Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Viel Geschrei um ein bisschen Lärm

Das grösste Hauskollektiv der Stadt Zürich ist den rechten Parteien ein Dorn im Auge. Nun wittern sie ihre Chance, das ungeliebte Objekt loszuwerden – mit kräftiger Unterstützung des «Tages-Anzeigers».

Von Anouk Eschelmüller

Siebenbeinpferde, Meerjungfrauen, Walbabys: Das ehemalige Bürogebäude der Koch Wärme AG im Westen Zürichs. Foto: Stefan H. Wucher, Cookmedia

Abfallberge, Partyexzesse, Drogenmissbrauch und Gefährdung des Rechtsstaats: Wer der Berichterstattung von «Tages-Anzeiger» und NZZ Glauben schenkt, muss wohl fürchten, dass Zürichs Kreis 9 bald im Chaos versinken wird.

Im Zentrum der Aufregung: das besetzte Koch-Areal in Zürich Albisrieden. Die BesetzerInnen würden den AnwohnerInnen der umliegenden Gebäude mit wilden Partys, Dreck und Lärm das Leben schwer machen, so der Vorwurf der Presse. Und die Stadtpolizei habe Beisshemmungen: Trotz unzähliger Lärmklagen – alleine in diesem Jahr sind es bereits 171 – würde sie nicht einschreiten. Hauptschuldige sei aber nicht die Polizei selbst, sondern die Laisser-faire-Politik des linken Stadtrats Richard Wolff. Was ist dran an den happigen Vorwürfen?

Hetzkampagne von rechts

Die Geschichte beginnt mit der Besetzung des Koch-Areals durch ein Kollektiv namens «Familie Wucher» vor drei Jahren. Von Beginn an haben die rechtsbürgerlichen Parteien die Besetzung des ehemaligen Industriegeländes kritisiert. Später stiessen die heimatlos gewordenen BesetzerInnen der 2013 und 2014 geräumten Areale Binz und Labitzke dazu. Aktuell leben zwischen 100 und 150 Menschen auf dem Gelände. Das bunte Koch-Areal mit hauseigenem Frauencafé, Werkstätten, Filmvorführungen und Konzerten ist im Besitz der Stadt Zürich.

Die Stadt plant auf dem Grundstück den Bau von Gewerberäumen, gemeinnützigen Wohnungen und einen öffentlichen Park. Bis zum Baubeginn darf das Gelände von den BesetzerInnen zwischengenutzt werden. Der Auszugstermin hat sich erst kürzlich um Jahre verschoben.

Das gefällt nicht allen: In besetzerInnenkritischen Kreisen wird die Szene gerne als Schmarotzerhaufen dargestellt, der zum Nulltarif auf dem städtischen Grundstück wohnen darf. So weit also wie gehabt. Wieso nun die plötzliche Aufregung? Läuft die Situation auf dem Koch-Areal tatsächlich aus dem Ruder?

Kurzer Faktencheck: Laut Angaben der Stadtpolizei ist die Anzahl der Lärmklagen im Vergleich zum vergangenen Jahr tatsächlich gestiegen. Grund dafür sei unter anderem der Bau von neuen Wohnungen, sprich mehr AnwohnerInnen, erklärt Patrick Pons, Sprecher des Finanzdepartements.

Pons ist als Vermittler zwischen der Stadt und den BewohnerInnen des Koch-Areals tätig. Seine Einschätzung: Die Lärmsituation hat sich in den vergangenen Monaten grundsätzlich nicht verschlechtert, aber auch nicht deutlich verbessert.

Das Lärmproblem ist an verschiedenen Treffen von Stadt und BewohnerInnen bereits thematisiert worden. Um den Geräuschpegel zu reduzieren, mussten die BesetzerInnen den Konzert- und Barraum gegen Lärm isolieren. Geplant ist zudem die Anpassung des Pflichtenhefts der BesetzerInnen hinsichtlich lärmtechnischer Regelungen. Die Zusammenarbeit mit den BesetzerInnen habe sich allgemein gebessert, sagt Pons.

«Eine aufgekochte Geschichte»

Am Ursprung der Anti-Koch-Kampagne steht ein kleines AnwohnerInnengrüppchen. Im Frühling verteilte dieses Flyer in den Koch-nahen Liegenschaften mit dem Aufruf, sich bei der Stadtpolizei über die BesetzerInnen zu beschweren. Die Aufforderung löste bei einigen AnwohnerInnen Ärger aus. Sie bekundeten, dass sie sich nicht durch das besetzte Haus gestört fühlen würden, wohl aber durch die Flyeraktion.

Das Thema ist ein gefundenes Fressen für PolitikerInnen: Geführt wird der Kreuzzug von VertreterInnen der FDP und SVP, befeuert von der durchgängig einseitigen – und teils schlecht recherchierten – Berichterstattung der Tagespresse, mit «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Stefan Hohler an vorderster Front.

Viel Wirbel um wenig also. «Es handelt sich ganz offensichtlich um eine aufgekochte Geschichte, die sich gegen die Bewohner des Koch-Areals und die zuständigen Stadträte richtet», sagt Andreas Kirstein, Fraktionspräsident der Alternativen Liste (AL) im Gemeinderat. Das Geschrei um Lärmklagen und wilde Partynächte liefere einen Grund, sich endlich der unliebsamen HausbesetzerInnen zu entledigen. Ins Visier genommen werden ausserdem AL-Polizeivorsteher Richard Wolff und der «Eigentümer» des Koch-Areals, Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne).

Ob es um reine Stimmungsmache oder aber bereits um das Aufstellen für die kommunalen Wahlen im Frühling 2018 geht, sei dahingestellt – die GegnerInnen der Besetzung haben sich in Position gebracht: SVP-Gemeinderat Urs Fehr hat diesen Montag eine Aufsichtsbeschwerde beim Statthalter eingereicht. Darin bittet er um eine Räumung des Koch-Areals «analog der Platzspitzschliessung im Jahr 1991». SVP und FDP wollen mit Beschwerden nachziehen.

Trotz des überzogenen Betragens der Koch-GegnerInnen ist Daniel Leupi eingeknickt. Erst diese Woche drohte er den BesetzerInnen, im Fall weiterer Lärmüberschreitungen als Grundeigentümer Anzeige zu erstatten – was eine Räumung zur Folge haben könnte. Die Warnung wird er wohl eher pro forma geäussert haben. Nichtsdestotrotz ist sie problematisch – weil sie die Falschen trifft. Das besetzte Haus ist eines der letzten Kultur- und Wohnexperimente in der Stadt Zürich. Für junge Leute gibt es kaum mehr nichtkommerzielle, erschwingliche Ausgangsmöglichkeiten.

Falls der «Tages-Anzeiger» weiter sparen will: Die Website http://koch.comxa.com/ generiert vollautomatisch Hetzartikel gegen die Koch-Areal-Besetzung.

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