Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Spurensuche gegen das Vergessen

Verschüttete Fakten, befremdende Fotos: In seiner Essaysammlung geht der Journalist Martin Pollack unliebsamen Erinnerungen nach – kollektiven ebenso wie sehr persönlichen.

Von Rea Brändle

Warum tut der Junge das? Und für wen?, fragt sich der Journalist Martin Pollack. Foto: Aus dem besprochenen Buch

«Topografie der Erinnerung» ist ein vielversprechender Titel, zumal das Buch Texte von Martin Pollack versammelt, dem österreichischen Slawisten und Kenner der mitteleuropäischen Geschichte. Bis 1998 war er «Spiegel»-Korrespondent in Polen, danach wurde er bekannt als Autor von Büchern wie «Der Tote im Bunker» (2004) über den eigenen Vater und dessen Verbrechen im Nationalsozialismus oder «Kaiser von Amerika» (2010) über die grosse Flucht aus Galizien.

Das Schweigen in Rechnitz

Auch sein Erinnerungsbuch handelt von diesen beiden Themen. So recherchierte er in Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze, wo in der Nacht auf den 25. März 1945 unter dem Kommando seines Vaters 180 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden. Ihre Gräber wurden nie gefunden. Wohl muss es MitwisserInnen gegeben haben; sie aber schwiegen.

Der Verfasser eines offiziellen Berichts «Über die Ereignisse 1944–1956 in Rechnitz» konnte (oder wollte?) nichts in Erfahrung bringen, so heisst es in Pollacks Recherche. Sie ist 2009 erstmals in der NZZ erschienen, fast gleichzeitig mit Elfriede Jelineks aufsehenerregendem Bühnenstück «Rechnitz (Der Würgeengel)», das auch am Zürcher Schauspielhaus zu sehen war. Danach wurde es wieder still, bis der Zürcher Journalist Sacha Batthyany das Massaker von Rechnitz in diesem Frühling erneut ins Gespräch gebracht hat. Sein Buch «Und was hat das mit mir zu tun?» wurde zum Bestseller, vom Massengrab fehlt noch immer jede Spur.

Die Bereitschaft zum Erinnern kann verschlungene Wege gehen. Martin Pollack hatte lange Zeit nichts von seiner belasteten Familiengeschichte wissen wollen. Trotzdem warf er die befremdlichen Fotos aus dem Nachlass eines entfernten Verwandten nicht weg. Eine dieser Aufnahmen – sie ist auf dem Cover des neuen Buches zu sehen – zeigt drei artig gekleidete Kinder. Das älteste, ein Mädchen, sitzt mit damenhaft zusammengedrückten Beinen auf einem Gartenstuhl; der Jüngste macht den Hitlergruss. Warum tut er das?, fragt der Autor. Und für wen?

Fotos aus der Grauzone

Es ist eine eindrückliche Bildersammlung, die Pollack im Lauf vieler Jahre zusammengetragen hat: über den NS-Reichsarbeitsdienst im besetzten Radziejowice, Hinrichtungen in Galizien, Zwangsumsiedlungen von UkrainerInnen im Ersten Weltkrieg. Manches hat er im Internet gefunden: «Russenweiber mit Wehrmacht 1944», so hat ein Händler eine der Fotografien angeboten, obwohl der ursprüngliche Besitzer auf der Rückseite «Russ, Frau, März 1944» notiert hatte. «Der Handel mit Wehrmachtsfotos ist eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete Grauzone, in der das unmenschliche Vokabular des Nationalsozialismus weiterlebt, ja ganz bewusst weitergepflegt wird», schreibt Pollack.

Viele Fotografien würde man ohne die Hilfe des Autors nicht verstehen, beispielsweise das Bild einer Frau, die niederkauert – eine Aufnahme, der man erst im Zusammenhang mit weiteren Fotografien auf die Spur kommt. Einzelne Menschen knien auf dem Boden, begafft von einer Menschenmenge, die Szene wird von SS-Männern dominiert. Die Fotos stammen aus Wien, wurden im März 1938 aufgenommen. Solche Szenen nannte man «Reibpartien»: Juden und Jüdinnen mussten zum Gaudi der ZuschauerInnen mit Zahnbürsten die Trottoirs putzen.

Es ist diese Akribie, mit der Pollack unseren Horizont zu öffnen vermag. Hartnäckig erkundigte er sich in südburgenländischen Dörfern nach dem Verbleib der Roma, die dort bis 1938 gelebt hatten. Zu Hunderten wurden sie dann in Konzentrationslager gesperrt; «Zigeuner-Anhaltelager» hiess eine der regionalen Einrichtungen. In diesen Dörfern stehen inzwischen Denkmäler für die Kriegsgefallenen. Auch über Gedenksteine für die Roma wurde diskutiert, an einigen Orten gab es weit gediehene Projekte, die aber nie fertiggestellt wurden. Man müsse nun vorwärts schauen, ist meist die Begründung, wenn solche Vorhaben wieder fallen gelassen werden. Auch linke Bürgermeister votieren gegen öffentliches Gedenken mit dem Argument, die Erinnerungsstätten könnten von Rechtsextremen verschmiert, beschädigt, zerstört werden. Es ist oft die Rede von schlafenden Hunden, die man nicht wecken wolle.

Immer wieder Zweifel

Pollack votiert für restlose Offenheit. Weil die Gespenster der Vergangenheit anders nicht zum Verschwinden gebracht werden könnten. Und doch hatte er immer wieder Zweifel, wie viel aus der Familiengeschichte er seinem Sohn erzählen solle.

Die siebzehn Texte in «Topografie der Erinnerung» sind zwischen 2008 und 2015 entstanden, zum Teil als Essays für Zeitschriften, zum Teil als Vorträge und als Reden im politischen Kontext. Sie jetzt an einem Stück zu lesen, ist ein eindrückliches Erlebnis, auch wenn es in einzelnen Texten zu thematischen Überschneidungen und Wiederholungen kommt.

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