiten aus der regionalen Politik und Justiz wollten sich zu dieser Sache nicht äussern, weil sie mit Kopp verbandelt sind – an Hochschulen, in Trainings, in Verbänden. So funktioniert Networking. Drei JournalistInnen, die in der Region tätig sind, beklagten jedoch die Machtballung von Kopp. Sie sind der Meinung, dass Kopp nicht informiere, sondern Information verhindere; dass er mit seinem knappen Teilzeitpensum schwer erreichbar sei – und wenn, dann nur per Mail, wo er sich dann aussuche, wem er überhaupt antworte.

Im Gegenteil, sagte Simon Kopp: JournalistInnen würden ihm gratulieren, weil dank ihm inzwischen zum Beispiel auch Feuerwehrleute nach Einsätzen brauchbare Quotes lieferten. Das sagte er, als er mich diese Woche in seinen Büros im zweiten Stock der Zentralstrasse empfing – dem Büro von Deicher Kopp und jenem der Staatsanwaltschaft. Um in diese beiden Büros zu gelangen, musste man vor derselben gesicherten Glastür warten. Rechts dann lag eine weitere gesicherte Tür zu den Büros der Staatsanwaltschaft, links ging es zu Kopps Firma.

Simon Kopp öffnete die Glastür zu den Büros der Staatsanwaltschaft und zeigte mir «eines meiner beiden Leben». Ich fragte ihn, ob er denn für die privaten Räume Miete bezahle. «Korrekterweise muss ich Ihnen diese Frage in den anderen Räumlichkeiten beantworten», sagte er. Er schloss die Sicherheitstür hinter sich, und wir schritten die zwei Meter durch den Gang und standen nun in seinem «zweiten Leben», im Büro von Deicher Kopp. Ich trat auf den Balkon mit Blick auf den Bahnhof. Der Balkon war derselbe wie der von der Staatsanwaltschaft. Hier können Kopp und vor allem sein Geschäftspartner Daniel Deicher ohne Sicherheitsschleuse zwischen Kopps beiden Leben, zwischen Staatsanwaltschaft und Deicher Kopp, zwischen privater Krisenkommunikation und Amtsgeheimnis, frei hin und her laufen.

«Konsequent getrennt»

Meine Fragen hatten Kopp und sein Chef, Oberstaatsanwalt Daniel Burri, bereits zuvor per Mail beantwortet: «Simon Kopp hat eine Bewilligung für die Nebenbeschäftigung», schrieb Burri. «Er trennt die beiden Bereiche konsequent und arbeitet mit einer klaren räumlichen Trennung. Die Räumlichkeiten hat er selber beim Kanton gemietet.» Bis jetzt, so Burri, habe es keinen Interessenkonflikt gegeben. «Sollte es zu einem Konfliktfall kommen, gehen die Interessen der Staatsanwaltschaft vor. In einem solchen Fall müsste das private Mandat unverzüglich niedergelegt werden.» Das reduzierte Pensum von Kopp im Dienst von Polizei und Staatsanwaltschaft sei eine Folge des Spardrucks, schrieb Burri.

Simon Kopp hatte geschrieben: «Wir beraten explizit keine Personen, welche in ein strafrechtliches Verfahren involviert sind. Wir prüfen das vor einer Auftragsannahme sorgfältig im Gespräch mit den Kunden oder definieren es sogar im Vertrag. Es gab schon Anfragen, welche wir entsprechend absagen mussten. Das Blaulicht auf unserer Homepage soll nur als Symbol den Notfall symbolisieren – es hat somit keinen direkten Zusammenhang mit der Polizei.» Er verwende auch kein vertrauliches Behördenwissen in seinen Medientrainings.

Als wir uns verabschieden, sagt Kopp, er wolle die Berichterstattung nicht beeinflussen, aber er fürchte, dass ihm die Geschichte schaden könne. Es gebe schliesslich immer Leute, die einem etwas nicht gönnten. Er sei einfach ein Mann, der ein Feuer für die Kommunikation verspüre. Ein Mann mit vielen Hüten, sagt Kopp.

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