Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Mit leuchtenden Bäumen die Welt retten

Hightech aus Pflanzen, Pilzen und Bakterien: Die Bioökonomie verspricht eine neue Industrie auf erneuerbarer Basis. Klingt gut, aber ist es das auch? Die deutsche Journalistin Christiane Grefe schaut hinter die Kulissen.

Von Bettina Dyttrich

Manchmal hat man im Kampf gegen Wörter keine Chance. Biodiesel, Biogas, Biomasse, Bioreaktor – klingt alles toll, nach Biolandbau halt. Der Versuch kritischer JournalistInnen und Hilfswerke, zumindest bei den Treibstoffen die Vorsilbe «Bio-» durch «Agro-» zu ersetzen, kam nicht sehr weit.

Auch die Bioökonomie profitiert von der positiven Vorsilbe. Hierzulande ist der Begriff noch wenig bekannt – er meint alle Wirtschaftszweige, die mit Lebewesen zu tun haben, also die klassische Land- und Forstwirtschaft genauso wie Gentechnik und alle Formen industrieller Produktion, die auf Pflanzen, Tieren, Pilzen oder Bakterien basieren. International ist Bioökonomie ein Megatrend, die EU steckt Milliarden in die Forschung, und die Erwartungen sind riesig. Was ist von all dem zu halten? Diese Frage steht am Anfang einer umfassenden Recherche der deutschen Journalistin Christiane Grefe.

Ran ans Öl mit Bioöl

«Zeit»-Reporterin Grefe geht offen und neugierig an das Thema heran. Sie besucht Forscherinnen der dänischen Firma Novozymes, die im hohen Norden nach unbekannten Pilzen suchen – die Enzyme darin sollen zum Beispiel Waschmittel effizienter machen. Sie interviewt kalifornische «Biohacker», die leuchtende Bäume designen wollen, eine Gentechnik nach dem Open-Source-Prinzip propagieren und Patente deshalb vehement ablehnen. Sie spricht mit Bauern, Biochemikerinnen, Industriellen, Begeisterten und Skeptikerinnen.

Nicht nur die Energie soll erneuerbar werden, sondern die gesamte Produktion. Das ist der Traum der BioökonomInnen. Erneuerbar: noch so ein Zauberwort, ökologisch, edel und gut. Doch in der Praxis kann dieser Traum fatale Folgen haben: Er verschärft den Kampf um Ackerland, Wälder und Wasser. «Jeder Hektar Land kann schliesslich nur einmal bewirtschaftet werden», wie Grefe schreibt. Nach den heftigen Diskussionen über Agrotreibstoffe in den letzten Jahren beteuern heute Politikerinnen genauso wie Industrievertreter, dass Nahrung Vorrang haben soll. Allerdings bleibt es oft bei schönen Worten – der Philosoph Franz-Theo Gottwald bringt es in Grefes Buch auf den Punkt: «Wer den höchsten Preis bietet, der kriegt die Biomasse – und das sind eben keineswegs zwingend die Erzeuger von Lebensmitteln.»

Viele Hypes der Bioökonomie, das wird bald klar, gehen nicht auf. Der «Bio-Flitzer auf VW-Scirocco-Basis» mit naturfaserverstärkter Motorhaube, Scheinwerfern aus Pflanzenplastik und Rapsölmotor löst kein einziges Problem der Menschheit. Auch der Versuch von Agrochemiemultis wie Syngenta, zusätzlich zu Pestiziden ökologische Anbaumethoden gewinnbringend zu verkaufen, macht misstrauisch. Und das einst idealistische kalifornische Unternehmen Solazyme arbeitet jetzt ausgerechnet mit der Frackingindustrie zusammen – um Erdöl und Gas mithilfe von Algenöl etwas weniger schädlich aus dem Gestein zu pressen.

Keine Technik ohne Politik

Aber nicht immer lassen sich Sinn und Unsinn der Bioökonomie so klar trennen, und genau das macht das Buch spannend. Was ist etwa von gentechnisch veränderten Algen zu halten, die biologisch abbaubare Seife produzieren? Die belgische Ecover, der auch die Schweizer Waschmittelfirma Held gehört, wollte solche Algen mit einem hehren Ziel verwenden: um das problematische Palmöl zu ersetzen. Doch Umwelt- und KonsumentInnenorganisationen protestierten vehement. Was ist nun höher zu gewichten: der positive Effekt des eingesparten Palmöls oder das Risiko, dass Gentechalgen versehentlich im Meer landen und dort Fische vergiften oder andere Algen verdrängen? Und wie realistisch ist die Entwicklung von Gentechbakterien, die Kohlendioxid «verdauen» und daraus sogar nützliche Stoffe herstellen sollen? Kann die Bioökonomie vielleicht doch die Welt retten? Die Biophysikerin Petra Schwille ist zuversichtlich: «Wenn uns biologische Systeme beispielsweise erlauben, auch nur einen Teil des Energie- und des CO2-Problems zu lösen – dann, mein Gott, müssen wir es doch probieren!»

Schwille setzt grosse Hoffnungen in die Bioökonomie, der Biologe Andreas Weber ist skeptisch: «Biologen erkennen zwar langsam, dass Lebewesen keine Objekte sind – aber noch nicht die Ökonomen.» Die Autorin lässt die beiden aufeinander los – statt eines Hickhacks entsteht ein faszinierender Dialog über die Frage, was Leben eigentlich ist. Vier solche Gespräche hat Grefe in ihr Buch integriert. Sie machen die Weltbilder, die in der Bioökonomie aufeinanderprallen, anschaulich fassbar. Da diskutieren zwei sehr unterschiedliche Industrievertreter über die Zukunft der Chemie, der Ökophilosoph streitet mit dem Grossbauern und der grüne Aktivist mit dem Syngenta-Vertreter.

Beim Lesen wird klar: Auch die klügste und schonendste Technik kann in einem Wirtschaftssystem, das immer weiterwachsen muss, zum Problem werden. Wirklich grün und global gerecht ist nur eine radikale Verringerung des Ressourcenverbrauchs – und davon ist unter BioökonomInnen noch wenig zu hören. Benedikt Härlin, einer der prominentesten VerfechterInnen der ökologischen Landwirtschaft in Deutschland, sagt es deutlich: «Es gibt keine Technologie ohne Politik.»

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