Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Das eigene Leben verkaufen

Die griechisch-schweizerische Koproduktion «Money Piece I (Comedy)» setzt sich humorvoll mit dem «Gespenst Armut» auseinander. Ein Probenbesuch vor der Premiere.

Von Geneva Moser

«Theater ist doch der Ort, wo du alles sein kannst. Meinetwegen ein Pilz»: Das Stück «Money Piece I (Comedy)» erprobt, wie viel es auf dem Markt wert ist. Foto: Zoe Hatziyannaki

«Mein Vater hatte ein Herz aus Plastik. Ein Herz nur für Erwachsene, das im Schlafzimmer auf dem Regal hinter den Büchern stand», erzählt die Performerin Ariane Andereggen. Eine unauffällige Anzahl Münzen habe sie aus dieser Spardose regelmässig für sich herausgenommen, nur so viel, dass es niemand merkte.

Dieses Stück fiktionalisierte Geldbiografie ist Teil der griechisch-schweizerischen Koproduktion «Money Piece I (Comedy)» unter der künstlerischen Leitung von Marcel Schwald. Das Theaterstück entstand im Rahmen des Kulturfestivals Culturescapes Griechenland als Kollaboration in Athen und Basel. Unter dem Begriff des Sparens treffen die unterschiedlichsten Sparhintergründe aufeinander: das praktisch bankrotte Griechenland, unter internationalem Druck stehend und in den Schlagzeilen ausgeschlachtet, und die reiche, schüchtern-bedeckte Schweiz, die mit kritischen Positionierungen nicht gerade grosszügig ist. Sparzwang für die einen, prophylaktische Selbstkontrolle für die anderen. Das unauffällige Aneignen fremder Münzen, wie es Andereggen auf der Bühne gesteht, überblendet sich in diesem Kontext mit der historischen Rolle der Schweiz im internationalen Finanzmarkt.

Ein Scheinwerfer und Pointen

In drei Teilen untersucht das Stück das «Gespenst Armut», das in Europa umgeht: Mal ist es eine Reflexion der medialen Berichterstattung zur Krise, mal die Arbeit an den ganz persönlichen Geschichten, und schliesslich wirft sich das Stück selber auf den Markt und erprobt, wie viel es denn wert ist. Dabei, das sagt die Gruppe bei einem Besuch einer Probe kurz vor der Premiere, sei der Humor wichtig: Schwald sagt, er könne gar nicht ohne arbeiten. Die Produktion benutzt Erzähltechniken der Stand-up-Comedy, die ohne grosse Mittel auskommt und – um es in neoliberalem Vokabular zu fassen – effizient und flexibel ist. Ein Scheinwerfer und Pointen in Kopf und Mund genügen.

Petros Bouras (Performer/Musiker) und Periklis Fokianos (Performer) betonen, wie kreativ Ironie und Humor als Kontraste zur Schwere der Krise wirken können. Humor helfe, mit der Wut umzugehen. Die humoristische und satirische Arbeit mit Biografien, den eigenen «Sparhintergründen», widersetzt sich der Tendenz, die Krise dokumentarisch abbilden zu wollen. «Picturing the Crisis» also – wie soll das denn gehen? «Money Piece I (Comedy)» versucht, die Reduktion von Menschen auf «Betroffenheit» zu umgehen. Eine bestimmte Art von Komik, so Ariane Andereggen, sei ja auch in einer privilegierten Gesellschaftsschicht verortet. Eine beliebte Beschäftigung von Gleichgesinnten, die sich mit dem Lachen über andere selber bestätigen. Das auszuweiten, sich anzueignen, mache Spass.

Gearbeitet wird improvisationsbasiert. Dass dabei auch sprachliche und kulturelle Übersetzungsarbeit geleistet werden muss (gesprochen wird Deutsch, Englisch und Griechisch, jeweils mit Übertiteln übersetzt) macht «Money Piece I (Comedy)» durchaus zu einer aufwendigen Theaterproduktion. Auch insofern, als die Zeit der Proben mit acht Wochen sehr knapp und die Dringlichkeit der Thematik existenziell ist.

Mit Doppeldeutigkeiten wisse auch die Musik, die das Stück quasi choreografiert, gut umzugehen, ähnlich wie Ironie oder die nostalgische Überhöhung, so der Musiker und Komponist Bouras. Das beinhaltet dann durchaus fast musicalähnliche Szenen mit Brecht-Liedern, dem Song «Diamonds Are a Girl’s Best Friend» sowie von Bouras eigens komponierten Stücken.

Prekäre Plattform

Das Wort «Klasse» findet sich in den Pressetexten interessanterweise nicht. Ob das nun Absicht ist oder nicht, darauf gibt die Gruppe beim Probenbesuch keine eindeutige Antwort. Fest steht: Gesellschaftskritik und utopische Entwürfe liegen hier weniger in den grossen politischen Begriffen und Konzepten als in der schlichten und zugleich radikalen Entscheidung, einfach gemeinsam Kunst zu machen. Das habe für ihn auch mit einer Wiederaneignung im Kontext identitärer Lagerbildung zu tun, sagt Marcel Schwald: «Theater ist doch der Ort, wo du alles sein kannst. Meinetwegen ein Pilz.» Statt der Stabilität, die «Klasse» impliziere, interessierten ihn die Auslassungen in biografischen Erzählungen, die Verletzlichkeiten und die Unsicherheiten.

«Money Piece I (Comedy)» ist damit eine mitunter prekäre Plattform der Zusammenarbeit, die aus dem Moment und konkreten Erfahrungen schöpft. Und dadurch Überlebensperspektiven eröffnet, wie der Performer Daniel Hinojo betont. Das Selbstausbeuterische am Persönlichen ist den KünstlerInnen bewusst. Andereggen formuliert es drastisch: «Über meine Biografie zu sprechen, ist heikel, weil ich wortwörtlich mit meinem Leben spiele und es verkaufe.» Mit Selbstvermarktung seien ja alle KünstlerInnenexistenzen im neoliberalen Kapitalismus konfrontiert.

Mit diesen ambivalenten Voraussetzungen für die Zusammenarbeit versucht «Money Piece I (Comedy)» kritisch umzugehen: weder die inzwischen subkutan sitzenden Existenznöte profitabel auszuschlachten noch sie in moralinsaure Ansagen umzumünzen.

«Money Piece I (Comedy)» in: Basel, Kaserne, Sonntag, 22., bis Mittwoch, 25. Oktober 2017, und Freitag, 27. Oktober 2017, jeweils um 19.30 Uhr. www.kaserne-basel.ch

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