Nr. 47/2016 vom 24.11.2016

Alle Macht den Drogen?

Versuchspersonen verlieren den Faden, Spinnen weben auf LSD: Die Zürcher Historikerin Magaly Tornay zeigt, wie psychoaktive Substanzen die Wissenschaft in Verwirrung stürzten.

Von Raul Zelik

Eigentlich ist «Zugriffe auf das Ich» eine wissenschaftsgeschichtliche Studie: nämlich eine Untersuchung darüber, wie sich der psychiatrische Blick auf das Individuum und die Bewertung seelischer Störungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderten. Doch das Buch beginnt mit einem Witz, der auch am Anfang eines Spielfilms stehen könnte. Im September 1957 plant die ETH Zürich einen internationalen Psychiatriekongress. Man will über Schizophrenie sprechen, einige ReferentInnen sind bereits eingeladen. Doch dann muss die Hochschule die Organisation der Tagung nochmals überdenken: «Die psychoaktiven Stoffe waren aufgetaucht.»

Natürlich waren die Stoffe schon viel länger da und ist die Geschichte der medizinischen (Selbst-)Versuche mit LSD oder Meskalin sehr viel älter. Aber die Zürcher Historikerin Magaly Tornay will auf etwas anderes hinaus. Sie interessiert sich dafür, wie das Auftauchen der Psychopharmaka die Personenkonzepte, Krankheitsbilder und den Umgang mit PatientInnen radikal veränderte. Anders ausgedrückt: Sie stellt die Frage, wie sich die Machtbeziehung zwischen Klinik, ÄrztInnen, Pharmaexpertise und Wissenschaft auf der einen Seite und den PatientInnen auf der anderen verschob.

Das liest sich – sehr flott – als eine Sozialgeschichte medizinischen Wissens, bei der die witzigen und bizarren Randbemerkungen nicht fehlen. So schildert Tornay, dass es gar nicht so einfach war, medizinische Versuchsreihen mit psychoaktiven Stoffen zu konzipieren. Denn: Die im LSD-Versuch ausgelösten Bilder und Stimmungen liessen sich nicht in Worte fassen, die Versuchspersonen verloren ständig den Faden.

Überhaupt kratzten die Drogenexperimente an den Grundfesten der Seelenheilkunde. Brachten die psychoaktiven Stoffe den eigentlichen Kern des Ich zutage, oder entstellten sie ihn? Und wie viel des Ich ist eigentlich Psyche und wie viel nur chemischer Prozess?

Wie gross die Verwirrung der Wissenschaften war, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Versuchsreihen mit psychoaktiven Stoffen auf andere Lebewesen ausgeweitet wurden. Wer öfter kifft, hat von den Experimenten wahrscheinlich schon einmal erzählt bekommen, aber Tornay liefert die dazugehörigen Quellen und Fotodokumente. Bei einer Testreihe 1956 hatte man Spinnen mit Drogen gefüttert, um hinterher ihre Netze zu inspizieren. «Meskalinnetze liessen sich sehr deutlich von Koffein- oder Largactil-Netzen unterscheiden», fasst Tornay zusammen. «Koffein führte zum chaotischsten Netz, Marihuana zum schönsten, und das regelmässigste entstand unter LSD.»

Bewiesen war damit zwar noch nicht viel, aber doch immerhin, dass unser Ich offenbar auch aus simpler Chemie besteht, die man von da an mit Psychopharmaka zu beeinflussen suchte. Was gut war für die Industrie, entpuppte sich schnell als Machtverlust der NervenärztInnen, deren Fachwissen zugunsten der in statistischen Testreihen erprobten Wirkstoffe an Bedeutung verlor. Natürlich änderte sich dadurch auch der Blick auf die PatientInnen, denen man mit den richtigen Molekülen wieder zu klarem Verstand und einem geregelten Leben zu verhelfen hoffte.

Kein Wunder, dass es in Anbetracht der Diskursverschiebung zu einem regelrechten Glaubenskrieg der Psychiatrieschulen kam. Während die einen weiter bei der Aufarbeitung persönlicher Erfahrungen und Traumata ansetzten, plädierten andere für die chemische Korrektur. Verantwortlich für die wachsende Verunsicherung war «die nicht schliessbare Lücke zwischen Soma und Psyche, der missing link zwischen psychischen Vorgängen und körperlichen Prozessen».

Tornay diskutiert in diesem Zusammenhang nicht, was es dabei an Anmassungen gegenüber den PatientInnen gab. Sie zeichnet die Entwicklung von Diskurs und Wissen einfach nach. Auch hier hat das Buch etwas Amüsantes: etwa wenn sie schildert, wie Psychopharmaka mit komplizierten Arzneimittelbezeichnungen auf ihre Farbe reduziert («Geigy rot oder weiss») oder wie chaotisch PatientInnen mit Medikamenten versorgt wurden, deren Wirkungsmechanismus noch gar nicht begriffen war. Dass das für die Betroffenen tragisch war (und ist), liegt auf der Hand. Vor allem aber wird deutlich, wie fahrig und unbestimmt die wissenschaftliche Erzählung vom Ich, seiner Normalität und seiner Erkrankung eigentlich ist und wie stark sie sich im Lauf der Zeit verändert.

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