Nr. 32/2016 vom 11.08.2016

«Mehr Bildung reicht nicht!»

Die bezahlte Arbeit wird uns wegen der Digitalisierung und Automatisierung ausgehen, davon ist Leo Keller überzeugt. Der Unternehmer über die kommenden Umwälzungen und die Linke, die sich aus Unwissen kaum mit dem Thema beschäftige.

Interview: Susan Boos

WOZ: Herr Keller, warum tut sich die Linke mit der Digitalisierung so schwer?
Leo Keller: Es sind heute in der Wirtschaft wie bei den Gewerkschaften oder den linken Parteien weitgehend Leute in Führungspositionen, die sich in der digitalen Welt nicht gut auskennen. Deshalb kommen sie meist mit althergebrachten Lösungsvorschlägen, liefern aber keine Antworten auf die anstehenden Fragen, weil sie nicht einmal die wirklichen Fragen kennen, die sich heute durch die Digitalisierung stellen.

Sie haben nun aber für die Gewerkschaft Syndicom eine Studie zur «Industrie 4.0» verfasst, die im September vorgestellt wird. Welche Fragen stellen sich da?
Der Begriff «Industrie 4.0» ist ja eine Erfindung der deutschen Regierung, die damit signalisieren wollte: Wir haben zwar die erste Runde der Digitalisierung ans Silicon Valley verloren – wir werden aber die zweite Runde gewinnen, denn wir sind Weltmeister in der industriellen Güterfertigung und verstehen, wie man das Internet in die Fertigungsprozesse einbindet. Die Produktion wie die Lieferprozesse dürften sich dank der Digitalisierung fundamental verändern. Entscheidend ist die Frage, wie die künftigen Wertschöpfungsprozesse aussehen werden. Womit lässt sich noch Geld verdienen? Es werden enorme Veränderungen stattfinden, wie diese aber aussehen, lässt sich nur beschränkt vorhersagen.

Das klingt sehr wolkig.
Nehmen Sie als Beispiel Steg Electronics. Die Schweizer Firma vertreibt online Computer und elektronische Geräte. Man kann bis 12 Uhr bestellen, und Steg garantiert, dass das Gerät noch am selben Tag ausgeliefert wird. Das geht, weil Steg auf die Idee kam, mit lokalen Pizzakurieren zusammenzuarbeiten – die liefern auch am späten Abend noch aus. Dank der digitalen Vernetzung ist das plötzlich möglich. Das dürfte die Post und andere Paketdienste in Bedrängnis bringen.

Die Industrie ist doch schon sehr stark automatisiert. Lässt sich da noch viel herausholen?
Das kommt ganz auf die Branche an. Die Autoindustrie versucht permanent, effizienter zu werden. Wenn ein Autohersteller einen neuen Roboter anschaffte, der einen Effizienzgewinn von sieben Prozent brachte, war das viel. Die neuen Roboter werden nun aber schnell billiger und können viel mehr. Plötzlich werden Effizienzgewinne von mehr als achtzig Prozent möglich. Oder bei der neuen Coop-Zentralbäckerei, die vor kurzem eröffnet wurde: Dort haben sie jetzt einen Roboter, der die Brote formt. Für ein Zöpfli braucht dieser eine Sekunde – der schnellste Coop-Bäcker brauchte früher sechs Sekunden. Das ist ein Effizienzgewinn um den Faktor sechs. Das ist disruptiv!

Was bedeutet disruptiv?
Speicherplatz und Sensoren, die die Roboter steuern, werden immer grösser, schneller und billiger. Da werden Dinge möglich, die früher nicht gingen. Das passiert heute gleichzeitig in allen Bereichen. Wenn aus all diesen neuen Teilen wieder etwas Neues entsteht, gibt es eine exponentielle Beschleunigung der Innovationen – schnelle Entwicklungssprünge lassen sich flächendeckend realisieren. Da stehen wir erst am Anfang.

Wo sind denn bei uns die grossen Verwerfungen zu erwarten?
In den daten- und wissensbasierten Arbeitsbereichen, bei Banken, Versicherungen, Verlagen und Medien. Man wird künftig andere Fähigkeiten, ein anderes Wissen brauchen. Und weil der Wechsel sehr rasch vonstattengeht, wird man die einen entlassen und andere einstellen. Ich glaube aber nicht, dass sich das Problem dadurch lösen lässt, dass wir einfach alle besser ausbilden. Zurzeit hat die Wirtschaft noch Mühe, die Leute zu finden, die sie braucht – deshalb ist der Lohn dieser Gutausgebildeten noch hoch und wird eher zu Wachstum führen. Bald dürfte es aber global ein Überangebot an Hochqualifizierten geben – damit sinkt ihr Lohn, und die Innovationen werden zu Arbeitslosigkeit und Rezession führen.

Welche Arbeit sollen wir den Robotern überlassen?
Es geht da um die entscheidende Frage: Was ist würdevolle Arbeit? Der Roboter kann vieles besser als der Mensch. Doch der Mensch ist die bessere Schnittstelle: Er kann vorausschauen und kann Probleme lösen. Der Roboter soll sich im Arbeitsprozess nach den Bedürfnissen der Menschen richten, nicht umgekehrt, dann ist er ein Gewinn. Er kann uns unterstützen und von ungesunden, gefährlichen Arbeiten entlasten. Europa sollte die Chance erkennen und es nicht Japan oder Korea überlassen, diese «humanen» Roboter zu entwickeln – und sie weltpolitisch auch durchzusetzen. Vor allem wird man auch die Menschen-Arbeitsrechte neu formulieren müssen.

Aber ganz grundsätzlich: Geht uns die Arbeit aus?
Langfristig ja. Rund fünfzig Prozent der Lohnarbeit werden in zwanzig bis dreissig Jahren verschwunden sein. Und das wird uns fundamentale Probleme bescheren.

Weil die Wachstumslogik nicht mehr aufgeht?
Richtig. Die heutige Ökonomie basiert auf zwei Annahmen: Wir werden immer effizienter, Arbeitsplätze werden reduziert und zugleich komplexer, dafür gibt es mehr Lohn. Die Lohnempfänger geben das zusätzliche Gehalt auch aus, womit sie den Konsum ankurbeln, wodurch mehr Güter billiger hergestellt werden müssen. Dadurch werden wieder neue Arbeitsplätze geschaffen. Die zweite Annahme lautet: Die Arbeitnehmer verdienen mehr, wegen der Automatisierung sinken jedoch die Preise der Güter, darum kann noch mehr konsumiert werden.

Aber die Löhne steigen doch noch.
Kurzfristig mögen sie noch steigen, langfristig wird das sicher nicht so bleiben – schon gar nicht global. Schon heute verdienen in den USA junge Juristen deutlich weniger als ihre Kollegen vor zehn Jahren. Bezüglich der zweiten Annahme lässt sich feststellen, dass wir uns zunehmend in gesättigten Märkten bewegen. Was wollen wir noch Neues kaufen – vielleicht mehr Luxusgüter? Dass die Digitalisierung kontinuierlich Arbeitsplätze zerstört, ist längst belegt. Wenn heute die Arbeitslosigkeit in Spanien oder Griechenland bei über zwanzig Prozent liegt, hängt das auch damit zusammen. Doch stehen wir erst am Anfang, die Effizienzgewinne werden noch enorm zulegen. Vorerst wird die Digitalisierung zu einem neuen Investitionsschub führen, der Arbeitsplätze erhält und in der noch kleinen «Roboterindustrie» zu Wachstum führen wird. Für die Schweiz ist das positiv.

Was geschieht, wenn uns die Arbeit ausgeht?
Ich habe keine Angst, dass uns die Arbeit ausgeht. Ich habe nur Angst, dass wir die entlöhnte Arbeit nicht gerecht verteilen können. In diesem Sinn wird der Klassenkampf neu aufleben. Die Früchte der Digitalisierung müssen gerecht verteilt werden, sonst wird es zu enormen sozialen Spannungen kommen, die durch die Globalisierung noch massiv verstärkt werden. In den USA kann man das heute schon erleben. Die grosse Mehrheit der Arbeitnehmer, die keinen Hochschulabschluss haben, verdient heute weniger oder gleich viel wie 1990, und diese Leute haben keine Perspektiven – auch wegen der Digitalisierung und Automatisierung. Das scheint eine wichtige Basis für die Wut-und-Hass-Kampagne von Donald Trump zu sein.

Wie könnten Gegenkonzepte aussehen?
Die bezahlte Arbeit besser verteilen. Keiner dürfte zum Beispiel mehr als vier Stunden arbeiten, auch die Chefs von Grossunternehmen nicht. Das würde natürlich zu einem tieferen Niveau des finanziellen Wohlstands führen. Aber das wäre ja nicht nur schlecht. Das andere Konzept ist das bedingungslose Grundeinkommen, das auch zu einer Reduktion des finanziellen Wohlstands führen wird. Denn im Kern geht es darum, wie wir den enormen Reichtum, den die Digitalisierung uns noch bringen wird, sozial gerecht verteilen. Die bisherigen Wohlstands- und Ausgleichskonzepte, die auf Vollbeschäftigung und Wachstum basierten, werden mittelfristig sicher nicht mehr funktionieren.

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