Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Mobilität ist nicht Verkehr

Von Marcel Hänggi

Man kann über eine Sache nicht vernünftig reden, wenn man sich über ihre Begriffe nicht klar ist. In der Verkehrsdebatte aber geschieht das ständig, nicht nur in Medien und Politik, sondern sogar in der Wissenschaft: Gerade die zentralen Begriffe «Mobilität» und «Verkehr» werden in aller Regel konzeptlos (meist synonym) verwendet. Ein Beispiel dafür war die Medienmitteilung des Bundesrats zum sogenannten Mobility Pricing von Ende Juni. Mobilität müsse für alle erschwinglich bleiben, hiess es da. Richtig. Die Mobilität wachse, hiess es da auch. Falsch. Auch «Mobility Pricing» ist falsch: nicht die Mobilität soll zur Kasse gebeten werden, sondern der Verkehr respektive seine Auswirkungen.

Man möchte allen, die sich zum Thema äussern, das Buch von Udo J. Becker, Verkehrsökologie-Professor an der TU Dresden, in die Hand drücken. In knappen Kapiteln liefert es Begriffsdefinitionen sowie das zusammengefasste wissenschaftliche Wissen über Wirkungen des Verkehrs und verkehrspolitische Massnahmen – klar strukturiert und nüchtern wie der Titel «Grundwissen Verkehrsökologie».

Beckers Buch ist leicht verständlich geschrieben, aber es ist kein Lesebuch, das man von vorn nach hinten liest, sondern ein Handbuch. Trotzdem ist das Urteil schon nach den ersten Seiten positiv. Becker klärt zuallererst, was Mobilität ist: ein «Mass für die Anzahl der verschiedenen abgedeckten Bedürfnisse, für die Ortsveränderungen nötig waren». Dass «Mobilität» und «Verkehr» oft synonym verwendet würden, sei «nicht zielführend, denn beide Begriffe bezeichnen grundsätzlich verschiedene Sachverhalte». Verkehr dagegen ist ein Instrument, das hilft, Mobilität zu erreichen. Eine hohe Mobilität kann auch mit wenig Verkehr erreicht werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Liebe Verkehrsinteressierte jeglicher politischer Provenienz: Lesen Sie dieses Buch! Lesen Sie von mir aus nur die ersten Seiten. Oder lesen Sie sogar nur die hier zitierte Mobilitätsdefinition. Dann können wir beginnen, uns zu streiten, ohne uns dabei im Kreis zu drehen.

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