Nr. 33/2016 vom 18.08.2016

H I T L E R

Ruedi Widmer über Wortmonster des Sommers 2016

Von Ruedi Widmer

Ansbach, Salez, Amstetten, Oberwil-Lieli: kleine Orte, deren schlagartige Bekanntheit den Ortsnamen für immer verschmutzen. Bhopal, Seveso, Tschernobyl, Fukushima, das klingt für uns nicht nach Ort, sondern nach Tod und Verderben. Ganz anders bei den Anschlägen von München, Paris, Nizza, Würzburg, Dallas. Diese Namen bleiben vom Bösen unberührt, weil wir sie schon alle vorher kannten.

Der Name Donald Trump, den heute die ganze Welt fürchtet, wirkte einst auf mich höchstens wie eine Figur aus «The Simpsons», als ich vor Jahrzehnten mal vor dem Trump Tower in New York (auch da denkt man kaum mehr an den 11. September 2001) stand, ganz klar entenhausenhaft, nicht nur wegen seines Vornamens, sondern auch wegen seines dagoberthaften Reichtums und seiner Geschmacklosigkeit.

Wer die Bühne des Parteitags der Republikaner betrachtete, mit dem in überdimensionierten Lettern geschriebenen Namen «TRUMP», und wer das Wahlplakat der NSDAP mit Hitlers Konterfei und den eingemittet darunter gesetzten Versalien «H I T L E R» kennt, sieht das plötzlich anders. Trump bedeutet Triumph. Man muss den Herren Hitler, Strache, Wilders, Blocher und eben Trump attestieren, dass ein Teil ihrer Macht und die Furcht, die sie damit bei vielen Menschen erzeugen, auch mit dem Klang ihrer prägnanten Namen zu tun hat. In jedem von ihnen steckt eine lautmalerische Aggressivität. Die Namen anderer Machtmenschen aus dem unter anderem rechten Politsektor wie Le Pen, Hofer, Petry, Johnson, Rösti, Milosevic, Idi Amin, gar Erdogan klingen weit weniger bedrohlich. Oder Silvio Berlusconi, dessen Name ohne weiteres auch der eines Radrennfahrers oder Modeschöpfers sein könnte. Der Name Haider klang auch nur böse, weil er an Hitler erinnerte und teilweise von dessen Geist beseelt war. «Putin» wiederum nährt sich zu einem Teil von «Stalin», klingt aber selber seltsam samtig und eher weiblich.

«Hitler» ist nach wie vor Inbegriff des Bösen. Doch «Adolf Hitter» wäre noch fürchterlicher gewesen. Das l in Hitler hat nämlich etwas Verniedlichendes oder Abwertendes, wie Stündeler, Hündeler oder Tschütteler. Setzt man dieses l in andere Namen, wirken diese wässriger und weitaus weniger standhaft: Trumpler, Blochler, Strachle, das ist eine Kastration, da steht die Männlichkeit nicht mehr unverrückbar wie ein Fels in der Brandung.

Mit Menschen, die Hintermüller, Juzeler, Kräutli oder Gautschi heissen, kann man sich problemlos anfreunden, denn ihre Namen eignen sich überhaupt nicht zur Ausübung des Diktatorenberufs.

Wie das Böse im Namen getilgt werden kann, demonstriert der Islamische Staat mit seiner Abkürzung IS. Da schwingt US mit, das vielen nach wie vor vertrauenswürdig erscheint. Der IS-Kämpfer wirkt so offiziell und professionell wie der US-Soldat. Im Gegensatz zu den für die westliche Welt unverständlichen und deshalb unheimlichen Namen al-Kaida, Mudschaheddin oder Hisbollah verströmt dieses IS eine globalisierte und unemotionale Sprache und reiht sich irgendwo zwischen OS X und internationalen Organisationen wie UN, IWF, EU oder OSZE ein.

Wie böse wirken auf uns die Namen von noch weiter in der Geschichte zurückliegenden Gewaltherrschern? Römische Feldherren wie Ägidius oder Cäsar klingen wie Schiffsnamen oder Hundefutter, und auch Frankreichs Napoleon schmiegt sich an unser Ohr wie ein langbeiniger Hund. Bei Kaiser Nero muss man an Konservenbüchsen denken, bei Augustus an einen Clown. In Europa sind Namen von Nazipersönlichkeiten nach wie vor schwer belastet: Göring, Goebbels, Speer, Himmler, da zieht sich alles zusammen. Bei Rudolf Hess geht es mit dem bösen Klang, da kann ich einfach an unser Schweizer Skischätzchen der achtziger Jahre, Erika Hess, denken. Und schliesslich heisse ich selber auch Rudolf.

Der Name von Ruedi Widmer, Winterthur, erinnert an Eveline Widmer-Schlumpf, was für viele ganz böse klingt.

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