Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Die Wahrheit über das «Hu!»

Von Daniel Ryser

Es war ein Fussballmärchen, das die Isländer da geschrieben haben, und die Medien fabulierten abseits des Spielfelds mit, vom Kriegsgesang der Wikinger war in der «Sun» die Rede, als die Mannschaft mit den Fans nach Spielschluss ihre Siege beklatschte und die ganze Kurve «Ahu» brüllte. Der «Tages-Anzeiger» fand einen Isländer, der uns den Gesang erklärte: Der Ruf sei ein «dunkles Hu», ein Ruf der Wikinger eben, der den Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft manifestiere und verdeutliche, dass die Isländer Wikinger seien. Der «SonntagsBlick» spürte in Reykjavik «den Vater des Hu Hu Hu» auf. Die JournalistInnen hatten das Gute gefunden, den kleinen «Davidson gegen Goliath» von einer Insel, wo die Welt noch heil ist und das Leben in den richtigen Bahnen verläuft, wo noch Bärte zählen statt Gelfrisuren, wo es noch nicht einmal richtige Hooligans gibt und Punks Bürgermeister werden. Und wo sich all das in einem traditionellen Gesangsritual spiegelt.

Auf die Idee, mal einen der GC-Fans zu fragen, woher sie denn ebendiesen Ruf hätten, mit dem sie ihre Mannschaft anfeuern, kam offensichtlich niemand. Denn das «Ahu» und das Klatschen stammen weder von Island noch von den Wikingern, sondern aus Hollywood. Und zwar aus dem Film «300» von Zack Snyder von 2006. Es stellt dort den Schlachtruf der Spartaner dar. Von dort fanden der Ruf und das Klatschen ihren Weg in die Fussballstadien.

Das erste verbriefte Fussball-«Ahu» stammt von 2010 aus Griechenland, von den Fans von PAOK Saloniki im Spiel gegen Ajax Amsterdam. Im April 2011, vor dem Spiel gegen den FC Carl Zeiss Jena, liefen die Spieler vom FC Hansa Rostock mit klatschenden Armen zu «Ahu»-Rufen im Stadion auf, während die Fans eine an «300» angelehnte, martialische Choreografie aufführten. Die Choreografie der Rostocker Ultras sorgte für Gesprächsstoff, und der Ruf verbreitete sich schnell – nach Zürich, nach Schottland und vermutlich von dort nach Island, wo das Märchen seinen Anfang nahm.

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