Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Bei Gertrude Stein regnet es Buchseiten

Von Geneva Moser

Das ganze menschliche Sein zu erfassen: Dieser Anspruch war Gertrude Stein (1874–1946) so notwendig wie unmöglich, die Autorin darin so arrogant wie unerbittlich. In Wiederholungen, kleinen performativen Verschiebungen, mit zeitdiagnostischem Beobachtungsgeschick und der Gabe zur richtigen Frage arbeitete sich die «Mama of Dada» an der Erfüllung dieses Anspruchs ab, vermessen und doch ehrlich. Dies unter anderem in ihrem 1024-Seiten-Roman «The Making of Americans», an dem sie fast zehn Jahre schrieb. Zwei Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Europa in die USA emigrieren: eine Migrationsgeschichte, die grosse Analogien zu Steins eigener Biografie aufweist.

Am Theater Winkelwiese in Zürich hat Marcel Schwald nun «The Making of Americans» für die Bühne adaptiert (Spiel: Susanne Abelein, Julia Schmidt, Ariane Andereggen). Als Kommentar und Nacherzählung gleichermassen erprobt die Inszenierung kritische Lesarten von Gertrude Steins Werk. Ihre Spracharbeit wird seziert, ihre Charakteristik in eingängige Motive, Bilder und Bewegungen übersetzt. Stein wird hier ernst genommen, zwischen regnenden Buchblättern und tickenden Metronomen, ernst genommen in all ihrer Ambivalenz: Stein, die popkulturtaugliche Kultfigur, das avantgardistische Genie, die Schöpferin einer vielfach nachgeahmten «Stein-Sprache». Und Stein, die verklärte europäische Migrationsgeschichte schreibt und dabei den Genozid an Native Americans verschweigt, die von antisemitischen und homophoben FreundInnen umgeben ist.

Unermüdlich wiederholt sie weiter, die Wörter ihrer Bedeutungen entkleidet, im Versuch, «alle Arten zu erfassen, wie jemand Leben fühlen kann». «Die Tote kommt im Text auf euch zu», so wird die Romanadaption an der Winkelwiese eröffnet. Und wirklich: Gertrude Stein spricht durch die Sprache der Inszenierung, schafft sich Raum an diesem Abend. Die Figuren der Erzählung verschwinden nach und nach von der Bühne, machen Steins charakteristischer Sprache Platz. Wir hören ihr zu, müssen ihr zuhören, wie sie es sagte: «Ich mag es, wenn sie mir zuhören.»

«The Making of Americans von Gertrude Stein». Zürich, Theater Winkelwiese. Letzte Vorstellungen: Donnerstag–Samstag, 3.–5. November 2016, jeweils 20 Uhr.

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