Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Zeugenaussagen von der Polizei erfoltert

Von Toni Keppeler

Eigentlich wollte sich die mexikanische Regierung von dem Vorwurf entlasten, sie sei in das Verschwinden von 43 Studenten des Lehrerseminars von Ayotzinapa in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 verwickelt. Vor einem Jahr lud sie deshalb eine internationale Kommission prominenter JuristInnen ein, die den Fall untersuchen sollte. Der jetzt veröffentlichte, 608 Seiten dicke Bericht aber brachte alles andere als Entlastung: Die offizielle Darstellung des Geschehens ist ein Lügengebäude.

Staatsanwaltschaft und Regierung behaupten, die Studenten hätten in jener Nacht in der Stadt Iguala mehrere Busse gekapert und seien auf Befehl des Bürgermeisters von der Gemeindepolizei verhaftet und an die Verbrecherbande Guerreros Unidos übergeben worden. Die habe die jungen Männer erschossen, auf einer Müllhalde verbrannt und ihre Überreste in einen Fluss geworfen. Zum Beweis präsentierte die Staatsanwaltschaft fünf Mitglieder der Bande, die diese Version bestätigten.

Nach dem jetzt vorliegenden Bericht sind diese Zeugenaussagen wertlos: Sie seien nachweislich unter Folter erpresst worden. Ein grosses Feuer auf dem Müllplatz, in dem die Leichen der Studenten angeblich verbrannt wurden, habe es nie gegeben. Mindestens zwölf weitere Zeugen seien in Polizeigewahrsam ebenfalls zu Aussagen geprügelt worden.

Die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto hatte stets versucht, das Verbrechen als lokalen Skandal darzustellen, in den ein korrupter Bürgermeister, seine Gemeindepolizei und eine Verbrecherbande verwickelt seien. Nach dem Bericht der JuristInnenkommission aber fand in jener Nacht eine koordinierte Hetzjagd auf die Studenten statt, an der auch die Gemeindepolizei einer Nachbargemeinde, die Staatspolizei von Guerrero, die mexikanische Bundespolizei und das Militär beteiligt waren.

Was genau geschehen ist, bleibt unklar. Die Kommission beschwerte sich, dass ihr der Zugang zu Zeugen und wichtigen Unterlagen verweigert worden sei. Ihr Mandat läuft diese Woche aus. Die Regierung hat bereits bekannt gegeben, sie werde es nicht verlängern.

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