Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Die gnadenlose Zeit

In ihrem fünften Buch widmet sich Judith Hermann wieder ihrem Kerngebiet: Kurzgeschichten. «Lettipark» erzählt von den Unzulänglichkeiten menschlicher Begegnungen.

Von Timo Posselt

Beschreibt präzise unser aller Verfall: Schriftstellerin Judith Hermann. Foto: Gaby Gerster

Es ist dieser verflixte Gegensatz in Judith Hermanns Sprache, der fast jedes ihrer Bücher lesenswert macht: Hermann schreibt in einer Klarheit, die in ihrer Leichtigkeit scheinbar nichts verschweigt und dennoch das Grundlegendste in der Schwebe lässt. So ist das auch in ihrem neusten Band von Erzählungen mit dem Titel «Lettipark». Hermann beweist wiederum, dass sie eine herausragende Stilistin ist – und dennoch kann sie daneben liegen. So wie in ihrem Roman «Aller Liebe Anfang». Mit ihrer charakteristischen sprachlichen Eigenheit und einer aussichtsreichen Ausgangslage liess sie ihr Figurenkabinett am Ende in einer wertkonservativen Plattheit zusammenfallen. Es war Hermanns erster Roman, und man hätte ihn gerne gemocht.

Chirurgisch genaue Arbeit

Mit «Lettipark» kehrt die 46-jährige Autorin zu dem Genre zurück, das sie beherrscht: Kurzgeschichten. Schon 1998 mit ihrem Debüt «Sommerhaus, später» wurde sie mit solchen vom Fleck weg zu einer international gefeierten Autorin. Inzwischen ist Hermann in zwanzig Sprachen übersetzt und erhielt für «Alice» (2009) frenetische Kritiken in Frankreich und der englischsprachigen Welt. Anders als in «Alice» gibt es in «Lettipark» keine Frauenfigur, die alle Geschichten zusammenhält. Doch auch ohne umspannende Motive zerfällt «Lettipark» nicht. Die Figuren sind mit all ihren Unwägbarkeiten und Zweifeln in wenigen Strichen und doch mit facettenreicher Tiefe gezeichnet. Ihre (inneren) Konflikte entwickeln sie in der Begegnung mit anderen, und schliesslich lässt Hermann die Geschichten in einem Bild voller unklarer Andeutungen enden.

In «Zeugen» begegnen uns Ivo und eine namenlose weibliche Ich-Erzählerin sowie das Paar Samantha und Henry. Ivo und die Namenlose sind verheiratet, doch als sie auf das glückliche Paar Samantha und Henry treffen, ist ihre Ehe bereits fast am Ende. Die beiden Paare verabreden sich in einem Fischrestaurant, und es ist eine für Ivo unerträgliche Situation: «ein Prozedere wie ein Beweis für unsere mittleren Jahre, unsere Schwächen», heisst es in den Worten des weiblichen Ichs. Sie fügt an: «Aber ihm fiel auch nichts anderes ein. Das war das Problem, er hatte auch keine andere Idee.» Hermann seziert auf den folgenden elf Seiten diese Beziehung wie eine Forensikerin, aber an einem lebenden Körper: Sie arbeitet chirurgisch genau, doch die Genesung ist immer nur eine ungewisse Möglichkeit. Die Paare stossen an auf nichts, «sie liessen das offen», wie es heisst, und schliesslich stehen Ivo und seine Frau auf einer schwankenden Brücke: «Ich konnte nur neben ihm (...) stehen und über den Fluss sehen, das schwarze Wasser absuchen, abtasten, nach einem unwahrscheinlichen Funken, einer Möglichkeit.»

Es sind diese grundsätzlichen Unzulänglichkeiten menschlicher Beziehungen, die fast alle von uns kennen und denen sich Judith Hermann auch in «Lettipark» annähert. Oft sind es Frauenfiguren, die aus ihrer eigenen Erlebniswelt heraus sprechen. Hermann erhielt einst dafür mit anderen Autorinnen die machoide Bezeichnung «literarisches Fräuleinwunder». Es war die Bemühung, eine literarische Bewegung zu definieren und sie gleichzeitig chauvinistisch abzuwerten. Hermann, aber auch Juli Zeh, Jenny Erpenbeck und Felicitas Hoppe haben sich glücklicherweise nie davon limitieren lassen.

Unser aller Verfall

Liest man sich durch die siebzehn Kurzgeschichten von «Lettipark», fällt vor allem auf, welch grundsätzliche Rolle die Zeit in Judith Hermanns Erzählungen spielt. Es lassen sich drei Tendenzen erkennen. So ist, wenn wir am Anfang einer dieser Geschichten stehen, meist schon Zeit verstrichen. In der Vergangenheit Geschehenes ist unwiederbringlich verloren und schlägt sich ungewiss auf die Geschichten nieder. Zweitens ist die Zeit bei Hermann gnadenlos und schreibt sich in die Körper ein. Mit reduzierter Sprache beschreibt Hermann präzise unser aller Verfall. Und schliesslich ist die Zukunft bei Hermann völlig unplanbar. Vorgenommenes krankt am Jetzt, und Träume scheitern an den Limitierungen der Vorgeschichte. Hermanns Figuren bleibt nichts anderes übrig, als jedes Mal von neuem durch den Sumpf täglicher Mühen zu waten. Dabei wird die Autorin nie bitter im Ton. Stattdessen atmen ihre Erzählungen eine leise Melancholie. Hermann schreibt gegen nichts an und hat niemandem etwas zu beweisen.

Doch einen Dämpfer erhält die Begeisterung für «Lettipark»: In «Inseln» lässt Hermann zwei «farbige Angestellte» auftreten, die sie allen Ernstes «Bumpie» und «Squeekie» tauft. Obwohl «diese schrecklichen Namen» thematisiert werden, lässt Hermann die beiden in der ganzen Erzählung nie sprechen. Nur um am Ende «Bumpie» zuzugestehen, dass er «ein phantastischer Mikadospieler gewesen» sei, «der beste». Es ist nicht das erste Mal, dass Hermann gesellschaftlich Marginalisierte stereotyp darstellt. Doch bei aller Kritik an diesem strukturellen Rassismus – ein literarisches Argument dagegen wiegt am meisten: Durch diese schablonenhafte Darstellung verlieren Hermanns sonst so tiefgründige Figuren ihre Greifbarkeit.

Die Autorin liest am Mittwoch, 14. September 2016, im Literaturhaus in Zürich; am Donnerstag, 15. September 2016, im Literaturhaus in Basel; am Freitag, 16. September 2016, in der Bibliothek Zug und am Samstag, 17. September 2016, im Kleinen Landhaus in Gstaad.

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