Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Wie Goldstücke im geschnittenen Gras

Preiszerfall, Krankheit und nur noch wenige Bäuerinnen und Bauern, die sich um sie kümmern: Die Bergeller Kastanie, einst wichtigstes Nahrungsmittel des Tals, ist bedroht. Jetzt soll dem Anbau neues Leben eingehaucht werden.

Von Anouk Eschelmüller (Text) und David Wille (Fotos)

Felix Brügger steht mitten im Kastanienwäldchen, der Selve. In Stiefeln, mit dicker Jacke und roter Mütze. Er zeigt auf die mächtige Baumkrone eines Kastanienbaums, dann auf den frisch gemähten Boden darunter. «Wenn Bäume gesund sind, fallen zunächst die Kastanien, dann die Igel und zuletzt das Laub», sagt er.

Brüggers Bäume sehen gesund aus. Für den Unkundigen zumindest. Fünfzehn hohe Kastanienbäume stehen lose gruppiert auf dem Grundstück in Brentan etwas oberhalb von Castasegna und strecken ihre belaubten Arme den Nachbarbäumen zu. Zwischen ihren Blattfingern sitzen zehn, zwanzig, hundert kleine Fruchtigel. Ab und an hört man den dumpfen Knall, wenn einer zu Boden fällt.

Die gut gepflegten Kastanienselven von Brentan gehören zu den grössten und schönsten in Europa, so sagt man. Es sind aber nicht die einzigen im Bergell. Steigt man von Maloja hinunter ins Tal, an den kleinen Dörfern, den Wiesen mit Schaf- und Ziegenherden vorbei, stösst man immer wieder auf einzelne Bäume oder ganze Selven. Nicht umsonst nannte man die Früchte früher das «Brot der Armen»: Bis vor einigen Generationen war die Kastanie das Hauptnahrungsmittel der Talbevölkerung.

Bei Felix und Verena Brügger stehen die Früchte heute nicht mehr auf dem täglichen Speiseplan. Dennoch lesen und verarbeiten sie die Kastanien wie viele andere BergellerInnen noch immer nach alter Tradition. Ursprünglich aus dem Basler Jura zugezogen, leben die Brüggers seit mehr als fünfzehn Jahren in Soglio. Sie seien der Berge wegen gekommen. Die Brüggers gehören damit zu den wenigen TalbewohnerInnen, die eingewandert sind.

Wie viele Alpentäler hat auch das Bergell mit der Abwanderung der jungen Generationen zu kämpfen. Es gibt zu wenig Arbeit hier. Die Landwirtschaft, das ehemalige Hauptgeschäft der BerglerInnen, ist mühsam und wenig ertragreich. Die steilen und nur schwer zugänglichen Hänge verlangen den Bäuerinnen und Bauern viel ab. Neben einigen lokalen Initiativen wie etwa der Kosmetikmanufaktur «Soglio-Produkte» sind es heute vor allem der Tourismus und das Gastgewerbe, die Arbeitsstellen schaffen.

Die fünfzehn Kastanienbäume in Brentan würfen pro Jahr ungefähr 1000 bis 1500 Kilogramm Kastanien ab, erklärt Felix Brügger. Dieses Jahr sind besonders viele Kastanien von den Bäumen gefallen, trotz des trockenen Spätsommers, der die Ernte um einige Wochen verzögert hat. In den Selven herrscht reges Treiben. Da und dort werden die Früchte vom Boden aufgelesen, zusammengetragen und in die «cascine», die Räucherhäuschen, gebracht.

Viel Aufwand für wenig Geld

Die Kastanien zu lesen, ist eine schöne Arbeit. Man sucht, sammelt, sucht weiter, und wenn sich der Blick kurz hebt, bleibt er stets für einige Momente haften: hier und dort Bergsilhouetten, fein wie Klöppelspitzen. Spitze an Scharte, Scharte an Gletschergrund. Dann vom Grossen wieder ins Kleine: der Blick von der Bergkette in die Baumwipfel, dann wieder zu den braunen Früchten am Boden, die dem Suchenden im geschnittenen Gras bald wie Goldstücke entgegenleuchten.

Verrichtet wird die Arbeit – von der Pflege der Bäume bis zur Verarbeitung der Früchte – meist von Hand. «Viel verdienen können wir mit unseren Kastanien nicht», sagt Andreas Engler aus Castasegna. Der Ertrag decke den Aufwand kaum. Ausserdem sei die Konkurrenz aus Italien und neuerdings auch aus China sehr gross.

Zusammen mit seiner Frau, Ivana Engler-Picenoni, und den Schwiegereltern bearbeitet Engler mehrere Selven in Bondo und Brentan. Viele davon sind seit Generationen im Besitz der Familie Picenoni. «Meine Eltern sind wie viele der älteren Talbewohner mit den Kastanien aufgewachsen», sagt Engler-Picenoni. Sie hätten bereits als Kinder in den Selven mitgearbeitet. Ihr Vater, Gustavo Picenoni, gilt im Tal als Kastanienspezialist.

Einen finanziellen Zuschuss erhalten die Bergeller BäuerInnen vom Bund. Flächen, Mauern, Bäume, alles, was die Brüggers und Engelers in Brentan über das Jahr pflegen, wird in Bern gezählt, berechnet und schliesslich ausbezahlt. Ohne Direktzahlungen würden die Selven heute wohl nicht mehr zu den grössten von ganz Europa zählen.

«Die Bergeller halten die Kastanie am Leben», sagt Marcello Negrini, ehemaliger Revierförster und Lawinenspezialist im Bergell. Die Arbeit mit den Kastanienbäumen sei allerdings zu geld- und zeitaufwendig, als dass sie ohne Zustupf machbar wäre. Und auch dann sei sie noch wenig lukrativ: «Es steckt viel Tradition hinter dem Engagement der Menschen und wohl auch etwas Tourismusdenken», sagt Negrini.

Der Tourismus ist für das Tal sehr wichtig. Insbesondere in den Sommer- und Herbstmonaten füllen sich die Busse, die von Maloja ins italienische Chiavenna fahren, mit TouristInnen. Diese wollen sich den schönen Wanderwegen entlang das Bergell Segantinis und der Giacomettis ansehen.

Ein anspruchsvolles Handwerk

Zur Haupterntezeit im Herbst werden fast täglich Kastanien aufgelesen und in den Cascine getrocknet. Tag und Nacht muss das kleine Mottfeuer brennen. Ölige Substanzen, die durch das Verbrennen der «füfa», der Kastanienschalen, erzeugt werden, trocknen und konservieren die Früchte.

Wenn die Bäume schliesslich fruchtlos und die Früchte getrocknet sind, wird das Mottfeuer erstmals nach fünf bis sechs Wochen erstickt. Es ist der Tag des traditionellen Kastanienschlagens. Noch am frühen Morgen werden die heissen Kastanien in lange Säcke gefüllt. Dann müssen sie dreissig- bis vierzigmal über einen Baumstrunk geschlagen werden, damit sich die getrockneten Früchte von ihrer Schale lösen. Schalen und Kerne werden anschliessend in grosse Körbe gegeben, in die «van». Diese werden mit einer speziellen Technik geschüttelt, sodass sich Schalen und Kerne voneinander trennen.

Dieses Schütteln, die angesehene «vanunza», verrichten hauptsächlich Frauen. Sie seien geschickter als die Männer, sagen die BergellerInnen. Auch Ivana Engler-Picenoni beherrscht die Arbeit mit dem Van. Sie hat das Schütteln des Korbs von ihrer Mutter gelernt, wie es im Tal Tradition ist. Unglaublich schnell und geschickt bewegt die Mutter den Korb. Die grosse Anstrengung ist der alten Frau nicht anzusehen.

Im Bergell herrschen optimale Bedingungen für die Kastanienbäume: saure und relativ trockene Böden. «Die Kastanien waren früher eine sichere Sache», sagt Felix Brügger. Er weiss viel von den Bäumen zu erzählen. «Die Bäume hatten kaum Krankheiten und lieferten jedes Jahr einen sicheren Ertrag.» Ein Baum ernährte durchschnittlich ein Familienmitglied. Je nach Sorte liefert ein gesunder Baum zwischen 50 und 100, teilweise bis zu 150 Kilogramm pro Jahr. Der Bergeller und die Bergellerin, sagt man, hätten mindestens einmal am Tag Kastanien gegessen, als ganze Frucht, frisch oder getrocknet, häufiger aber zu Brot oder Teigwaren verarbeitet.

«Zu den besten Zeiten, vor einigen Hundert Jahren, lebten 500 bis 600 Menschen in Soglio», sagt Felix Brügger. Damals kümmerten sich zwischen dreissig und fünfzig Familien um die Kastanienselven. Heute gebe es in Soglio noch sieben Familien, die eine Cascina betrieben. Das gilt nicht nur für Soglio. «In Bondo ist von zwanzig Cascine nur noch eine einzige in Betrieb», sagt Ivana Engler-Picenoni. Einige Selven würden nicht mehr gepflegt, weil das Lesen und Verarbeiten der Kastanien schlicht zu aufwendig seien.

Mit wachsender Unterstützung

Ivana Engler-Picenoni ist Mitglied der Bergeller Vereinigung für KastanienbäuerInnen, der Assemblea Associazione Castanicoltori Bregaglia. Diese versucht seit etwas mehr als zehn Jahren, die Selven und die Kastanienkultur zu reaktivieren und zu erhalten. «Damit die Kastanie wieder mehr Bedeutung erhält, braucht es Know-how und Menschen, die sich um die Bäume kümmern», sagt Engler-Picenoni. Der Verein mit etwa sechzig Mitgliedern organisiert deshalb den Verkauf der Kastanien sowie das Kastanienfest im Oktober. Tatsächlich erhält die Associazione jährlich Zuwachs, auch von jüngeren Leuten. Mitverantwortlich dafür dürfte das Tourismuspotenzial der Kastanie sein. Viele Bergeller Hotels werben mittlerweile mit Kastaniengerichten und -angeboten um Gäste.

Auch die Gemeinde Bregaglia hat dies erkannt und investiert seit einigen Jahren wieder in die Selven. Für nächstes Jahr ist etwa ein grösseres Projekt zusammen mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich geplant, das im Bergell fünf Wasserkraftwerke betreibt. Primäres Ziel: die Verjüngung und Neupflanzung von Selven. Dafür wurden dieses Jahr Kastanien gesammelt, die im nächsten Jahr ausgesät werden sollen.

Trotz all der Bemühungen wird die Arbeit in den Selven wohl aber auch in Zukunft wenig einträglich sein. Lohnt sich der Aufwand dennoch? Felix Brügger überlegt, lässt sich Zeit. Natürlich, es sei nur ein kleiner Verdienst, das Geschäft mit den Kastanien, auch mit den Direktzahlungen, sagt er. Aber darum gehe es nicht. Die Bergeller Landwirtschaft und mit ihr die Kastanien seien schliesslich Teil der Schweizer Identität. Und letztlich habe die Arbeit auch Sinn. «Es wäre doch schade, wenn man alles kaputtgehen liesse.»

Bedrohte Kastanien

Wald, Wespe und Pilze

Von 1942 bis heute ist der Bergeller Wald um 600 Hektaren gewachsen. Eichen, Eschen und Fichten nehmen den Kastanienbäumen Licht und Platz weg, die Verwaldung ist mit ein Grund, weshalb sie eingehen. Die Verwaldung aufzuhalten, ist schwierig, trotz der Ziegen und Esel, die in den steilen Hängen die Mähmaschinen ersetzen.

Aber nicht nur der Wald setzt den Bäumen zu. Auch verschiedene Schädlinge haben den Bestand der einst gesunden Bergeller Kastanienbäume verringert. Für schlechte Erntejahre sorgte etwa ein Insekt namens Kastanien-Gallwespe. Die ursprünglich aus China stammende Wespe war 2009 vom Piemont ins Bergell gekommen. Die Wespe verursacht mit der Ablage von Eiern an den Blättern der Kastanienbäume sogenannte Gallen. «Die Wespe hat den Bäumen einige Jahre stark zugesetzt», sagt der ehemalige Förster Marcello Negrini. «Sie haben kaum mehr Früchte produziert.» Gerettet hat die Kastanien schliesslich eine Schlupfwespenart. Dieser Parasit tötet die Larven in den Gallen.

Kaum sind die Gallwespen besiegt, kämpfen die Bergeller KastanienbäuerInnen aber bereits gegen die nächste Bedrohung. In den letzten Jahren erkrankten einige der Bäume an der «Tintenkrankheit», einem Pilzbefall. Der Pilz verbreitet sich vor allem über das Grundwasser. Befällt er einen Baum, stirbt dessen Rinde ab und färbt sich tintenschwarz. «Der Pilz ist sehr aggressiv», sagt Negrini. «Ist ein Baum befallen, stirbt er innert weniger Monate ab.»

Mitverantwortlich an der Ausbreitung des Pilzes ist stehendes Wasser in den Selven. Die historischen Wasserrinnen, die für die Entwässerung des Bodens sorgten, waren in den letzten Jahren zum Teil zusammengebrochen oder verstopft. «Letztes Jahr hat sich zum Glück die Gemeinde eingeschaltet», sagt Marcello Negrini. Mit einem Aufwertungsprojekt, gesponsert aus dem Ökostromfonds des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich, wurden die Wasserrinnen renoviert, damit das Wasser wieder abfliessen und die Böden trocknen konnten.

Anouk Eschelmüller

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