Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

«Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen»

Die «weisse Arbeiterklasse» soll Donald Trump ins Weisse Haus gewählt haben. Wer hat eigentlich entschieden, dass ihre Sorgen mehr zählen als die aller anderen?

Von Laurie Penny

«Flotsch, Mr. Trump!»: Bei einer Protestveranstaltung in Burlingame (Kalifornien) fliegen Eier auf eine Pappfigur von Donald Trump. Foto: Josh Edelson, AFP / Getty

Die Zeichen waren unübersehbar. Zumindest für jene, die sie zu lesen verstanden. Eines davon war auf die verkohlte Wand einer afroamerikanischen Kirche gesprayt, die in der Woche vor der Wahl in Mississippi angezündet worden war: «Vote Trump». Die News waren mit solchen Zeichen zugepflastert, als am Wahltag drei Menschen vor einem Wahllokal in Kalifornien niedergeschossen worden waren.

Das demokratische Selbstverständnis in den USA ist gefoltert und in etwas Dunkles, Brutales verwandelt worden. Undemokratisch ist es dadurch nicht. Es ist aber auch noch lange nicht richtig, gerecht oder angemessen. Donald Trump hat sich ins Weisse Haus getrickst, indem er aussprach, was viele Leute denken. Aber bloss weil viele Leute etwas denken, wird es nicht richtig. Die Mehrheit hat gesprochen. Schweigen müssen alle anderen deswegen nicht.

Angst um Privilegien

Auch an hellen Tagen bringt die repräsentative Demokratie nicht immer Chancengleichheit und Gerechtigkeit mit sich. Sie führt nicht immer zu einer fairen und anständigen Gesellschaft. Dazu braucht es eine andere Form demokratischer Arbeit: Arbeit, die nicht an der Wahlurne beginnt und endet; Arbeit, die umgehend anfängt, sobald wir unseren Freunden und Nachbarinnen wieder in die Augen schauen können.

In ganz Amerika haben schwarze oder muslimische Kinder nun Angst, in die Schule zu gehen. Zahlen und Fakten mögen Wahlen nicht so sehr entscheiden können, wie es Gefühle tun. Doch die Umfragen zeigen, dass die Wahl von Donald Trump nicht allein auf Klasse, Geschlecht oder Parteisympathien zurückzuführen ist. Bei dieser Wahl ging es zuallererst um «race» – um ethnische Zugehörigkeit, um Hautfarbe. In erster Linie zeugt das Ergebnis von weisser Wut, die nun zu den grössten Gefahren für die weltweite Sicherheit gezählt werden muss. Dieser unbehaglichen Wahrheit müssen wir ins Auge blicken, bevor sie uns um die Ohren fliegt.

Wenn sich Liberale, Journalistinnen und Entscheidungsträger vor dieser Wahl erdreisteten, darauf hinzuweisen, dass ImmigrantInnen womöglich gar nicht Amerikas grösstes Problem darstellten, antwortete man uns: «Ihr hört nicht auf die ‹gewöhnlichen Leute›.» Tatsächlich sind damit weisse Leute gemeint. Wenn sie uns sagten, wir würden den «echten AmerikanerInnen» keine Aufmerksamkeit schenken, meinten sie damit weisse AmerikanerInnen. Und wenn sie uns vorwarfen, wir würden deren Sorgen nicht ernst nehmen, meinten sie damit, dass wir ihnen nicht zustimmen. Genau wie schon vor dem Brexit in Britannien erhielten die WählerInnen aus der «weissen Arbeiterklasse» auch vor den US-Wahlen jede Menge Aufmerksamkeit – unter anderem auch von der Mainstreampresse, die sie zu verabscheuen vorgeben.

Die Zeit der Selbstgefälligkeit ist längst vorbei. Vorbei ist auch die Zeit, in der man sich von den verletzten Gefühlen derer einschüchtern lassen durfte, die bereit sind, direkt durch den Bauch ihrer Mitmenschen auf die Eliten zu schiessen. Es wurden alle möglichen Bemühungen unternommen, Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen; Sorgen über den gefühlten Verlust von Privilegien, den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden. Auf beiden Seiten des Atlantiks überschlugen sich die Medien bei der Frage, ob sich hinter der zur Schau getragenen, hochkochenden Bigotterie möglicherweise «berechtigte Sorgen» verstecken.

Irgendwie scheinen die Sorgen der Arbeiterklasse nur dann berechtigt, wenn sie von reaktionären Gefühlen geprägt sind und nicht die Eigeninteressen der Mächtigen gefährden. Andere Anliegen von Angehörigen der Arbeiterklasse werden hingegen aus irgendeinem Grund einfach einer «liberalen Elite» angeheftet: die Anliegen von Frauen, die Selbstbestimmung über ihren Körper einfordern; die Anliegen von Minderheiten, die sich dagegen wehren, dass PolizistInnen straffrei auf sie schiessen dürfen; die Anliegen von Transmenschen, die nicht mehr in öffentlichen Toiletten verprügelt werden wollen.

Dieser Unsinn muss sofort aufhören. Wenn du wütend und aufgebracht bist, heisst dies nicht, dass du realitätsfremd bist. Wenn du findest, dass am Wahltag grosses Unheil angerichtet wurde, macht dich das nicht zu einem bourgeoisen Lockvogel. Es bedeutet nur, dass du vernünftig bist.

Am Tag nach der Wahl sind Hunderte Millionen von Menschen in den USA und rund um die Welt voller Angst aufgewacht – sie sorgen sich um sich selbst, um ihre Kinder, um die Zukunft des Planeten. Diesen Menschen wird gesagt, sie seien schlechte VerliererInnen und dass sie den Mund halten und die Niederlage akzeptieren sollen. Dass ihre Angst irgendwie zum Lachen sei. Witze auf Kosten der Verwundbarsten. Schadenfreudiges Kreischen, wenn der Rüpel einen Treffer landet. Dies ist nun die Welt, die Millionen angeblich anständiger Menschen gewählt haben. Erzähl mir nicht, sie hätten nicht gewusst, wofür sie sich entschieden.

Der Status quo ist keine Alternative

Der frisch gewählte Präsident liess uns von der ersten Sekunde an wissen, wer er ist. Sollte in diesem lackierten, lügenden Bündel aus Persönlichkeitsstörungen namens Donald Trump etwas Positives zu finden sein, dann ist es das: Er versuchte nicht mal ansatzweise, seinen Narzissmus zu verstecken, seine Bewunderung für Diktatoren oder seine Vision der gesamten verfluchten Welt als nächsten Ankauf für sein zwielichtiges Portfolio. Er war offen rassistisch, sexistisch und fremdenfeindlich – und das mit wachsender Intensität, weil es sich beim griesgrämigen, verängstigten Teil seiner Basis auszahlte. Bei jenen Leuten, die einfach sichergehen wollen, dass es anderen noch schlechter geht. Er versprach, seine politischen und persönlichen GegenspielerInnen einzusperren, die Pressefreiheit zu zerstören, MuslimInnen zu deportieren und seinen GeldgeberInnen bei der Zerstörung der Umwelt freien Lauf zu lassen. Das ist der Mann, den die USA gewählt hat. So sieht Demokratie heutzutage aus. Wenn du angewidert bist, heisst das nicht, dass du Freiheit verachtest.

Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen. Es ist nicht antidemokratisch, weiterhin an eine Gesellschaft zu glauben, die Platz für alle hat. Es ist weder albern noch vergebens, für Würde, Gerechtigkeit und Toleranz gegenüber Frauen, Queers und Menschen dunkler Hautfarbe zu kämpfen. Wer hat überhaupt entschieden, dass es das ist? Wer hat entschieden, dass nur jene, die ihren Mitmenschen lieber mit Angst als mit Vertrauen begegnen, die echten, rechtmässigen BürgerInnen sein sollen, deren Stimmen etwas zählen? Dies ist keine rhetorische Frage. Ich will es wissen. Nennt mir Namen.

Diese Wahl wurde zur populistischen Revolte gegen eine nebulöse und verruchte Elite erklärt, die auf irgendeine Weise auch jene Teile der Gesellschaft beinhalten soll, die für die längste Zeit in der amerikanischen Geschichte am wenigsten hatten. Der Unmut gegenüber der politischen Klasse ist echt, innerhalb der Demokratischen Partei wurde er sträflich unterschätzt. Diese entschied, dass die einzige Alternative zu nacktem, schreiendem Faschismus der Status quo sei. Trotz ihres Geschlechts war Hillary Clinton die Status-quo-Kandidatin; die erbberechtigte, dynastische Kandidatin. Auch sie ist das, wonach sie aussieht – eine Frau in der Politik. Dieser Umstand hat genauso viele Menschen erzürnt wie inspiriert. Es ist schon in guten Zeiten schwer genug, eine aufregende Geschichte über diesen Status quo zu erzählen. Heute leben wir nicht in guten Zeiten. Es sind bange, fiebrige Zeiten, in denen Millionen Menschen die eigene Zukunft als gigantischen, dunklen Rachen wahrnehmen, der sie verschlingt. Der Status quo ist die Selbsterhaltung unentschlossener neoliberaler TechnokratInnen, die nicht in der Lage sind, eine Alternative zum Kamikaze-Kapitalismus und dessen Folgen zu bieten.

Es war schwierig, Hillary Clinton vorbehaltlos zu unterstützen – genau wie es für gewissenhafte britische Progressive schwierig war, vor dem Brexit die Werbetrommel für die EU zu rühren. Aber es sind nicht die eigentlichen Eliten – Menschen mit echtem Geld und echter Macht –, denen heute speiübel ist. Zufällig halte ich mich gerade mit einigen Hundert von ihnen in einem Konferenzraum auf, an einer Tagung mit Lobbyisten, Geschäftsfrauen und Risikokapitalanlegern. Wenn ich mich umblicke, sehe ich sie beim Stehapéro noch immer Deals abschliessen. Sollte Trump sie tatsächlich besiegt haben, so haben sie das bis jetzt zumindest nicht kapiert. Die Eliten werden ganz gut klarkommen.

Schrill wie ein Bombenalarm

Die USA haben ihre Klassenspannungen schon immer in kulturelle Gewalt übersetzt. Mehr als alles andere ist dies der Grund, weshalb Rassismus und Xenophobie derselben «korrupten Elite» in die Hände spielen, der Trumps WählerInnen nun glauben die Leviten gelesen zu haben. Donald Trump ist noch immer ein Fernsehstar, und er wusste genau, wie er die funkelnde Gameshow amerikanischer Realpolitik zu seinem Vorteil manipulieren konnte. Jetzt kommt der Moment, an dem wir herausfinden, was wir gewonnen haben. Ein Tipp: Geld ist es nicht.

Es ist nicht länger angebracht, von unterschwelligem, subtilem Rassismus zu sprechen, der den politischen Diskurs prägt. Der Rassismus ist mittlerweile für alle hörbar, und er klingt schrill wie ein Bombenalarm. Bloss gibt es nicht genügend Schutzbunker für uns alle. Viele Trump-WählerInnen haben mich ausgerechnet am Tag nach der Wahl wissen lassen, dass sie nicht als RassistInnen bezeichnet werden möchten. Obwohl sie einem Mann ihre Stimme gegeben haben, der eine Welle rassistischen Hass aufgepeitscht und bis vors Weisse Haus getrieben hat. Diese WählerInnen haben sich nicht taktvoll verhalten, und genauso wenig werde ich es tun: Ich habe keinen Bock mehr, auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

Ich habe auch keine Lust mehr, meinen liberalen FreundInnen dabei zuzuhören, wie sie sich verrenken, um den Ansichten dieser «weissen Arbeiterklasse» Beachtung zu schenken. Was soll das überhaupt heissen? Wie kamen wir zum feigen Konsens, dass die «weisse Arbeiterklasse» eine homogene Masse tobender FanatikerInnen sei, denen man nachgeben muss wie einem Kleinkind, das am Rand eines Abgrunds einen Trotzanfall hat? Viele Weisse, die alles andere als reich sind, wehren sich gegen genau diesen herablassenden Hang zur Selbstgeisselung innerhalb der Linken. Jede Menge nicht reiche Weisse schaffen es nämlich, für ihre Probleme nicht den Feministinnen, Migranten oder dunkelhäutigen Nachbarinnen die Schuld zu geben. Auch diese Leute sind echte AmerikanerInnen.

Mit diesem Unsinn muss Schluss sein. Ich habe es satt. Ich werde nicht mehr weiter so tun, als würden die «guten Absichten» des weissen Patriarchats wichtiger sein als die Konsequenzen, die sie für andere haben. «Gute Absichten» sind hier nicht der Punkt. Sei so rassistisch, wie du willst. Es steht dir frei, aus deinem Herzen eine Mördergrube zu machen, vielleicht kannst du damit ja leben. Aber – und das ist sehr wichtig – verwandle es nicht in einen Schützengraben.

Eine Revolte, aber kein Sieg

Ich sehe, dass sehr viele Leute gekränkt sind, wenn Frauen, MigrantInnen und Menschen dunklerer Hautfarbe die ihnen zugeschriebene Rolle nicht mehr länger ausfüllen wollen. Mir ist bewusst, dass viele ansonsten anständige Menschen glauben, dass mehr Rechte für Dunkelhäutige und Frauen weniger Rechte für «gewöhnliche Leute» bedeuten, womit sie Weisse meinen. Aber nur weil du wütend bist, heisst das nicht, dass du recht hast. Es ist okay, sich zu ärgern, wenn im Bus kein Sitz mehr frei ist. Aber es ist nicht okay, auszuflippen, die Sitzreihen zu demolieren, die Fenster einzuschlagen, das Steuerrad an dich zu reissen und den ganzen verdammten Bus von einer Brücke zu stürzen – mit dir selbst an Bord und allen Menschen, die du kennst. Denn lass es uns ganz deutlich sagen: Dies war eine Revolte des weissen Amerika und seiner Verbündeten, aber für die meisten von ihnen wird es kein Sieg sein.

In seiner arroganten Dankesrede versprach Trump all seinen WählerInnen, dass sie nun die Chance erhielten, ihre Träume zu verwirklichen. Diese Versprechen wird er nicht einlösen können. Aber der Moment, in dem dies klar wird, wird Trump und seine Anhängerschaft nicht demütig machen. Es wird der Moment sein, in dem sie anfangen, sich nach Sündenböcken umzuschauen.

Es ist der Moment gekommen, ernst zu machen. Wir sind viele, und wir sind auch «das Volk». Wir müssen zusammenkommen und zusammenarbeiten, derweil die Rüpel die Lizenz erhalten haben, sich auszuleben. Dieser Umstand darf nicht unbeantwortet bleiben. Ich verstehe, wenn du jetzt ein paar deiner Freundinnen und Freunde anschreien möchtest. Aber morgen solltest du wieder auf sie zugehen. Denn der Kampf gegen die Verzweiflung geht weiter, und Allianzen sind wichtig, genauso wie ein Mass an Selbstschutz. Es tut mir leid, dass die Zeit für witzige Sticheleien gegen den frisch gewählten Präsidenten vorbei ist, für Witze über seine Hände, seine Haare und den schreienden ideologischen Abgrund aus opportunistischem Narzissmus, der sich hinter dieser grössenwahnsinnigen Clownmaske auftut. Solche Spässe mögen heute unangebracht sein – allzu bald sind sie womöglich illegal. Einige von uns haben hart gearbeitet, um diesem Schiff zur Umkehr zu verhelfen. Nun müssen wir noch härter arbeiten, um es vom Sinken abzuhalten.

Laurie Penny (30) ist feministische Aktivistin («Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution», 2015), Journalistin beim «New Statesman» und Schriftstellerin («Babys machen und andere Storys», 2016).

Aus dem Englischen von Raphael Albisser.

© «New Statesman», 2016

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