Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Schwellenländer auf Selbstfindungskurs

Von Markus Spörndli

Brics – das Akronym aus den aufstrebenden Mächten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – steht eigentlich für ein Bündnis, das seit dem Ende des Kalten Kriegs eine multipolare Weltordnung zu schaffen versucht. Am soeben zu Ende gegangenen achten Brics-Gipfel im indischen Goa zeigte sich jedoch deutlich, dass das Bündnis immer stärker von den asiatischen Grossmächten dominiert wird. Und dass es mit den viel beschworenen gemeinsamen Zielen nicht sehr weit her ist.

Noch vor wenigen Monaten hätte man aufgrund der bewundernd-argwöhnischen Berichterstattung in der westlichen Wirtschaftspresse meinen können, die Brics-Staaten würden schon bald gemeinsam die historisch bedingte wirtschaftliche Vorherrschaft der mit Stagnation kämpfenden Staaten Europas und Nordamerikas brechen.

Kein Wunder: Dort leben nicht nur über vierzig Prozent der weltweiten Bevölkerung. Sie erbringen auch fast ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung – die sich innerhalb von fünfzehn Jahren verdreifacht hat. Mit der Gründung einer eigenen Entwicklungsbank und eines eigenen Währungsfonds haben sie letztes Jahr einen wichtigen Schritt getan, um sich selbst und andere Schwellenländer aus der Abhängigkeit der westlich dominierten Weltbank und des Internationalen Währungsfonds zu befreien.

Das relativ kleine Südafrika war von Anfang an eine Randerscheinung bei Brics, Brasilien hat sich inzwischen selbst in eine politische und wirtschaftliche Krise gestürzt. So sind heute die asiatischen Bevölkerungs- und Wirtschaftsriesen China und Indien tonangebend. Zusammen mit Russland nutzen sie das Bündnis zunehmend für ihre eigenen geopolitischen Ziele. Denn die Vision, die das disparate Bündnis bisher zusammengehalten hatte, ist schon beinahe Realität geworden: Die USA dominieren die Welt bereits nicht mehr, im asiatischen Raum schon gar nicht.

Doch statt einer multipolaren Neuordnung zeichnet sich ein bipolarer Kampf zwischen den USA und China ab. Das wiederum sorgt in Moskau und Neu-Delhi für Nervosität – Russland versucht, seine Geltung im Nahen Osten zu verwirklichen.

Indiens Einfluss hingegen ist selbst in der südasiatischen Nachbarschaft zunehmend von Chinas Dominanz bedroht. In Goa wurden zwar noch schöne Visionen formuliert. Im Hintergrund überlegt sich aber ziemlich sicher auch die nationalistisch gesinnte indische Regierung, wie sie dem neuen Hegemon China begegnen kann.

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