Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Das düstere Zeichen von Iguala

Zwei Jahre danach: Das Verschwinden von 43 Studenten ist ein Symbol für die verkorkste Regierung von Präsident Peña Nieto.

Von Toni Keppeler

Am 26. September ist es zwei Jahre her, dass es in Iguala im mexikanischen Bundesstaat Guerrero zu einer Strassenschlacht kam, nachdem Studenten des Lehrerseminars im nahen Ayotzinapa Busse gekapert hatten. 6 Studenten wurden erschossen, rund 100 von der lokalen Polizei festgenommen. 43 von ihnen sind seither verschwunden.

Der Fall steht wie ein Symbol für die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto. Zwei Jahre vor dem Ende seiner sechsjährigen Amtszeit gingen am Vorabend der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten am 15. September Tausende auf die Strasse und forderten seinen Rücktritt.

Dabei wollte der stets geschniegelte Beau, verheiratet mit einem angehimmelten Seifenopernstar, alles ganz anders machen. Er wollte zeigen, dass seine Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) nach zwölf Jahren in der Opposition eine andere geworden sei. Kein korrupter und mafiöser Selbstbedienungsladen, wie es die Partei in ihrer siebzig Jahre währenden Herrschaft meist gewesen war, sondern ein aufgeklärter Politklub, der weiss, wie man die Wirtschaft auf Vordermann bringt und das Land mit seinen trägen Monopolen in einen Tiger der Weltkonjunktur verwandelt. Die MexikanerInnen sollten darüber den blutigen Krieg gegen die Drogenkartelle vergessen.

Vier Jahre nach Peña Nietos vollmundigen Ankündigungen taumelt die Wirtschaft, der mexikanische Peso stürzt ab. Keine andere Währung der G20-Gruppe (der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer) hat in den vergangenen Jahren so viel an Wert verloren. Die Auswirkungen auf den Schuldendienst und die Handelsbilanz sind verheerend, die Zahl der Armen steigt und nähert sich der Fünfzigprozentmarke. Eine Bildungsreform, die das Land konkurrenzfähiger machen sollte, wurde nach militanten Massenprotesten komplett verwässert.

Dazu kommen mehrere Skandale. So ist die Präsidentengattin unter dubiosen Umständen zu einem Luxusanwesen gekommen, gebaut von einem Unternehmen, das Peña Nietos Wahlkampf finanziert und Staatsaufträge in Milliardenhöhe erhalten hat. Zu allem Überfluss hat der Präsident Ende August Donald Trump, den republikanischen Kandidaten für die US-Präsidentschaft, wie einen Staatschef empfangen, obwohl dieser bekanntermassen Mexikaner für Drogendealer und Vergewaltiger hält und sie mit einer von ihnen selbst zu bezahlenden Mauer ausser Landes halten will. Spätestens mit dieser Einladung machte sich Peña Nieto zum Tölpel.

Der Drogenkrieg geht derweil weiter. Täglich fordert er seine Toten, immer wieder werden neue Massengräber entdeckt. Nur die 43 Studenten von Ayotzinapa bleiben verschwunden. Dabei wollte Peña Nieto den Fall ganz schnell abhaken. Wenige Tage nach der Massenentführung hatte die Staatsanwaltschaft erzählt, wie es gewesen sein soll: Der Bürgermeister von Iguala habe die Studenten festnehmen lassen, weil er fürchtete, sie könnten eine Rede seiner Frau stören. Die Lokalpolizei habe die Entführten dann an eine Verbrecherbande übergeben, und die habe die jungen Männer auf einem Müllplatz ermordet und verbrannt.

Diese Version ist vielfach widerlegt worden. Zuerst wurde sie von forensischen AnthropologInnen aus Argentinien in Zweifel gezogen, die von den Angehörigen der Verschwundenen gerufen worden waren. Dann stellten von der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte entsandte ExpertInnen fest, dass angebliche Geständnisse von Mitgliedern der Verbrecherbande unter Folter erzwungen worden waren. Zuletzt erschien Mitte September in der Wissenschaftszeitschrift «Science» eine Studie der Universität von Queensland, die nachweist, dass auf besagtem Müllplatz unmöglich 43 Leichen verbrannt werden konnten. Dazu wären nämlich mindestens 27 Tonnen Holz erforderlich gewesen – ein Höllenfeuer, das die umliegende Vegetation in Mitleidenschaft gezogen hätte. Davon aber fanden die australischen WissenschaftlerInnen keinerlei Spuren.

Hinweise, die auf eine Beteiligung der Armee und der Bundespolizei am Verbrechen schliessen lassen, sind bislang kaum verfolgt worden. Nun trat der Chefermittler des Falls zurück – und wurde sofort zum Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats befördert. Der neue PRI ist eben doch wie der alte: ein Machtapparat mit mafiösen Zügen, in dem weiterhin gelogen, betrogen und vertuscht wird.

Der Dokumentarfilm zum Thema: «Mirar morir» («Sterben sehen», Spanisch mit englischen Untertiteln) untersucht die Rolle der Armee beim Verschwinden der 43 Studenten. Er wird am Montag, 26. September 2016, um 20 Uhr im Neuen Kino in Basel, Klybeckstrasse 247, gezeigt. Um 19 Uhr gibt es eine Einführung.

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