Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

«Eine Fussnote zum Leben meiner Mutter»

Der niederländische Autor Arnon Grünberg eröffnet dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse. Sein tragisch-witziger Roman über einen Sohn von KZ-Häftlingen erscheint zeitgleich mit den Erinnerungen seiner Mutter an den Holocaust.

Von Eva Pfister

Oscar Kadoke arbeitet beim mobilen Krisendienst. Er muss Menschen mit Selbstmordabsichten begutachten und – falls sie gefährdet sind – eine Zwangseinweisung in die Klinik ausstellen. Das sachliche Wort dafür heisst «Suizidprävention», und so kühl und professionell geht der Psychiater seinem Beruf nach.

Oscar hat früh gelernt, seine Emotionen wegzustecken. Seine Eltern nannten ihn Otto, nach dem Vater von Anne Frank. In der Pubertät wehrte er sich gegen diesen Namen. Gegen das, was er bedeutete, konnte er sich nicht wehren: Seine Kindheit stand im Zeichen des Holocaust. Die Mutter hat mehrere Konzentrationslager überlebt und ist entsprechend traumatisiert. Schon das Kind Otto wusste, was Suizidprävention ist, auch wenn es das Wort noch nicht kannte.

Lust an der Groteske

In der Jetztzeit von Arnon Grünbergs Roman «Muttermale» muss Oscar sich wieder intensiv um seine Mutter kümmern. Weil der Mittvierziger sich in einem verzweifelten Anfall von Sexualnot an der nepalesischen Hilfspflegerin vergriffen hat, ist diese davongelaufen, und so schläft Oscar wieder auf dem Klappbett seiner Jugend und hält die Launen seiner Mutter aus. Er, der seine Emotionen so gut im Griff hatte, gerät mehr und mehr in eine Krise. Zwei Fehleinschätzungen im Dienst verunsichern ihn, und plötzlich handelt er gegen alle Vorschriften. Er kümmert sich nämlich privat um eine höchst suizidgefährdete Patientin, Michette. Sie verletzt sich selbst, hat schon den ganzen Körper voller Narben und trinkt Chlorreiniger.

Aber Michette ist hochintelligent und vital. Sie klammert sich mit einer Kraft an Oscar, der dieser nicht standhalten kann. Also nimmt er sie mit in das Haus seiner Mutter und schlägt ihr vor, dort als Altenpflegerin zu arbeiten. Das sei ein alternativer Heilungsplan, erklärt er ihr und sich selbst – wohl wissend, dass es mit seiner beruflichen Tätigkeit vorbei wäre, wenn das jemand erfahren würde. Die Situation im Haus ist ständig auf der Kippe zur Katastrophe – und zuweilen völlig absurd. Denn Grünberg erzählt die Geschichte zwar mit viel psychologischem Gespür, aber auch mit Lust an der Groteske. Wie in vielen seiner früheren Romane, unter anderen «Blauer Montag», den er im Alter von 23 Jahren schrieb, durchbricht er Tabus und Schamgrenzen und setzt auf abgrundtief Tragisches einen witzigen Schlenker.

Eine Jugend im Lager

Nun ist «Muttermale» nicht einfach nur ein Roman über eine spezielle Mutter-Sohn-Beziehung. Denn zeitgleich erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch ein Buch von Arnon Grünbergs Mutter, Hannelore Grünberg-Klein: «Ich denke oft an den Krieg, denn früher hatte ich dazu keine Zeit» sind die Erinnerungen der deutschen Jüdin, die 1939 mit ihren Eltern aus Berlin floh und auf jenem Auswandererschiff vor Havanna lag, dem plötzlich die Landeerlaubnis verweigert wurde und das wieder Kurs auf Europa nehmen musste. Das Schicksal der über 900 Passagiere erschütterte die Weltöffentlichkeit; Britannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande erklärten sich bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen.

So landete die Familie Klein in den Niederlanden, die aber im Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt wurden. Die Kleins wurden im Kamp Westerbork interniert, das anfänglich noch unter jüdischer Selbstverwaltung stand. Die zwölfjährige Hannelore fühlte sich dort sehr wohl, denn es gab viele Kinder und Jugendliche, man sang und trieb Sport. Als eine der letzten wurde die Familie Klein 1944 nach Theresienstadt deportiert – und von dort nach Auschwitz. Nur Hannelore überlebte diese Station, weil sie nach kurzer Zeit in ein Arbeitslager nach Freiberg in Sachsen kam, wo das hübsche Mädchen ab und zu von mitleidigen Aufsehern ein Butterbrot zugesteckt bekam. Kurz vor Kriegsende wurde die Siebzehnjährige noch nach Mauthausen verschleppt, wo sie fast verhungerte, weil die nationalsozialistische Lagerleitung sich bereits aus dem Staub gemacht und die Gefangenen sich selbst überlassen hatte. Als die US-amerikanischen Soldaten kamen, hatte niemand mehr die Kraft, sich zu freuen. Erst in einem Repatriierungscamp in Frankreich kam Hannelore wieder zu sich, aber hier erfuhr sie auch, was mit ihrer Familie geschehen war.

Ungelesene Erinnerungen

Arnon Grünberg schrieb ein bewegendes Nachwort zum Erinnerungsbuch seiner Mutter. Darin finden sich Sätze wie: «Meine Mutter und ihr Buch sind das Zentrum, alles andere ist Beiwerk. Mein Œuvre ist eine Fussnote zu diesem Buch und zum Leben meiner Mutter.» Das verführt natürlich dazu, seinen Roman «Muttermale» autobiografisch zu lesen. Auch weil beide Bücher gleichzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheinen, wo Arnon Grünberg, das einstige Enfant terrible und heute einer der bekanntesten niederländischen Autoren, die Eröffnungsrede halten wird. Aber so einfach ist es nicht. Der Autor spielt oft mit autobiografischen Motiven, die er aber in ein Geflecht aus erfundenen Geschichten einspinnt. Dem Nachwort ist eben auch zu entnehmen, dass Grünbergs Mutterbeziehung anders war als die seines Romanhelden Oscar.

Arnon erlebte seine Mutter als starke Frau, gegen die er sich oft auflehnte. Er brach die Schule ab und verweigerte den Gang zur Synagoge. Die Erinnerungen seiner Mutter, die sie Ende der achtziger Jahre schrieb, lagen als Manuskript ungelesen bei ihm herum. Damals wollte auch kein Verlag den schlichten Text publizieren. Erst 25 Jahre später erschien das Buch – Hannelore Grünberg-Klein konnte es allerdings nicht mehr erleben: Sie starb im Februar 2015. In ihren letzten Lebensjahren hatte der Sohn einen neuen Zugang zu ihr gefunden und setzte sich auch für eine Veröffentlichung ein.

Das Leben überleben

In seinem Nachwort fragt sich Arnon Grünberg, warum er die Erinnerungen nie gelesen hatte. Er meint, er habe wohl Angst davor gehabt, Mitleid mit seiner Mutter zu bekommen, und das hätte diese starke Frau nicht verdient. Sie wollte nie auf ihre Kriegserfahrungen reduziert werden, sie sprach selten davon; allerdings konnte es geschehen, dass sie im Ärger ihre Familie mit dem Satz beschimpfte: «Ihr seid schlimmer als Auschwitz.» Insofern ähnelt sie der forschen und sehr unkonventionellen Mutterfigur in Grünbergs Roman. Otto Kadoke hingegen scheint eher eine Gegenfigur zu seinem Autor zu sein. Der Protagonist von «Muttermale» lehnt sich kaum auf, es bleibt bei der Verweigerung des Namens Otto.

Kadoke hat sich in sein Schicksal als Kind von Holocaustopfern gefügt. So wurde er Lebensretter, sah seine Aufgabe darin, andere Menschen am Sterben zu hindern, bis er selber anfängt, am Ziel, nicht zu sterben, zu zweifeln. Denn das heisst ja nur zu überleben, nicht mehr. Es ist Michette, die ihn darauf aufmerksam macht, dass er sein eigenes Leben versäumt. Das Ende des Romans ist offen, aber vorsichtig optimistisch. Irgendwann ertappt sich Oscar Kadoke bei einem Stossseufzer – oder Gebet: «Erlöse mich von meinem Beruf. Erlös mich vom Leiden der Anderen.» Und dann spürt er seit langem wieder Sehnsucht nach menschlicher Wärme.

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