Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

Überleben im roten Dschungel

Warum eine Farc-Kämpferin das Ende des Bürgerkriegs ersehnt – und sich gleichzeitig davor fürchtet. Ein Besuch bei Indígenas und bei einem ehemaligen Guerillero und einer noch aktiven Guerillera.

Von Toni Keppeler (Text) und Antonia Zennaro (Fotos), Puerto Asís

Die Charmeoffensive währte nur wenige Wochen. Ihr Höhepunkt war die als Fest inszenierte zehnte nationale Konferenz der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) Mitte September in Sabanas del Yarí im Departement Meta. Zum ersten Mal war die Presse eingeladen, und 700 nationale und internationale JournalistInnen stürzten sich auf die 200 anwesenden KämpferInnen. Dann kam am 2. Oktober die Volksabstimmung über den eben unterzeichneten Friedensvertrag zwischen der Guerilla und der rechten Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos, mit dem 52 Jahre Krieg beendet werden sollten. Die GegnerInnen des Abkommens siegten hauchdünn, und die Farc zogen sich wieder zurück in die Kriegscamps im Dschungel. Auch jetzt, da sich die Verhandlungsdelegationen in Havanna auf ein modifiziertes Vertragswerk geeinigt haben, ist die Zukunft des Friedensprozesses weiterhin unsicher (vgl. «Neuer Anlauf für Friedensvertrag» im Anschluss an diesen Text).

Seither ist die Kontaktaufnahme wieder schwierig. Man bekommt über Mittelsmänner die Nummer eines Mobiltelefons zugespielt, und schon beim zweiten Anruf ist der Anschluss tot. Die Farc vernichten nach jedem Kontakt den Telefonchip, um nicht geortet werden zu können. So wartet man auf die nächste Nummer – und das kann Tage dauern.

Dann hört man nur Vages. Dass es unsicher sei. Dass ein Treffen, wenn überhaupt, irgendwo in der Nähe von Puerto Asís im Departement Putumayo im Grenzgebiet zu Ecuador stattfinden könne. Die Gegend gilt als «rote Zone», als umkämpftes Gebiet.

Puerto Asís ist ein schmutziges, lautes Städtchen mit etwas über 30 000 EinwohnerInnen zwischen den Flüssen Putumayo und Caquetá. Meist zweistöckige, heruntergekommene Häuser, eines ans andere gebaut; im Erdgeschoss garagenähnliche Läden für Landwirtschaftsbedarf, Klamotten oder Lebensmittel. Die Strassen sind überfüllt mit Mopeds, dazwischen einzelne Pferdefuhrwerke und ein paar Geländewagen. Es ist drückend schwül. Etwas weiter im Süden beginnt der Dschungel.

Der Wald wird von den Farc kontrolliert, die Stadt gilt hingegen als Hochburg der ultrarechten Paramilitärs. Obwohl deren Verbände seit einem Jahrzehnt offiziell aufgelöst sind, treten sie seit dem Nein zum Friedensvertrag wieder ganz selbstverständlich bewaffnet auf. Ende Oktober wurden in Puerto Asís drei Männer erschossen, und jeder, den man fragt, deutet auf die Paramilitärs. Sie hielten ihre Opfer wohl für Informanten der Guerilla. Was die Paramilitärs wollen, ist kein Geheimnis: die im Dschungel versteckten Kokapflanzungen, die noch unter der Kontrolle der Farc sind.


Luz María Ceromeca ist Kokabäuerin, und es ist nicht einfach, sie zu finden. Sie lebt mitten im Fluss, auf einer der vielen Inseln des Río Caquetá. Ihr Haus ist versteckt hinter hohem Gestrüpp. Luz María ist 64 Jahre alt, klein und rund. Sie gehört zum Volk der Inga, einer der vierzehn indigenen Ethnien von Putumayo. Sie trägt ihre Tracht: ein schwarzes schlichtes Kleid, einen breiten, bunt gewobenen Gürtel und viele bunte Halsketten. Das Wetter und die Sorgen haben tiefe Falten in ihr Gesicht gegraben, das grauschwarze Haar trägt sie zu einem Knoten gebunden. Auf der Insel leben nur sie und ihr siebzigjähriger Mann. Ihr Haus ist aus groben Brettern gebaut und hat ein Dach aus Wellblech. Es ist gross und geräumig und steht auf hohen Pfählen, weil es immer wieder Überschwemmungen gibt. Einst lebte sie hier mit ihren acht Kindern. Heute gibt es ausser den beiden Alten nur noch einen Hund, zwei Schweine, ein paar Hühner und einige Enten. Rund um das Haus stehen die Pflanzungen.

Luz María baut Kochbananen an, Maniok und Kakao. Und sie besitzt eine Hektare Koka. Sie nennt die Pflanze nicht bei ihrem Namen. Sie spricht nur vom «Verbotenen». Die letzte Ernte war vor einem Monat, die noch jungen Blätter leuchten hellgrün in der Sonne. In zwei Monaten können sie abgerissen und zu Kokain verarbeitet werden.

Luz María erklärt, warum sie das tut: «Wenn die Bananen reif sind, muss ich ein Boot mieten, um sie zum nächsten Markt zu bringen. Dort gibt es dann jede Menge Bananen. Die Preise sind schlecht, und oft bekomme ich nicht einmal das, was ich in den Transport investiert habe.» Die Kokablätter aber werden bei ihr zu Hause abgeholt. Für eine durchschnittliche Ernte bekommt sie 3,3 Millionen kolumbianische Pesos. 2,3 Millionen muss sie investieren: in Dünger, Pflanzenschutzmittel und Erntearbeiter. So bleibt ihr eine Million Pesos Gewinn. Viermal im Jahr wird geerntet. Macht zusammen pro Jahr umgerechnet 1280 Franken.

«Erst in der vergangenen Woche waren Soldaten drüben auf dem Festland und haben illegale Pflanzungen vernichtet», erzählt sie. Auf die Insel kamen sie nicht. Einmal, vor fünfzehn Jahren, hat Luz María Ceromeca ihre Kokasträucher sogar selbst ausgerissen. Damals gab es ein Programm der Regierung, das KokabäuerInnen im Gegenzug für zerstörte Plantagen Arbeit versprach. «Ich bin zwei Jahre angestellt worden als Wildhüterin. Dann gab es kein Geld mehr. Was blieb mir da anderes übrig, als wieder das Verbotene zu pflanzen?»

52 ihrer 64 Jahre hat Luz María im Krieg verbracht. Die ersten Jahrzehnte waren verhältnismässig ruhig. Die Gegend war fest in der Hand der Farc. Ab und zu kam die Guerilla vorbei und verlangte nach Essen. «Da habe ich sie eben bedient, und sie haben immer bezahlt.» Zwei ihrer Jungen nahmen sie mit, der eine dreizehn, der andere sechzehn Jahre alt. Ganz freiwillig war das nicht, aber auch nicht ganz gegen den Willen der Jungen. Die Männer, die da mit Waffen durch den Dschungel zogen, hatten sie fasziniert. Luz María konnte sie nicht zurückhalten. «Im Krieg bestimmt derjenige, der Waffen hat», sagt sie. «Was bleibt einer Mutter da anderes, als zu weinen?» Das ist bald zwanzig Jahre her, und sie weint noch immer, wenn sie davon erzählt. Sie hat nie wieder etwas gehört von den beiden.

Zwei andere ihrer Söhne wurden von Paramilitärs erschossen. Der eine arbeitete in der Nachbarprovinz auf einem Landgut. Es wurde von einer dieser Banden überfallen. Der andere starb, als er Verwandte besuchen wollte. Er wurde von einer Patrouille der Ultrarechten ohne Papiere aufgegriffen. Die Paramilitärs hielten jeden, der ohne Papiere unterwegs war, für einen potenziellen Guerillero. «An jenem Tag wurden in diesem Dorf siebzehn junge Männer erschossen», sagt Luz María. Als die Paramilitärs vor zehn Jahren offiziell aufgelöst wurden und die Regierung ein Programm für die Entschädigung der Angehörigen ihrer Opfer auflegte, reichte sie einen entsprechenden Antrag ein. Der liegt nun seit bald einem Jahrzehnt im zuständigen Amt. «Ich fahre immer wieder hin und frage nach», erzählt die Mutter. Geld hat sie noch nicht gesehen.

In die Inga-Gemeinde Las Palmeras, zu der die Insel von Luz María gehört, kam der Krieg erst vor fünf Jahren. Die staatliche Ölfirma Ecopetrol hatte dort ein grosses Erdöllager entdeckt und die Lizenz zur Ausbeutung an den kanadischen Konzern Gran Tierra Energy verkauft. Nach internationalem Recht wäre eigentlich vorher eine Befragung der dort lebenden Indígenas nötig gewesen. Doch das Innenministerium stellte Ecopetrol eine Bescheinigung aus, laut der in dieser Gegend keine Indígenas leben. Eine Bohrstelle ist heute unmittelbar neben dem Hauptweiler der Gemeinde, einem runden Dutzend Häuser aus Holz mit rostenden Wellblechdächern. Das Gelände des Ölkonzerns gleich dahinter ist eingezäunt. Vom Dorf aus sieht man nur Baracken und eine mehrere Meter hohe Flamme über dem Dschungel. Mit ihr wird das bei der Förderung entweichende Gas abgefackelt. Über zwanzig solcher Ölquellen gibt es rund um das Dorf.

Mit der Ölfirma kam der Krieg. Die Armee schützte die Förderanlagen, die Guerilla griff sie an. Nach Angriffen kamen Soldaten ins Dorf und verhafteten Männer, die sie für Unterstützer der Aufständischen hielten. Ein halbes Dutzend wurde getötet, zwei sitzen noch immer im Gefängnis. Wenn der jetzt nachverhandelte Friedensvertrag einmal in Kraft treten sollte, kämen sie frei. Und vielleicht, sagt Luz María, «kommen auch meine beiden Söhne zurück».


Julio César Santamaría glaubt das nicht. «Sehr wahrscheinlich sind sie tot», sagt er. Sie hätten sonst ihrer Mutter irgendwann eine Nachricht zukommen lassen. Julio César weiss, wovon er spricht. Er war lange bei den Farc. Und er gehört zum Volk der Inga. Schon mit dreizehn Jahren hat er sich der Guerilla angeschlossen. «Wir hatten oft Hunger zu Hause», sagt er. «Bei der Guerilla gab es immer etwas zu essen.» Viele aus armen Indígena-Familien seien zu den Farc gegangen, weil es dort drei Mahlzeiten am Tag gegeben habe. Rund siebzig Prozent der Aufständischen in Putumayo gehören einer indigenen Ethnie an. «Abenteuerlust spielte natürlich auch eine Rolle», sagt Julio César. «Und ein bisschen unser Machismo: Ich hab gesehen, dass Frauen bei der Guerilla waren, und ich wollte ein Mann sein. Da musste ich kämpfen.»

Er stieg schnell auf und lernte sie alle kennen. Manuel Marulanda, der 2008 verstorbene legendäre Gründervater der Organisation, empfing ihn im Guerillacamp. Er kann ihn lebensecht imitieren: die hochgezogenen Schultern, den leicht buckligen Gang, die grossväterliche Art, zu sprechen. Lange war Julio César für die Sicherheit von Raúl Reyes verantwortlich, dem damals zweiten Mann der Farc. Zuletzt führte er eine eigene Einheit. Er war überzeugt von dem, was er tat. «Wir haben für die armen Leute gekämpft, für mehr Gerechtigkeit, für eine bessere Welt. Selbst wenn wir töteten, glaubten wir, das sei für eine gerechte Sache.» Trotzdem desertierte er vor zehn Jahren. «Ich hatte einen unverzeihlichen Fehler begangen», sagt er.

Es geschah bei einem Gespräch im Haus von ZivilistInnen. Julio César, damals bekannt unter dem Pseudonym Omar, fühlte sich sicher und hatte sein Sturmgewehr, ein israelisches Galil, achtlos neben sich auf den Boden gelegt. Kinder spielten im Zimmer. Plötzlich ging ein Schuss los, ein Junge wurde am Bein getroffen. «So eine Unachtsamkeit darf nicht passieren.» Pflichtbewusst meldete er den Vorfall bei seinen Vorgesetzten. Ein paar Tage später kam die Antwort: In zwei Wochen müsse er sich vor dem Sekretariat verantworten, dem höchsten Führungsgremium der Farc. «Ich wusste: Das kann mit meiner Erschiessung enden.»

Er kämpfte lange mit sich, ob er gehen solle oder bleiben. «Ich hatte nichts anderes gelernt, als Krieg zu führen. Was sollte ich tun, wenn ich fliehe?» Er tat es trotzdem, eines Nachts, als seine Truppe zur Erkundung der Umgebung im Dschungel und er allein im Lager war. Sein Gewehr liess er zurück.

Heute ist Julio César vierzig Jahre alt, und man spürt noch immer sein schlechtes Gewissen, wenn er davon erzählt. Er fühlt sich als Deserteur. Er lebt in Villagarzón, einem Städtchen eine gute Stunde nördlich von Puerto Asís, und betreibt dort eine kleine Werkstatt. Zusammen mit seinem Schwager kauft er Altreifen auf und fabriziert daraus Bremsbeläge für Motorräder. Vorne an der Strasse hielten bis vor wenigen Jahren Paramilitärs den Verkehr an und zerrten Leute, die sie für verdächtig hielten, aus den Autos. «Man hörte sie schreien und flehen und dann die Schüsse. Niemand hat sich aus dem Haus getraut.» Die rechten Schergen nannten das «Säuberungen».

Wüssten die Paramilitärs heute von Julio Césars Geschichte, es erginge ihm genauso, da ist er sich sicher. Er hat nur engen FreundInnen und Verwandten von seiner Biografie erzählt und setzt darauf, dass ihn niemand erkennt. «Ich bin dick geworden als Zivilist», sagt er und lacht über das runde Gesicht. «Mir fehlen der Drill der Guerilla, die nächtelangen Gewaltmärsche.» Niemand, der ihn nicht persönlich kenne, könne in ihm den einst durchtrainierten Omar erkennen.

Mehr als vor den Paramilitärs fürchtet er sich deshalb vor seinen ehemaligen GenossInnen. «Verräter werden erschossen», sagt er trocken. «Ich bin in ihren Augen ein Verräter.» Er wird nachdenklich, streicht sich übers dünner werdende, schwarze Igelhaar. «Tatsächlich konnte die Armee viele hohe Farc-Comandantes töten, nachdem diese von Überläufern verraten worden waren.» Er aber habe nie geplaudert.

Er fühlt sich noch immer als Teil der Farc, «ich habe dieselben Ideale». Er spricht nicht von denen und sich selbst. Er und die Guerilla, das sind noch immer «wir»: «Wir kämpfen dafür, dass es allen Kolumbianern gut geht, vor allem den ärmsten. Wir kämpfen für Gesundheitsposten, für Schulen und Wohnungen für alle. Wir kämpfen für eine minimale Infrastruktur auch hier auf dem Land. Wir kämpfen darum, dass alle Menschen irgendwann gleich sind.» Erst dann kommt das Trennende: «Dafür kämpfe ich noch immer. Nur mit anderen Mitteln.»

Julio César ist heute einer der Sprecher eines runden Tischs aus Vertretern der vierzehn indigenen Ethnien des Putumayo, die ehemaligen GuerillakämpferInnen die Integration in ihre Gemeinden erleichtern wollen. Die meisten an diesem Tisch waren selbst bei den Farc. «Wir wissen, wie das ist, wenn man nach Jahren im Krieg plötzlich Zivilist ist», sagt er. «Man fühlt sich nutzlos, verloren.» Und viele indianische Gemeinden würden sich gar nicht darüber freuen, dass KämpferInnen, wenn denn der neue Friedensvertrag in Kraft tritt, in ihre Heimatdörfer zurückkehren könnten. «Es gibt Älteste, die sich wünschen, sie wären alle tot», weiss Julio César. Andere würden sie zwar als Brüder und Schwestern akzeptieren, wollten sie aber unter strenge Aufsicht stellen. «Ich kann das verstehen», sagt er. «Niemand hat mehr unter dem Krieg gelitten als die Indígena-Gemeinden. Sie standen immer zwischen den Fronten.»

Er redet, wann immer er kann, mit Dorfältesten. Er will Angehörige von Guerilleros und Guerilleras zusammenbringen, um sie auf die Rückkehr ihrer Söhne und Töchter vorzubereiten. Nur mit seinen GenossInnen von den Farc hat er bisher nicht gesprochen. Da sitzt ihm die Angst noch immer im Nacken. Erst muss der neue Friedensvertrag in Kraft treten.


Es soll schliesslich doch noch zu einem Treffen mit einer Guerillera kommen. Aber nicht in Kolumbien, das sei derzeit nicht sicher.

Von Puerto Asís führt eine Schotterpiste zum Río Putumayo, der hier die Grenze zu Ecuador bildet. Es geht über Viehweiden, vorbei an einsamen Höfen und kleinen Weilern, durch Pflanzungen mit Bananen, Maniok und Ananas. Dann beginnt der Dschungel. Entlang der Piste verlaufen rostende Pipelines. Früher wurden sie oft von der Guerilla gesprengt. Die Ölquellen sind abseits der Piste im Wald versteckt, eingezäunt und von Sicherheitsdiensten geschützt.

Nach fast zwei Stunden erreicht man La Rosa, den letzten verlorenen Ort in Kolumbien, direkt am Ufer des Río Putumayo. Ein knappes Dutzend einst bunte Holzhäuser. Die Farbe der Wände blättert ab, die Wellblechdächer rosten. Fremde werden mit skeptischen Blicken verfolgt. Niemand spricht. Hier gilt es, einen Bootsfahrer zu finden, der weiss, wie man auf die andere Seite des Flusses kommt, ohne von den Militärposten bemerkt zu werden.

Es geht eine halbe Stunde flussabwärts, zu einer Siedlung in Ecuador, ähnlich verloren wie La Rosa. Ihr Name soll nicht genannt werden. Dort müsse man nach Doña Flor fragen. Die fünfzig Jahre alte Frau wohnt in einem geräumigen, zweigeschossigen Haus aus Holz. Sie ist Kolumbianerin, floh vor dem Krieg über den Fluss. Sie kümmert sich um die zweijährige Tochter einer Kämpferin der Farc.

Sie ist mit dem Kind allein zu Hause. Ihr Mann sitzt im Gefängnis in Kolumbien. Er wurde von ecuadorianischen Militärs verhaftet und als Farc-Milizionär der kolumbianischen Armee übergeben. Für jeden Farc-Kämpfer kassieren sie Kopfgeld. «Für meinen Mann haben sie nicht viel bekommen, der hat ja nichts getan», sagt Doña Flor. «Für einen Comandante aber kriegen sie bis zu 50 Millionen Pesos», gut 16 000 Franken. Auch Ecuador ist kein sicheres Gebiet für die Farc.

Die gesuchte Frau sei nicht im Haus, sagt Doña Flor. Aber es könne sein, dass sie komme. Irgendwann huscht ein Schatten über den Hinterhof. Dann dauert es noch einmal gut zwei Stunden, bis sie bereit ist zum Gespräch. Im Hinterhof, wo sie niemand sieht.

Sie ist gross, kräftig, sehr dunkel, die krausen schwarzen Haare sind hochgebunden. Sie trägt zivile Kleider: Jeans, ein ärmelloses T-Shirt. Sie heisse Yneth, sagt sie. So nenne man sie bei der Guerilla. Man darf sie fotografieren, aber erkennen soll man sie nicht. Seit sie 14 Jahre alt ist, ist sie bei den Farc. Heute ist sie 38. Sie habe im Dschungel Krankenschwester gelernt und Funkerin. Sie sei in ihrer Einheit verantwortlich für die Kommunikation mit anderen Einheiten und mit dem Sekretariat. Sie kennt die militärischen Verantwortlichen der Farc, sie hat mit allen gesprochen – immer verschlüsselt und jeden Tag mit einem anderen Code.

Seit die Farc Mitte 2015 einen unbefristeten Waffenstillstand ausgerufen haben, war sie immer zwei Wochen bei ihrer Tochter, dann wieder zwei Wochen im Guerillacamp. Sie hat sich langsam ans zivile Leben herangetastet. Seit der Friedensvertrag bei der Volksabstimmung abgelehnt wurde, muss sie wieder ständig im Lager sein, irgendwo im Dschungel zwischen den Departements Putumayo und Caquetá. Aber eigentlich will sie dort nicht mehr hin. «Ich bin müde», sagt sie. «Ich bin es leid. Ich will nicht mehr zurück in den Krieg.» Der neu ausgehandelte modifizierte Friedensvertrag gibt ihr Hoffnung.

Noch immer kann sie nicht verstehen, warum sich eine knappe Mehrheit für eine Fortsetzung des Kriegs ausgesprochen hat. «Frieden ist doch gut für alle», sagt sie, und gleichzeitig hat sie Angst davor. «Es wird nicht leicht sein, mit dem zivilen Leben zurechtzukommen. Wir müssen etwas lernen, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen können.» Sie selbst macht sich keine grossen Sorgen, sie kann Kranke und Verletzte versorgen. Aber die anderen – wenn es für die keine Arbeit gebe, bestehe die Gefahr, dass sie sich frustriert bewaffneten Banden anschlössen oder selbst welche gründeten. «Mit Waffen können sie ja umgehen.»

Eine andere Gefahr sei noch viel grösser: «Wenn wir eines Tages ohne Waffen sind, werden die Paramilitärs das ausnutzen wollen.» Schon einmal, in den achtziger Jahren, hatte ein Teil der Farc die Waffen niedergelegt und sich als Unión Patriótica Wahlen gestellt. Alle Mitglieder der Linkspartei – zusammen über 3000 Männer und Frauen – wurden innerhalb weniger Jahre von Paramilitärs ermordet. «Wir müssen weiterhin vorsichtig sein und an unsere Sicherheit denken.»

Trotzdem hofft sie, dass der Friedensvertrag noch in diesem Jahr in Kraft tritt. Sie fühlt sich als Siegerin. «Wir sind stolz auf das, was wir für das Volk getan haben», sagt sie. «Wir werden für dieselben Ziele weiterkämpfen, nur mit anderen Mitteln.» Sie ist sogar davon überzeugt, dass es irgendwann in Kolumbien eine gewählte Regierung der Farc geben wird. «Vielleicht nicht sofort und vielleicht nicht alleine, sondern in einer Allianz mit anderen linken Kräften.»

Was würde sie dann ändern? «Es soll Arbeit geben für alle, Bildung und Gesundheitsversorgung. Es soll keine Armut mehr geben.» Bescheidene Ziele für eine Organisation, die sich marxistisch-leninistisch nennt und die ein halbes Jahrhundert lang den Sozialismus mit der Waffe erzwingen wollte. Wenn aber allein schon diese Ziele erreicht würden, sagt Yneth, «dann wäre Kolumbien ein anderes Land».

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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