Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Ein wenig Optimismus in der Dürre

In Äthiopien herrscht die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Dazu kommen heftige Überschwemmungen. Dennoch ist die Katastrophe nicht mit der Hungersnot der achtziger Jahre zu vergleichen.

Von Bettina Rühl, Afar (Text und Foto)

«Was von meinem Vieh überlebt hat, ist mehr tot als lebendig»: Zahara Mohammed mit ihrem Enkel Arab Mohammed im Weiler Maagidayto im Nordosten Äthiopiens.

Würzig und intensiv riecht der Kaffee, den Zahara Mohammed ihren Gästen aus einer tönernen Kanne serviert. Die fünfzigjährige Äthiopierin hat in den vergangenen Monaten fast allen Besitz verloren. Ihre 30 Kühe sind verendet, die Hälfte ihrer einst 200 Ziegen ist gestorben. «Von denen, die bis jetzt überlebt haben, sind viele mehr tot als lebendig», sagt sie mit rauer Stimme. Aber Zahara Mohammed ist eine Nomadin aus Afar, und als Nomadenfrau ist ihr die Gastfreundschaft selbst im grössten Elend heilig. Deshalb offeriert sie als Erstes Kaffee.

Äthiopien leidet seit vielen Monaten unter extremer Trockenheit. Zahara Mohammeds Heimatregion im Nordosten des Landes gehört zu den besonders betroffenen Gebieten. «Drei meiner Enkelkinder sind nur noch Haut und Knochen», sagt die Mutter von zehn Kindern. Wie verschiedene Hilfsorganisationen berichten, seien vor Ort bereits etliche Kinder verhungert. Grund für die nach Uno-Angaben schlimmste Dürre seit Jahrzehnten sei das Wetterphänomen El Niño, dessen Folgen in vielen Regionen Ostafrikas spürbar sind.

Wegen des extremen Regens, der anderen Seite des El-Niño-Effekts, sind bisher fast 200 000 Menschen von den Überflutungen betroffen: 19 000 Familien wurden obdachlos. Dabei hat die reguläre Regenzeit erst gerade begonnen und dauert noch bis September. Den Vorhersagen zufolge werden in den nächsten Monaten allein durch die Unwetter eine halbe Million Menschen obdachlos werden – zusätzlich zu den 200 000 übrigen intern Vertriebenen im Land. Schon jetzt sind nach den Zahlen der Vereinten Nationen rund zwanzig Millionen Menschen kritisch oder sehr kritisch unterernährt und auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Das wären doppelt so viele wie im Vorjahr.

Seit Jahren extremes Wetter

Die Nomaden in der Region Afar haben die tödliche Kraft des Regens bereits fürchten gelernt. Wenn Mohammed Yusuf an die Regennächte im vergangenen Herbst denkt, wird sein Blick heute noch starr. Während einer Nacht starben Dutzende seiner Tiere, in der ganzen Region waren es Tausende. «Nach der langen Trockenheit waren unsere Tiere völlig entkräftet», sagt der hagere Familienvater, der wie Zahara Mohammed im Weiler Maagidayto lebt. Rinder, Kamele, Ziegen und Schafe hätten zitternd im nächtlichen Regen gestanden und seien nach ein paar Stunden einfach tot umgefallen, weil sie völlig ausgekühlt waren. «Allein ich habe fünfzehn Rinder und hundert Ziegen verloren. Mir sind nur drei Kühe und zehn Ziegen geblieben.»

Auch andere NomadInnen sowie HelferInnen der Regierung erzählen von den vielen Kadavern, die anschliessend in regelrechten Grossaktionen möglichst schnell verbrannt werden mussten, um die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern. Das waren albtraumhafte Szenen für die NomadInnen, deren Überleben mit dem ihrer Herden eng verknüpft ist und die deshalb ein inniges Verhältnis zu ihren Tieren haben.

Dass ihr Vieh den Wetterkapriolen kaum noch standhalten kann, hat eine Vorgeschichte. «Die Trockenheit nahm im Lauf der vergangenen Jahre stetig zu», erzählt Mohammed Yusuf. Fast die Hälfte seiner Herde sei während der letzten zwei Jahre gestorben. Auf die Frage, ob er mit seinen fast zwanzig Rindern und über hundert Ziegen früher nicht ein reicher Mann gewesen sei, lacht der Familienvater bitter. Das war er wohl, doch jetzt stehe er kurz vor dem Ruin. Denn die NomadInnen tauschen ihre Ziegen auf dem Markt gegen Getreide. Derzeit bekommen sie aber kaum noch etwas für ihr abgemagertes Vieh. Für seine Familie braucht Mohammed zwei Säcke Getreide im Monat, beim gegenwärtigen Kurs sind das vier bis acht Ziegen. Er kann sich leicht ausrechnen, wie lange er mit seinen zehn Ziegen überlebt.

Wie um das Gespräch zu illustrieren, nähert sich langsam eine Kuh der kleinen Siedlung Maagidayto, die aus einem halben Dutzend halbrunder Nomadenzelte besteht. Unter dem hellen Fell des Tieres zeichnet sich deutlich das Skelett ab. «Diese Kuh wird es auch nicht mehr lange schaffen», sagt Zahara Mohammed. Die Fünfzigjährige hat dafür einen sicheren Blick entwickelt. Hunderttausende Tiere sind während der diesjährigen extremen Dürre bislang gestorben. Allein in der Region Afar sind es nach Regierungsangaben bis zu 600 000. Das entspricht einem Drittel des ursprünglichen Viehbestands.

Geldbedarf nicht gedeckt

Aufgrund der extremen Wetterlage sind derzeit gut zehn Millionen der über neunzig Millionen ÄthiopierInnen (die Zahlen variieren je nach Quelle stark) von humanitärer Hilfe abhängig. Hinzu kommen mehr als acht Millionen Menschen, die auch sonst regelmässig staatliche Unterstützung erhalten, und rund 750 000 Flüchtlinge aus den umliegenden Ländern. Aber der Geldbedarf für die entsprechenden Programme ist bei weitem nicht gedeckt. Dennoch bemühen sich die äthiopische Regierung, die Vereinten Nationen und internationale Hilfsorganisationen, so viele Menschen im Land wie möglich zu erreichen. «Das ist ja auch die Verantwortung einer Regierung», erklärt Mitiku Kassa, Leiter der staatlichen Nothilfeagentur in Addis Abeba. «Wir sind dieser Verantwortung nachgekommen.» Kassa spricht mit spürbarem Stolz. Seinen Angaben zufolge hat die Regierung zehn Prozent ihres Jahresbudgets für die Nothilfe zur Verfügung gestellt. Kassa betont, dass sich sein Land diese Mittel ohne das enorme Wirtschaftswachstum – der Internationale Währungsfonds spricht von durchschnittlich über zehn Prozent in den letzten acht Jahren – nicht hätte leisten können.

Viel zu spät um Hilfe gebeten

Trotz allem Respekt vor der Leistung der Regierung ist auch Kritik zu hören. Viel zu lange habe sie versucht, die Auswirkungen der Dürre kleinzureden, heisst es unter internationalen HelferInnen. Addis Abeba wehrt sich massiv gegen das Image des «Hungerlands», das Äthiopien seit der enormen Trockenheit in den achtziger Jahren anhaftet. Damals starben etwa eine Million Menschen. Die Katastrophe war so dramatisch, weil die damalige kommunistische Militärdiktatur die Dürre politisch instrumentalisierte, zumal sie in die Zeit des langen Bürgerkriegs (1974–1991) fiel. Heute ist die Situation anders: In den letzten Jahren machte das ostafrikanische Land vor allem mit seinen wirtschaftlichen Erfolgen von sich reden. Womöglich um an diesem neuen Image nicht kratzen zu müssen, habe die Regierung das Ausland viel zu spät um Hilfe gebeten, mutmassen VertreterInnen internationaler Hilfsorganisationen.

Andere KritikerInnen monieren, dass sich in der Krise zeige, wie unterschiedlich der neue Reichtum verteilt sei. Während Zentren wie die Hauptstadt Addis Abeba boomen und auch die einstige Krisenregion Tigray beeindruckende Fortschritte macht, werden Gegenden wie Afar weiterhin vernachlässigt. Bezeichnenderweise ist Tigray, in den achtziger Jahren Zentrum der Hungersnot, die Herkunftsregion der jetzigen politischen Elite, die nach dem Sturz des Diktators Mengistu Haile Mariam 1991 die Macht übernommen hat. «Während Addis Abeba boomt, werden viele Regionen zweifellos vernachlässigt», meint Stefan Brüne, der seit Jahrzehnten als politischer Berater für verschiedene Organisationen am Horn von Afrika arbeitet. Aber vermutlich sei es bei der Entwicklung eines verarmten Landes zumindest vorübergehend gar nicht zu vermeiden, dass sich zunächst starke Zentren bildeten und auch Führungseliten entstünden. Im Vergleich mit anderen Staaten in der Region sei die Regierung indessen ohne Frage bemüht, tatsächlich etwas für die Bevölkerung zu tun und sich nicht bloss die eigenen Taschen zu füllen, sagt Brüne. Dass in Äthiopien die Auswirkungen der schwersten Dürre seit Jahrzehnten bisher nicht katastrophalere Ausmasse angenommen haben, ist tatsächlich Anlass zur Hoffnung.

Was zu tun wäre

«Die meisten Projekte sind nicht für Nomaden»

Die 66-jährige Australierin Valerie Browning ist Hebamme und lebt seit fast drei Jahrzehnten in Afar, wo sie für eine Selbsthilfeorganisation der NomadInnen arbeitet. In ihrem Büro hängt eine lange Liste mit den Namen der verschiedenen Geldgeber und internationalen Partnerorganisationen.

WOZ: Valerie Browning, Sie bekommen offensichtlich viel Unterstützung aus dem Ausland.
Valerie Browning: Die haben wir auch bitter nötig. Hier leben 1,5 Millionen Afar. Die meisten können weder lesen noch schreiben, es gibt zu wenige Schulen, kaum medizinische Versorgung, kaum Strassen, kaum Wasser. Wir bräuchten das Dreifache von dem, was wir bekommen.

Was sind die grössten Probleme der Menschen in der Region?
Es gibt einmal den strukturellen Mangel. Wir kämpfen für die Alphabetisierung der Afar, damit sie Zugang zur Geldwirtschaft erhalten. Stattdessen profitieren Menschen aus anderen Landesteilen von den Ressourcen, die es hier gibt. Ausserdem sind die meisten Hilfsprojekte bestenfalls für sesshafte, aber nicht für nomadische Gesellschaften angemessen. Hinzu kommt, dass die Verschärfung des Klimawandels kleine Fortschritte zunichtemacht.

Was wäre ein Beispiel dafür?
Viele internationale Organisationen denken immer als Erstes an die Gebäude, zum Beispiel wenn sie Schulen oder Krankenstationen gründen wollen. Aber solche Gebäude sind hier nutzlos, weil sie den Hirten und ihrem Vieh nicht folgen können. Wir achten zum Beispiel darauf, dass Gesundheitsstationen und Klassenzimmer mobil sind.

Wäre die aktuelle Notlage aus Ihrer Sicht vermeidbar gewesen?
Der Effekt von El Niño ist nicht zu leugnen. Aber die Krise hat sich seit mindestens zehn Jahren angebahnt. Die Trockenzeiten werden häufiger und extremer. Die Zeiten dazwischen sind zu kurz, als dass sich die Nomadenfamilien wirtschaftlich erholen könnten. In immer mehr Haushalten gibt es keinerlei Rücklagen mehr.

Was wäre zu tun?
Es ist jetzt wichtig, nicht nur kurzfristig Wasser und Lebensmittel zu verteilen. Die Regierung und die Hilfsorganisationen müssen die Herden der Afar aufstocken, damit die Nomaden wirtschaftlich wieder auf eigenen Füssen stehen. Ausserdem muss das Weideland besser gegen Erosion geschützt und das Wassermanagement verbessert werden.

Interview: Bettina Rühl

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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