Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Der Philosoph in der Shoppingmall

Von protestantischer Askese zu repressivem Hedonismus: Der deutsche Philosoph Gernot Böhme zeigt, wie wir zusehends einer Ökonomie des Überflüssigen ausgesetzt sind.

Von Raul Zelik

Dieser Sammelband von Gernot Böhme kommt unscheinbar daher, aber er hat es in sich. «Ästhetischer Kapitalismus» besteht aus sieben bereits veröffentlichten Essays, in denen der 1937 geborene Philosoph den Versuch unternimmt, ästhetische Theorie und eine Kritik der politischen Ökonomie miteinander zu verknüpfen. Dabei will er vor allem erklären, warum im Kapitalismus ästhetische Erscheinung – durch Lifestyle, Marken, Design, Subkulturcodes und so weiter – eine weiterhin wachsende Rolle spielt und was das für die Gesellschaft bedeutet.

Der klassische Erklärungsansatz von linker Seite lautet bekanntlich, dass Waren verkauft werden müssen. Die Ästhetisierung von Produkten und ihre Verwandlung in Statussymbole soll Absatzmärkte gewährleisten. Dagegen wendet Böhme ein, dass Ästhetisierung auf diese Weise nur als Ableitung gedacht werden könne – als gehe es bloss um Verpackung. Seine These hingegen ist, dass die «ästhetische Arbeit», die darauf abzielt, «Dingen und Menschen, Städten und Landschaften ein Aussehen zu geben, ihnen eine Ausstrahlung zu verleihen, sie mit einer Atmosphäre zu versehen», selbst ins Zentrum der kapitalistischen Ökonomie gerückt ist. Neben Gebrauchs- und Tauschwert müsse man eigentlich von einer dritten Wertkategorie, nämlich dem «Inszenierungswert», sprechen. Wenn man sich das Phänomen der Sportschuhmarken vergegenwärtigt, versteht man sofort, was gemeint ist: Wer Adidas trägt, konsumiert nicht in erster Linie den Turnschuh, sondern das Image, das mit den drei Streifen assoziiert wird.

Der Wert des Unnötigen

Diese noch nicht besonders spektakuläre Beobachtung verweise, so Böhme weiter, auf eine grundlegende Transformation der Ökonomie. Es würden zunehmend Werte produziert, die man eigentlich nicht benötige. Das heisst, es entsteht eine echte Überflussökonomie, in der Luxus und Verschwendung nicht mehr Eliten vorbehalten sind, sondern die Gesamtheit der KonsumentInnen erfassen. Paradoxerweise breitet sich diese Ökonomie auch dort aus, wo nicht einmal materielle Grundbedürfnisse befriedigt sind. Selbst in den Armenvierteln Lateinamerikas, so könnte man in Anschluss an Böhme argumentieren, interessieren sich Menschen heute vor allem dafür, an der ästhetischen Inszenierung teilzuhaben.

Dabei geht es natürlich auch immer noch um Status: Wer sich Markenschuhe oder gar einen BMW leisten kann, zeigt, dass er kein Loser ist. Böhme verweist aber auch darauf, dass die ästhetische Inszenierung längst nicht mehr nur die soziale Stellung visualisieren, sondern ganz allgemein Identität stiften soll. Die Inszenierung erzeugt Zugehörigkeiten, die quer zu Klassen und Schichten verlaufen: als Hip-Hopper, Gothic oder geschmackvolle Besitzerin von Designermöbeln.

Problematisch ist diese Entwicklung laut Böhme vor allem deshalb, weil sie neue und extreme Formen der Unfreiheit hervorbringt. Der «Wunsch nach Lebenssteigerung» ist mit einer echten Kulturrevolution im Kapitalismus einhergegangen. An die Stelle der protestantischen Arbeitsethik ist eine kollektive Wunschproduktion getreten, die vor allem «Begehrnisse» erzeugt. Anders als materielle Bedürfnisse wie Trinken oder Wohnen kann das Begehrnis, gesehen und bewundert zu werden, nicht gestillt werden, sondern es wächst unbegrenzt weiter.

Die neue Traurigkeit

Paradoxerweise habe gerade ’68 die Grundlage für diesen neuen Verwertungszyklus geschaffen, indem man Hedonismus propagiert und sich jeder Selbstzügelung verweigert habe. Die Ausdehnung des Lustprinzips wird von Böhme nicht prinzipiell kritisiert, aber er verweist zu Recht darauf, dass der Hedonismus eine Steigerungsspirale in Gang gesetzt und die Diktatur des Kapitals damit noch erweitert hat: Freizeit und Konsum wurden zum Massstab von Lebenssteigerung. Paradoxerweise erzeugt dies eine neue Form kapitalistischer Traurigkeit, denn auch hier gilt: Intensität und Effizienz müssen zunehmen.

Diese Aufsätze sind auch deshalb so grandios, weil sie neben der Gesellschaftskritik immer auch ästhetische Fragen im Blick behalten. Böhme schreibt über das Verhältnis von Albernem, Kitsch und Vulgärem und verteidigt die soziale Unterschiede einebnende Kulturindustrie gegen ihre adornitischen KritikerInnen. Er besucht eine «Gläserne Manufaktur» des VW-Konzerns, in der Autos in Szene gesetzt werden, als hätten hier Handwerker beseelte Einzelstücke geschaffen. Er flaniert durch Shoppingmalls, reflektiert über die Verwandlung des Lebenslaufs zur «Marke» und fragt, inwiefern Fassadenästhetik in der Architektur gelingen kann. Und das alles ohne den für die kritische Theorie sonst so typischen Kulturelitismus.

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