Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Sonderbare Bärte

Von Christoph Wagner

Epochale Stilumbrüche sind im Jazz von heute passé. Das radikal-innovative Potenzial der einstigen «Fire Music» scheint aufgebraucht. In diesen Zeiten ist es eher die kreative Kombination bekannter Elemente und Formen, aus der junge MusikerInnen Funken schlagen, wobei in den neuen digitalen Sounds noch zahllose ungenutzte Möglichkeiten schlummern.

Neuerungen kommen auf leisen Sohlen daher und gehen subtil vonstatten. Behutsamer Umbau statt Totalumwälzung heisst das Gebot der Stunde. «Everything Moves» hat die Schweizer Formation Weird Beard ihr zweites Album genannt, was keine schlechte Zustandsbeschreibung der aktuellen Situation ist.

Der Zürcher Bandleader Florian Egli bewegt sich geschickt in dieser neuen Jazzwelt. Er wirft einen frischen Blick auf vergangene Epochen, klopft sie nach brauchbaren Ideen ab, die dann mit Bausteinen aus Pop, Rock, Minimal Music oder Elektronik vermischt werden. Egli pflegt einen gedämpften Saxofonton, wie er im Cool Jazz der fünfziger Jahre kultiviert wurde und der immer auch das Atemgeräusch einbezog. Seine gehauchten Melodien werden von Dave Gisler an der E-Gitarre und der Bassgitarristin Martina Berther in ein Klanggewebe aus schillernden Akkorden und wummernden Bassläufen eingebunden, die mit Halleffekten noch verfremdet werden. Dazu liefert Schlagzeuger Rico Baumann entspannte Grooves, die nicht den gängigen Mustern folgen.

Gelegentlich werden lyrisch-verträumte Stimmungen heraufbeschworen, was dann fast schon etwas zu schön und beschaulich klingt. Doch nicht lange, und schon geht es wieder handfester zur Sache. Dann greifen die MusikerInnen in die Saiten und treten in die Soundpedale, bis Splitterklänge und verzerrte Sounds das Feld bestimmen. Ein wuchtiger Beat sorgt für mächtigen Drive, über den sich ein röhrendes Saxofon erhebt. Von Cool Jazz über Rock Jazz zu Free Jazz, von Pop über Ambient zu Indie – everything moves!

CD-Taufe: Zürich, Moods, Dienstag, 27. September 2016.

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