Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Vom Leben im Prekariat

Von Eva Pfister

Hannah möchte Journalistin werden. Sie ist dreissig, hat Geschichte studiert und schon viele Texte geschrieben – nur einen Job, von dem sie leben kann, findet sie nicht. Ihr Freund würde die Miete für sie mit bezahlen, wenn sie bei ihm in der österreichischen Provinzstadt bleibt. Hannah aber will selbstständig werden und bricht auf nach Berlin, wo ihr ein zweimonatiges Volontariat winkt.

Bei der Lektüre des Debütromans der Autorin Friederike Gösweiner kann man zuweilen besserwisserische Reaktionen kaum unterdrücken. Ausgerechnet Printjournalistin will Hannah werden? Fast aussichtslos! Und dann noch nach Berlin, wo die Konkurrenz am dichtesten ist? Was für eine Traumtänzerin!

So lauten auch manche Kommentare in österreichischen Zeitungen, wo die Rezensionen lebhafte Diskussionen auslösten. Das zeigt, dass Gösweiners Roman «Traurige Freiheit», mit dem sie nun den österreichischen Debütbuchpreis gewann, einen schmerzhaften Punkt der Generation Praktikum trifft. Denn Hannah hätte durchaus die Qualifikation für den Beruf einer Journalistin. Sie kann schreiben, recherchieren, ist neugierig und teamfähig. Aber als sie nach dem Volontariat immer noch keinen Job findet, rutscht sie in eine Depression.

Dabei hat es der Chefredaktor beim Abschied der acht (!) VolontärInnen deutlich gesagt: «Der Markt ist hart, das wissen Sie … Für Sie heisst es jetzt also: Kämpfen! Beweisen Sie uns, dass Sie hierher gehören, lassen Sie sich was einfallen, seien Sie originell.» – Kämpfen aber ist genau das, was Hannah nicht kann. Und so irrt sie verloren durch Berlin, kellnert in einer Bar, lässt sich von einem erfolgreichen Journalisten anflirten in der vergeblichen Hoffnung, dass der ihr weiterhilft, und wird immer einsamer. SMS, E-Mail und Skype verbinden sie recht und schlecht mit der Welt.

Friederike Gösweiner beschreibt sensibel und psychologisch genau, wie es sich anfühlt für eine junge Frau, im Existenzkampf zu versagen. Und natürlich stellt sich beim Lesen auch die Frage: Wie wird ein Journalismus aussehen, in dem nur noch beinharte KämpferInnen mitmischen?

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