Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

«Gut, das mit dem Ladendiebstahl wird schon ein bisschen abgekultet»

In ihrem halb autobiografischen Debütroman «Superbusen» erzählt Paula Irmschler von einer jungen Dresdnerin, die zum Studium nach Chemnitz zieht und dort eine Frauenband gründet. Die «Titanic»-Redaktorin spricht im Interview von der Scham über finanzielle Nöte und erklärt, warum Rechte keine gute Satire machen.

Interview: Daniel HackbarthMail an AutorIn

WOZ: Paula Irmschler, kürzlich hat jemand auf Facebook eine Umfrage gemacht: «Welche deutsche Stadt kann Eurer Meinung nach gut auch weg und warum ausgerechnet Dresden?» Sie sind in Dresden aufgewachsen. Ärgern Sie diese Vorurteile?
Paula Irmschler: Den Witz hab ich auch gesehen und fand ihn richtig gut. Man muss allerdings differenzieren: Ich habe 21 Jahre in Dresden gelebt und fühle mich dort bis heute unwohl. In der Stadt herrscht zum einen so eine klassische Fremdenfeindlichkeit, wobei das nicht nur nichtweisse Menschen betrifft, sondern alle, die irgendwie aus dem Rahmen fallen. Ich habe nie herausgefunden, wie man in Dresden sein muss, um nicht blöd angeglotzt zu werden. Deswegen auf jeden Fall: Dresden kann weg!

Und andererseits?
Andererseits stört mich, was daraus folgt: Ja, alle Probleme benennen, aber dann müssen wir auch etwas dagegen machen, also hinfahren und linke Leute supporten. Wobei ich selbst in dieser Hinsicht einen schwierigen Standpunkt habe, weil ich ja auch weggezogen bin.

Dresden spielt in Ihrem Roman «Superbusen» nur am Rand eine Rolle, im Zentrum steht Chemnitz, eine andere sächsische Stadt, die wegen rechter Massendemonstrationen Schlagzeilen gemacht hat. Das Buch beginnt mit einer Antifa-Demo 2018, die in die Hose geht, weil Tausende Rechte aufmarschieren. Waren Sie damals auf dieser Demo?
Ja. Ursprünglich wollte ich gar nicht so viel über Chemnitz schreiben. Aber dann war das, was dort im Sommer 2018 geschehen ist, doch so essenziell für meine Freundinnen und Freunde – und ich wollte vor allem von meinem Freundeskreis erzählen –, dass ich darum nicht herumkam. Was ich am Anfang beschreibe, wie alle nach der Demo deprimiert in der WG-Küche rumsitzen, das war wirklich so. Ich hatte allerdings schon Angst davor, nun allen Chemnitz erklären zu müssen. Am Ende hätte das ja darauf hinauslaufen können, dass ich plötzlich in Talkshows sitze, was ich aber natürlich niemals gemacht hätte.

Sie würden sich nicht in Talkshows setzen?
Auf gar keinen Fall.

Aber es könnte doch interessant sein bei Markus Lanz?
Nein, schrecklich! Das war das Erste, was ich dem Verlag gesagt habe: Wenn Markus Lanz anruft, dann sagt ihm: Keine Chance! Im Ernst: Das würde ich schon aus Schüchternheit nicht machen.

Wie muss man sich den Alltag in einer Stadt vorstellen, in der Rechtsextreme immer präsent sind?
In Chemnitz sind Rechtsextreme nicht so präsent wie im Dorf, wo Leute tatsächlich immer mal wieder wegrennen müssen. Aber dass es Nazis gibt, ist auch in Chemnitz normal. Ich selbst musste jetzt nicht so oft davonrennen, weil ich weiss und blond bin. Aber wenn man nicht weiss ist oder Punk oder ein gleichgeschlechtliches Paar, sieht das schon anders aus. Wobei die Übergänge fliessend sind: Nicht alle rennen dort mit Landser-Pullovern herum, aber man war in Sachsen halt immer schon gegen Ausländer, Schwule und Grüne, die dort auch ein grosses Feindbild sind.

Warum sind Sie zum Studium ausgerechnet nach Chemnitz gezogen?
Eigentlich wollte ich unbedingt in Hamburg studieren, das war immer ein Traum – doch als ich dort nach Wohnungen gesucht habe, war klar, dass das finanziell nicht geht, zumal es damals noch Studiengebühren gab. Das war eine völlig unerreichbare Welt. So ging es aber allen, die ich in Chemnitz kennengelernt habe. Chemnitz war nie die erste Wahl, es sei denn, man kam aus den umliegenden Dörfern. Für die meisten war entscheidend, dass es billig ist.

Was haben Sie eigentlich studiert?
Politikwissenschaft.

Mit Abschluss? In der biografischen Notiz im Buchumschlag ist nur von «fünf mehr oder weniger erfolgreichen Jahren» die Rede.
Mit Ach und Krach und der Hilfe von Freunden habe ich einen Bachelor zusammengezimmert.

Es gibt eine schöne Szene im Buch, als die Freundinnen zusammensitzen und feststellen, dass die Hälfte von ihnen von alleinerziehenden Müttern grossgezogen wurden. Fred, eine schwangere Freundin der Protagonistin Gisela, sagt dann: «Ich werde auch bald eine alleinerziehende Mutter sein.» Worauf die anderen im Chor erwidern: «Nein!» Wollten Sie in «Superbusen» vor allem von weiblicher Solidarität erzählen?
Auf jeden Fall. Mir hat dieses Gangmässige in Büchern und Filmen über Frauen immer gefehlt, also dass auch Frauen eine Gang haben können, mit der sie durch die Gegend ziehen und Scheisse bauen.

Die Figuren in «Superbusen» unterstützen sich auch sonst oft, etwa wenn sie füreinander unangenehme Post öffnen.
Trotzdem sind sie nicht immer nur nett zueinander. Das fände ich auch schwierig, wenn man das glätten und so darstellen würde, als würden diese Frauen sich immer nur gegenseitig empowern. Auch sie sind nicht frei davon, Konkurrentinnen zu sein, was sie ja anerzogen bekommen haben, etwa was ihre Körper angeht und Fragen der Sexualität.

Gab es ein reales Vorbild für die Band Superbusen?
Nein, ich wollte halt immer eine Band, das war auch ein Grund, das Buch zu schreiben, nach dem Motto: Wenn ich das real nicht hinkriege, dann denk ich mir eben eine Band aus. Aber es gibt die Frauen aus dem Buch: Ich habe die Figuren an verschiedene Frauen aus meinem Leben angelehnt, aber immer weiter modifiziert, damit sich niemand blossgestellt fühlt.

Oft geht es auch etwa um Menstruationsbeschwerden oder ungewollte Schwangerschaften. War das bewusst ein Ziel beim Schreiben, dergleichen zu thematisieren?
Ich wurde das schon öfter gefragt, aber mir war das wirklich nicht bewusst: Sexuelle Belästigung ist normal, wenn man mit Frauen unterwegs ist; dass mal jemand schwanger wird oder es zumindest denkt, ist auch total normal; dass Frauen Essstörungen haben, ist normal – ich hätte mir das gar nicht anders ausdenken können, sonst hätte ich viel von dem, was Frauen sind oder sein müssen, verschweigen müssen. Auch Scham ist ein grosses Thema in dem Buch, und zwar Scham hinsichtlich vieler Sachen: beispielsweise wegen eines prekären Lebens. Damals war es ein langer Prozess in meinem Freundeskreis, bis man über solche Sachen geredet hat. Das hat dann auch einen therapeutischen Effekt, wenn man merkt: Krass, ich bin nicht die einzige Person, die es nicht hinkriegt, ihre Miete zu bezahlen!

Zuletzt gab es ja öfter Bücher, die eine Herkunft aus einem proletarischen Milieu thematisieren.
In meinem Fall ist meine Mutter Akademikerin, wobei man als Alleinerziehende mit sechs Kindern automatisch in prekäre Verhältnisse rutscht. Dazu kommt noch dieses Ostdeutschsein. Früher waren Reality-TV und Talkshows in meinem Leben sehr präsent: Es gab Leute aus meinem Umfeld auf der Realschule, die in Sendungen wie «Mitten im Leben» auftraten, wo sie als dumme arme Ossis verlacht wurden.

Sie kannten Leute, die in solchen Sendungen gelandet sind?
Ja, einige sogar. Die Produktionsfirmen haben über Jahre in Dresden nach armen Ossis gescoutet, ich glaube, das ist heute immer noch so. Dieses sozialchauvinistische Hinuntergucken auf die Assis ist natürlich sehr problematisch. Gleichzeitig ist auch Selbstkritik wichtig, weil man sich selbst ja auch von denen abgrenzen wollte und dann immer betont hat, dass man nicht so ist wie die im Fernsehen.

Britney Spears scheint in Ihrem Leben eine grosse Rolle gespielt zu haben, jedenfalls ist sie im Buch ziemlich präsent.
Überhaupt Mainstreamsachen. Ich lese immer wieder von Menschen mit so coolen Biografien, die schon früh einen tollen Musikgeschmack hatten und in der Szene waren – keine Ahnung, ob das immer so stimmt. Aber für viele, die zu dieser Welt keinen Zugang hatten, waren eben Viva, MTV und die «Bravo» das Ding. Ich glaube, dass man sich auch darüber politisieren kann.

Wie kann man sich denn über Britney Spears politisieren?
Na ja, zumindest über Pop. Ich fand damals so Hippiekram cool und bin dadurch das erste Mal auf Fragen gestossen wie die, was denn dieses 1968 war oder die RAF. Dazu kommt noch, dass Popmusik sehr weiblich und auch queer ist. Selbst Boybands waren keine Mackertruppen.

Ihr Buch wird im Genre «Popliteratur» geführt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk meinten Sie, dass Sie vorm Schreiben andere Popliteraten gelesen hätten, sozusagen als Vorstudie …
O Gott, habe ich das wirklich gesagt?

Was haben Sie denn gelesen?
Benjamin von Stuckrad-Barre und Rocko Schamoni zum Beispiel. Ich würde mein Buch auf jeden Fall als Popliteratur bezeichnen, ich hatte gar keine anderen Ansprüche. Ich habe auch viele Musikerinnenbiografien gelesen: von Viv Albertine, Kim Gordon und Patti Smith zum Beispiel. Auch weil ich wissen wollte, wie so eine Frauenband funktioniert.

Auf Amazon findet sich eine lustige Rezension zu «Superbusen»: Der Rezensent meint, das Buch sei schon interessant, weil es Einblicke ins Antifa-Milieu verschaffe. Andererseits findet er es befremdlich, «wenn eine Autorin so offen über Ladendiebstahl schreibt und wie einfach es geht».
Gut, das mit dem Ladendiebstahl wird schon ein bisschen abgekultet. Aber ich glaube, es ist mir gelungen zu transportieren, dass das Ganze eigentlich nicht so cool ist, wie man meinen könnte. Wobei: Ich finde es natürlich völlig richtig zu klauen. Um Gottes willen: Es ist halt Kapitalismus, also geht bitte alle klauen! Aber es steckt offensichtlich auch eine Not dahinter, deswegen finde ich es krass, dass manche meinen, es gehe um eine Art Hobby. Denen fehlt wohl die Lebensrealität, um das nachzuvollziehen. Ich habe mal ein Praktikum gemacht für 400 Euro im Monat, 300 Euro gingen für die Miete drauf und 80 Euro für die Krankenversicherung – was denken die Leute denn, wie man da überleben soll? Allerdings fand auch meine Mutter das mit dem Klauen im Buch nicht so cool.

War das die einzige Stelle, die Ihrer Mutter aufgestossen ist?
Man muss ja schon unterscheiden zwischen lyrischem und realem Ich. Nachdem sie «Superbusen» gelesen hatte, musste ich meiner Mutter zum Beispiel erst mal erklären, dass ich keine Bulimie habe. Und was dieses «prekär sein» angeht: Das war auch ein Stempel, den meine Mutter ungern wollte. Sie meinte, dass uns alle dadurch wieder als so eine typische Assi-Alleinerziehendenfamilie sehen würden, aber sie hat letztlich auch verstanden, dass es mir gerade um diese Stigmatisierung geht. Und tatsächlich ging es uns ja finanziell zeitweise scheisse.

Sie sind jetzt seit knapp zwei Jahren «Titanic»-Redaktorin. Wie wird man eigentlich Satirikerin?
Ich bin hier so reingerutscht, allerdings rutschen hier alle irgendwie rein – es ist so eine Art Auffangbecken für Leute, die nirgendwo sonst reinpassen. Deswegen bin ich auch sehr glücklich, hier gelandet zu sein – ich war immer überzeugt, dass es einfach keinen Job für mich gibt. Schon allein, weil ich nicht früh aufstehen kann.

Wann müssen Sie denn hier morgens anfangen?
Meistens gegen zwölf, aber ich muss ja auch noch pendeln und kann dann im Zug Sachen erledigen. Tatsächlich habe ich zunächst auf Facebook angefangen, Sachen rauszuhauen: der gute alte Stefanie-Sargnagel-Weg. Ich habe mich aber nie getraut, mich irgendwo zu bewerben, weil ich dachte, dass ich in keine Redaktion passe. Dann hat sich meine Reichweite auf Facebook immer weiter erhöht, irgendwann habe ich mich mit dem Exchefredaktor der «Titanic» Leo Fischer angefreundet, der immer wieder meinte, ich solle doch mal was für «Titanic» schreiben. Später habe ich mich mit dem letzten Chefredaktor, Tim Wolff, im Internet über irgendwas mit Feminismus gestritten, und dann meinte der, ich solle doch mal ein Praktikum machen. Eine coole Reaktion auf einen Streit!

Wenn man sich das Satirikermilieu anschaut, dann scheint das ähnlich wie bei den Bands eher so ein Jungsding zu sein. Gibt es denn viele satirische Autorinnen?
Es gibt viele, aber die glauben meistens ähnlich wie ich früher, dass sie damit kein Geld verdienen könnten. Ich sehe aber auf Twitter und Facebook viele Frauen, die tolle Satire machen. Tatsächlich gibt es auch bei der «Titanic» immer mehr Autorinnen. Aber es muss noch viel getan werden, es ist tatsächlich wie bei Bands. Vor allem, weil du dir als Frau weniger zutraust: Wenn mir eine Frau einen Text schickt, schreibt sie meistens dazu: Ah, der ist bestimmt nicht so gut. Typen schreiben dagegen: Hier mein neuer geiler Text! Ausserdem bekommst du als Frau viel mehr Hass ab als deine männlichen Kollegen.

Das ist tatsächlich so?
Auf jeden Fall. Auch einige ältere «Titanic»-Leute finden nicht immer super, was ich mache. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich eine klare Agenda habe, die halt feministisch ist. Dadurch ist man mehr in die Verhältnisse involviert und kann nicht so cool von aussen auf diese Verhältnisse schauen wie ein weisser Typ.

Debatten über Satire wie zuletzt anlässlich der polizeikritischen Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah in der «taz» verlaufen auffällig ergebnislos: Jemand empört sich, ein anderer befindet, auch Satire müsse Grenzen haben, dann wird noch Kurt Tucholsky zitiert, ehe alles versandet. Ich traue mich kaum zu fragen, was denn Ihrer Meinung nach Satire überhaupt ist.
Das könnte ich auch nicht so genau beantworten, weil ich mir darüber gar keine Gedanken mache – oder vielmehr mach ich mir dann Gedanken, wenn konkrete Kritik kommt. Es kommt aber immer auch darauf an, wer sie warum übt – und gerade die Kritik an Hengameh war beschissen motiviert. Wenn aber jemand sagt, dass die Satire, die wir hier bei der «Titanic» machen, rassistisch oder sexistisch sei, muss man das auf jeden Fall erst mal zulassen. Wir diskutieren dann auch viel. Man muss sich immer den jeweiligen Beitrag genau anschauen und fragen: Wer spricht hier, und gegen wen richtet sich das?

Also keine allgemeine Definition, was Satire darf?
Generelle Aussagen sind schwierig, abgesehen von klassischen Grundsätzen, dass es eher darum geht, nach oben zu treten. Wobei man auch selbstironisch sein und die eigenen Selbstverständlichkeiten erschüttern darf – das finde ich auch gut. Was die Debatten angeht: Kommen die von rechts, dann ist es meistens so, dass die mal wieder freche Frauen oder Migrantinnen fertigmachen wollen. Allerdings habe ich bei diesen Debatten immer wieder registriert, dass sich Allianzen bilden: Gerade im Fall der Kolumne von Hengameh fand ich es cool, wie viele Menschen sich zusammengetan haben, um solidarisch zu sein.

Sie selbst haben so ziemlich auf dem Höhepunkt der Aufregung getwittert: «Schatz, denkst du heute bitte daran, die Polizei noch rauszubringen?» Nicht gerade deeskalierend.
Diese Mülldiskussion hatten wir ja schon während der #MeToo-Debatte, als ursprünglich schwarze Frauen den Hashtag #MenAreTrash genutzt haben, weil sie viel Scheisse erlebt hatten und es ihnen um die Umkehrung eines Herrschaftsverhältnisses ging. Aber es ist interessant, dass Leute, die sich sonst immer zurücksehnen nach dem rotzfrechen Punk, jetzt plötzlich finden, dass wenn das Feministinnen machen, man nicht über die Stränge schlagen sollte. Das ist total spiessig. Leute als Müll zu bezeichnen – come on, das ist ja echt nichts Neues!

Andererseits macht man es sich als Satirikerin sehr einfach: Man feuert aus allen Rohren und spitzt zu, aber man lässt sich ja danach nicht auf eine politische Diskussion ein.
Es gibt schon auch Leute, die diskutieren, das hält jeder ein bisschen anders. Andere wiederum sagen: Das ist eben diese Textform und ein fertiges Stück, und dann guckt man halt beim nächsten Mal, ob man es wieder so macht oder eben anders. Aber die «Titanic» ist ja total harmlos geworden, es gibt nicht mehr so viel Kritik, ausser wenn mal was unlustig herausgekommen ist. Richtig grosser Gegenwind kommt gar nicht mehr. Wir müssen wohl mal wieder so richtig auf die Kacke hauen.

Zuletzt gab es stattdessen immer wieder Aufregung um rechte Satiriker: um Dieter Nuhr mit seinen Pöbeleien gegen Greta Thunberg etwa oder um die Österreicherin Lisa Eckhart. Wie wird das bei der «Titanic» diskutiert?
Ich suche händeringend nach guter rechter Satire, aber die gibt es offenbar nicht. Und wahrscheinlich kann es sie auch nicht geben, weil sie einfach nichts entlarvt – was nicht heisst, dass wir hier ständig etwas entlarven würden. Von rechts kommen trotzdem immer nur die alten Schenkelklopfer und nie etwas, das irgendwie in die Zukunft weist. Dieter Nuhr ist ein typischer Fall: Er tut so, als wäre das, was er vertritt, eine randständige Meinung – was die realen Machtverhältnisse total verkennt: Glauben die wirklich, es gäbe einen linken Mainstream?

«Superbusen»

Von Hardcorenazis und Softpornos

Ende August 2018 war Chemnitz, eine ostdeutsche Stadt mit knapp 250 000 EinwohnerInnen, plötzlich weltweit in den Schlagzeilen: Am Rand eines Stadtfests war es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen ein Mann durch Messerstiche tödlich verletzt wurde. Wegen Berichten über den Migrationshintergrund des Täters riefen in den folgenden Tagen Rechtsextreme zu Demonstrationen auf, Tausende beteiligten sich an den Aufmärschen, es kam zu Angriffen auf MigrantInnen, Linke und Presseleute. Die Ereignisse schlugen derart hohe Wellen, dass sich selbst der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte über die Zustände in Sachsen erschüttert zeigte und das Schweizer Aussendepartement in einem Tweet Deutschlandreisende vor möglichen Ausschreitungen warnte.

Paula Irmschler erlebte die Ereignisse hautnah und verarbeitet diese Erfahrung in ihrem Debütroman «Superbusen». Darin erzählt die 31-Jährige die Geschichte von Gisela, einer jungen Frau aus Dresden, die zum Studium nach Chemnitz zieht – so wie Irmschler auch. Dort hängt Gisela zwischen Hörsaal und Antifa-Demo mit den FreundInnen aus ihrer WG ab, kämpft mit finanziellen Engpässen und komplizierten Beziehungen, ehe die Clique die Band Superbusen gründet. Der Name ist inspiriert von einer Softpornosendung, die nach der Jahrtausendwende im deutschen Privatfernsehen lief. Fehlende musikalische und lyrische Finesse («Hehe ja es zieht wieder im Unterleib / Die Menstruationsblutung bedeutet Kindfreiheit») halten Superbusen nicht davon ab, auf Tour zu gehen, die sie unter anderem nach Köln und Marburg führt.

Seit Herbst 2018 ist Irmschler Redaktorin des Satiremagazins «Titanic» in Frankfurt am Main, ausserdem schreibt sie Kolumnen für den «Musikexpress» und das «Neue Deutschland». Mittlerweile lebt die gebürtige Dresdnerin in Köln, wohin sie vor ein paar Jahren für ein Praktikum zog – und wo sie trotz des alljährlichen Karnevalstreibens immer noch so gerne lebt, dass sie selbst die viele Pendelei zwischen Rhein und Main in Kauf nimmt.

Daniel Hackbarth

Paula Irmschler: «Superbusen». Roman. Claassen-Verlag. Berlin 2020. 320 Seiten. 25 Franken.

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