Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Lücken im Archiv

Von Wolfgang Hafner

Langsam steigt das Unbehagen im Kunsthaus Zürich. Wenn es im Neubau die Kunstsammlung des Naziwaffenschmieds Emil Georg Bührle zeigen will, ist die Aufklärung der Raubkunstvorwürfe das eine. Dringlicher ist die Frage, wie Bührle zum Geld kam, mit dem er die Sammlung finanzierte. «Historische Kontextualisierung» lautete das Zauberwort an einer Debatte im Zürcher Gemeinderat letzte Woche. Bloss ist diese nicht einfach, wie Stadtpräsidentin Corinne Mauch einräumte: Ein von der Stadt angefragter, unabhängiger Historiker will sich erst an die Arbeit machen, wenn er die «Archivlage» geklärt hat. Was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Vermögen, das Bührle scheffelte? Dass das NS-Regime seine Waffen wollte, war nicht selbstverständlich, gab es doch eine eigene Produktion. Waffen konnten nur verkauft werden, wenn Beziehungen gepflegt und geschmiert wurden.

Dass diese Verbindungen schwierig zu rekonstruieren sind, liegt am lückenhaften Archiv von Bührle. Wie das Beispiel der Waffenfabrik Ikaria zeigt, fehlen entsprechende Unterlagen. Der offizielle Bührle-Biograf Daniel Heller schreibt über einen im Archiv gefundenen Bericht zur Ikaria: «96 Beilagen sind nicht mehr vorhanden.» Die Ikaria wurde unter SS-Aufsicht in der Nähe des KZ Sachsenhausen betrieben. Bührle bestritt nach dem Zweiten Weltkrieg, dass er auf das Unternehmen einen Einfluss hatte, obwohl seine Geschwister zusammen mit dem mit ihm geschäftlich eng verbundenen Grafen Georg Friedrich zu Solms-Laubach wichtige Aktionäre waren – von den minutiös abgerechneten Lizenzzahlungen profitierte er sehr wohl.

Wie kann Licht ins Dunkel gebracht werden? Für das Familienarchiv der Grafen zu Solms-Laubach, die sich für nazifreundliche Politik engagierten, besteht eine hundertjährige Sperrfrist. Bleibt noch das schwer zugängliche Archiv des ehemaligen russischen Geheimdiensts KGB, wo Akten zur Ikaria vorhanden sind. Daneben gibt es vielleicht noch ZeitzeugInnen – ZwangsarbeiterInnen –, die mehr wissen. HistorikerInnen haben recht, wenn sie sich fürs Erste skeptisch geben bezüglich einer Kontextualisierung. Angesichts der Archivlage sind aufwendige Recherchen nötig. Andernfalls wird die Aufarbeitung zur Alibiübung.

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