Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

«Kosaken sind gut für dein Stück»

Milo Rau brachte im Sacharow-Zentrum in Moskau drei reale Prozesse gegen KünstlerInnen aus der jüngsten russischen Geschichte auf die Bühne – mit realen ProtagonistInnen auf beiden Seiten, unvorhergesehenen Auftritten und offenem Ausgang.

Von Beatrice Bösiger, Moskau

Anna Stawitskaja befragt als Anwältin für die Verteidigung Leonid Bazhanov, den künstlerischen Leiter des Nationalen Zentrums für zeitgenössische Kunst. Foto: Maxim Lee, IIPM

Moskau, Anfang März 2013. Drinnen im Sacharow-Zentrum findet die Aufzeichnung von Milo Raus szenischer Installation «Die Moskauer Prozesse» statt, die unter anderem den Pussy-Riot-Prozess neu aufrollt. Draussen vor der Tür stehen Männer in Kosakenuniform und verlangen vehement Einlass. Fünf davon nehmen schliesslich, ausgerüstet mit den charakteristischen hohen Fellmützen und dicken Filzmänteln, im Saal Platz, wobei sie versuchen, einen möglichst einschüchternden und grimmigen Eindruck zu machen.

Als in der Pause ein Grossteil des Publikums nach draussen strömt, hält ihm einer der Männer in Kosakenuniform sein Handy entgegen und filmt – wie um zu signalisieren, dass das, was drinnen als Kunstprojekt inszeniert wird, für die Anwesenden auch reale Konsequenzen haben kann. Denn sie sind nicht zimperlich, die Kosaken: Seit der Wiederwahl von Wladimir Putin als Staatsoberhaupt im Mai 2012 taucht diese Gruppe, die sich als Nachfolge der alten Kosakenverbände versteht und heute unter dem Putin-Regime auch gerne paramilitärische Aufgaben übernimmt, verstärkt auf den Strassen russischer Städte auf. Dort machen sie Jagd auf illegalisierte MigrantInnen oder schreiten ein, wo sie das Ansehen der russisch-orthodoxen Kirche in irgendeiner Form verletzt sehen. So auch beim realen Prozess gegen die Künstlerinnen von Pussy Riot im vergangenen Sommer, als sie sich unter die DemonstrantInnen vor dem Moskauer Bezirksgericht mischten.

Auftritt der Beamten

Die unschöne russische Realität bahnt sich an diesem Tag Anfang März ihren Weg auch noch auf eine andere Art in das Theater: Während Stunden kontrollieren Beamte der Migrationsbehörde das Visum und die Registrierung von Regisseur Milo Rau. Dazu musste die Inszenierung sogar unterbrochen werden. Die nachträglich abgegebene Begründung der Behörde gegenüber russischen Nachrichtenagenturen trug nicht wirklich zur Klärung der Sachlage bei: Milo Rau sei mit einem Geschäftsvisum eingereist, das nicht für eine Erwerbs- oder Journalistentätigkeit gilt. Die Beamten beliessen es schliesslich bei einer Ermahnung.

In den «Moskauer Prozessen», die der Schweizer Regisseur inszenierte, wurden während dreier Tage drei Strafprozesse neu verhandelt, bei denen KünstlerInnen und KuratorInnen ihrer Arbeiten wegen verurteilt wurden; einmal die Prozesse in Zusammenhang mit den Ausstellungen «Achtung Religion» (2003), «Verbotene Kunst» (2006) sowie der Prozess gegen die Performancekünstlerinnen von Pussy Riot im vergangenen Jahr. Schauplatz der Gerichtsshow ist der gleiche Saal im nach dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow benannten Kulturzentrum und Museum, in dem bereits die beiden beanstandeten Ausstellungen stattfanden. Vier Tage nach der Eröffnung haben hier im Jahr 2003 russisch-orthodoxe Aktivisten die Ausstellung «Achtung Religion» gestürmt und die präsentierten Werke zerstört. Darunter befanden sich ein Jesusbild in einer Coca-Cola-Reklame oder der leere Rahmen einer orthodoxen Ikone. Nach einer Medienkampagne, kräftig unterstützt von der russisch-orthodoxen Kirche, wurde Juri Samodurow, der damalige Direktor des Sacharow-Zentrums, angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Drei Jahre später fand erneut eine heftige Auseinandersetzung um eine Ausstellung statt: «Vorsicht Kunst» zeigte Werke, die Galeristinnen und Kuratoren der Selbstzensur wegen aus ihren Ausstellungsräumen entfernt hatten. Ausgestellt wurden die Werke im Sacharow-Zentrum sinnigerweise nur hinter Paravents. Erst der Blick durch angebrachte Gucklöcher eröffnete den BesucherInnen die Sicht auf die kritischen Werke. Die Vorsichtsmassnahmen reichten jedoch nicht: Kurator Andrej Jerofejew wurde angeklagt und im Juli 2010 zu einer Geldstrafe verurteilt.

Das Recht der Stärkeren

Einige der Beteiligten stehen nun im Rahmen der «Moskauer Prozesse» auf der Bühne, um ihren Fall erneut einer Öffentlichkeit zu präsentieren: Es geht um die Fragen, ob die KünstlerInnen durch ihre Aktionen damals die Gefühle der Gläubigen verletzt hatten und – wenn ja – ob das bewusst geschah. Das Bühnenbild ist einem Gerichtssaal nachempfunden: Es gibt Bänke für die Richter, die Anklage, die Verteidigung sowie für die Geschworenen. Das Publikum besteht aus FreundInnen und Bekannten der Beteiligten sowie aus JournalistInnen, viele davon aus dem Ausland. Mehrere Kameras filmen das Geschehen.

Videoinstallationen der «Moskauer Prozesse» werden in den kommenden Monaten in Zürich (vgl. «‹Schauprozess› gegen die ‹Weltwoche›» im Anschluss an diesen Text) und an den Wiener Festwochen gezeigt. Ein Dokumentarfilm, der die Aufführung mit weiterführenden Interviews in einen grösseren Zusammenhang stellt, soll später ins Kino kommen. Zwei Jahre dauerten die Recherchearbeiten für die Aufführung, die unter anderem vom Nationaltheater Weimar, dem Goethe-Institut und der deutschen Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird. Anders als bei seinen bisherigen Projekten wie «Die letzten Tage der Ceausescus» (2009), «Hate Radio» (2011) oder «Breiviks Erklärung» (2012) hat sich Rau nun für die «Moskauer Prozesse» vom direkten Reenactment, der Reinszenierung eines bestehenden Textes oder Ereignisses, verabschiedet und inszeniert die drei Prozesse aus Russland mit offenem Ausgang. Zunächst hatten nur die beiden Ausstellungen die Grundlage gebildet – nach der Performance von Pussy Riot vor einem Jahr und der darauf folgenden Verhaftung und Verurteilung der Künstlerinnen wurde das Stück erweitert.

Mit dem Theater gehe es ihm um einen möglichst objektiv ablaufenden Dialog zwischen Kunst und Kirche, sagt Rau. Denn zur Realität Russlands gehört, dass Ausstellungen, Theateraufführungen oder Konzerte kritischer KünstlerInnen zunehmend systematisch von russisch-orthodoxen AktivistInnen gestört werden. Und diese fühlen das Recht des Stärkeren auf ihrer Seite, gehen doch Kirche und Staat seit einigen Jahren eine immer engere Allianz ein. Die Kirche ergreift inzwischen auch offen politisch Partei: Im letzten Präsidentenwahlkampf 2012 hat Patriarch Kirill die orthodoxen Gläubigen dazu aufgefordert, für Putin zu stimmen.

Im Theater traten beide Seiten mit ihren ExpertInnen auf: aufseiten der Anklage etwa Maxim Schewtschenko, bekannter Moderator des staatlichen ersten TV-Kanals und rhetorisch versierte Speerspitze der religiös-konservativen Bewegung, oder der hochdekorierte, weit rechts aussen stehende neostalinistische Künstler Alexej Beljaew-Gintowt. Auf der Seite der Verteidigung traten unter anderem auf: Katja Samuzewitsch, Mitglied von Pussy Riot, deren Strafe im Herbst auf Bewährung ausgesetzt wurde, der Künstler Dmitri Gutow, der etwa an der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig teilgenommen hat, und der Kurator Andrej Jerofejew, der 2010 wegen «Vorsicht Kunst» verurteilt wurde.

Die Rolle der Anwältin für die Verteidigung übernahm Anna Stawitskaja, die einige der an den besagten Ausstellungen beteiligten KünstlerInnen in den realen Prozessen verteidigte. Als Richterin gecastet wurde Olga Schakina, Journalistin beim unabhängigen Fernsehsender TV-Doschd – die allerdings etwas glücklos agierte: Einerseits hatte Schakina dem rhetorisch versierten Schewtschenko als Vertreter der Anklage wenig entgegenzusetzen, andererseits drohte ihre fehlende juristische Kenntnis teilweise den Ablauf des Stücks zu gefährden. Das Urteil fällten sieben Geschworene aus ganz verschiedenen Bevölkerungsschichten Moskaus. Das Spektrum reichte dabei von einem etwas schrulligen älteren Herrn, der in einer orthodoxen Kommune wohnt, über eine Mitarbeiterin des Nationalen Zentrums für zeitgenössische Kunst bis hin zu einem Besitzer eines Fotostudios.

Plötzliches Interesse der Medien

Die zeitliche Nähe der drei Fälle machte ihre Inszenierung jedoch nicht einfach – auch innerhalb des geschlossenen Rahmens des Sacharow-Zentrums fürchteten die OrganisatorInnen reale Konsequenzen für die Beteiligten. Davon zeugt auch der vorsichtige Umgang mit den beanstandeten Werken: So bekamen die Geschworenen zwar Fotos davon gereicht, das Publikum sah aber weder die beanstandeten Bilder der beiden Ausstellungen noch das Video vom Pussy-Riot-Auftritt in der Christi-Erlöser-Kathedrale. Letzteres gilt in Russland nach einem Gerichtsentscheid als extremistisch und darf nicht öffentlich gezeigt werden.

Mit der Aufführung wollte Rau eine politische Debatte inszenieren. Allerdings mit gemischtem Resultat: So ist es gewiss ein Verdienst der «Moskauer Prozesse», wichtige Personen der zeitgenössischen russischen Kunst versammelt zu haben – und das unerwartete Eindringen der Behörden machte noch einmal deutlich, dass im heutigen Russland Freiräume für die Kunst kaum vorgesehen sind. Andererseits fanden die ersten beiden Tage des Stücks unter einem Quasiausschluss der russischen Öffentlichkeit statt. Erst nach dem Unterbruch durch die Migrationsbehörden und dem Aufmarsch der Kosaken berichteten auch russische Medien über das Theater.

Freisprüche als Randnotiz

Dass die Geschworenen die KünstlerInnen zum Schluss freisprachen, war dann in der ganzen medialen Aufregung über die behördliche Intervention fast nur noch eine Randnotiz – und die Argumente traten wieder hinter die Schlagzeilen zurück. Das war allen Beteiligten wohl auch klar: «Die Kosaken, die sind gut für dein Stück», sagte denn auch Maxim Schewtschenko zu Rau vor dem Eingang des Sacharow-Zentrums, nachdem er diese davon überzeugt hatte, dass durch seine Präsenz ihre Position im Saal angemessen vertreten sei. Die Kosaken zogen darauf auch wieder ab. Jedoch nicht, ohne sich vor dem Einsteigen in ihre Autos gegenseitig zu umarmen und auf die Schultern zu klopfen.

Kunst und Justiz

«Schauprozess» gegen die «Weltwoche»

Als Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina von der Punkgruppe Pussy Riot im letzten Sommer für ihr «Gebet» gegen die Allianz von Kirche und Staat in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden, kam es zu weltweiten Protesten. Es war der mediale Höhepunkt einer zehnjährigen Reihe von Schauprozessen gegen Künstlerinnen und Dissidenten, mit denen das System Putin den Wandel zur Demokratie verhindern will.

Das Projekt «Die Moskauer Prozesse» von Milo Rau und seinem Institute of Political Murder versucht Bewegung in die Verhältnisse zu bringen. Zehn Tage nach der Aufführung im Sacharow-Zentrum kommen «Die Moskauer Prozesse» nach Zürich – als Fünf-Kanal-Videoinstallation mit der kompletten Aufzeichnung (in russischer und englischer Sprache), in einer Vorpremiere des gleichnamigen Dokfilms und in Anwesenheit von AkteurInnen beider Seiten.

Die Gessnerallee ist zudem erste Station einer Debatte, die in Wien, Berlin, Brüssel und Bern fortgeführt wird: An der Tagung «Kunsturteile & Urteilskünste» diskutieren internationale Gäste im Bühnenbild des Moskauer Gerichtssaals über den Umgang der Gerichte mit Kunst: Wie wird vor Gericht über Kunst debattiert? Anhand welcher Dokumente und Gutachten werden Urteile gefällt? Welche Rolle spielen ExpertInnen? Und wie werden durch Gerichtsurteile Begriffe geprägt?

Schon ist Raus nächster «Schauprozess» angekündigt: Vom 3. bis 5. Mai 2013 findet im Zürcher Theater Neumarkt ein Prozess gegen die «Weltwoche» statt – wieder mit real Beteiligten auf beiden Seiten.

Adrian Riklin

Videoinstallation und Vorpremiere von 
«Die Moskauer Prozesse» in: Zürich, Theaterhaus Gessnerallee, Donnerstag bis Samstag, 
14.–16. März 2013. Donnerstag ab 19 Uhr; 
Freitag ab 19.30 Uhr; Samstag ab 17 Uhr.

Tagung «Kunsturteile & Urteilskünste»: 
Donnerstag bis Samstag, 14.–16. März 2013. 
Programm: www.gessnerallee.ch

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