Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Bis ans Ende der Hölle

Im Osten Aleppos flüchtet die Bevölkerung von Stadtteil zu Stadtteil, während die Regierungstruppen Boden gutmachen. Vor den Bomben schützt die Menschen nichts und niemand.

Von Zouhir al-Shimale, Aleppo

Der Lärm der Bomben und des Gewehrfeuers wird immer lauter, während die Flüchtlinge sich ihren Weg durch den Schutt auf den Strassen bahnen. Mit schweren Koffern treffen sie im Distrikt Sakhur im Osten Aleppos ein. Die Menschen kommen aus Bezirken, die inzwischen völlig in Kämpfen versunken sind. Doch in Sakhur stossen sie nur auf noch mehr Gewalt.

Andere dagegen haben schon längst für sich entschieden, dass ihnen dieser Stadtteil keine Zuflucht mehr bietet – und so ziehen inmitten all des Chaos die einen davon, während gleichzeitig andere neu eintreffen, die vor den regierungstreuen Truppen geflüchtet sind. Die Armee hat den Rebellen, die dieses Gebiet seit 2012 besetzt hielten, zuletzt Niederlage um Niederlage bereitet.

Eine Woge der Zerstörung

Schätzungen zufolge sind inzwischen bis zu 20 000 Menschen entweder in kurdische oder von der Regierung besetzte Gebiete geflohen. Und es gibt keine Anzeichen, dass dieser Menschenstrom abschwellen könnte. KeineR der Fliehenden weiss, wo und wann das alles enden wird. Sie laufen einfach davon.

Aus einem Fenster heraus schildert ein Bewohner Sakhurs die Woge der Zerstörung, die über Aleppo hereingebrochen ist. Er berichtet von unzähligen Flüchtlingen, die aus dem Nordosten der Stadt kommen, wo die Stellungen der Rebellen zusammengebrochen sind. «Draussen auf den Strassen sind Hunderte, die nicht wissen, wo sie Schutz und etwas zu essen finden können», sagt der Mann, der nicht namentlich genannt werden möchte. «Die Leute verlassen ihr Zuhause, in ihre Koffer haben sie alles gepackt, was sie tragen können.»

Unterdessen fallen weiter Bomben. Abu Modar, der im selben Block lebt, erzählt, dass das Gebäude am Vortag zweimal von Granaten getroffen wurde. «Wir wissen nicht, wohin. Im Augenblick zählt nur, dass die Bombardements aufhören», sagt er. In Ansari, einem anderen Viertel im Osten Aleppos, sieht die Lage nicht anders aus. «Es ist eine Katastrophe», sagt Ibrahim Abu al-Leith, ein Sprecher des syrischen Zivilschutzes. «Es gibt massenhaft Vertreibungen, die Moral der Menschen ist am Boden. Sie haben nichts zu essen und zu trinken – und wir auch nicht.»

Derzeit wird das, was viele in Aleppo lange befürchtet haben, Realität: In den vergangenen Tagen ist gemäss russischen Angaben fast die Hälfte der von den Rebellen kontrollierten Viertel gefallen. Der Widerstand ist zusammengebrochen unter dem Druck der Belagerung, der Luftangriffe, des Hungers und – was hier viele sagen – wegen der Preisgabe der Stadt durch die internationale Gemeinschaft.

Jasser Jussef von der Rebellengruppe Nureddin al-Sinki betont, dass der Vormarsch der Regierungstruppen erst durch die Unterstützung Russlands und des Iran ermöglicht wurde. «All die Jahre konnten wir mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, Widerstand leisten», sagt er. «Vor fünf Jahren war das Regime am Ende. Heute kämpfen wir gegen Armeen und Milizen aus aller Welt.»

Viele ZivilistInnen in Sakhur treibt die Frage um, ob sie ebenfalls flüchten sollen. Abu Modar etwa befürchtet, dass seine Familie obdachlos werden könnte, wenn er bleibt. Fatima Sehra, eine Nachbarin Modars, steht in der Tür, während im Hintergrund ihre fünf Kinder schreien. Die Familie hat wieder eine Nacht unter Dauerbeschuss hinter sich. «Die Kinder haben Hunger und fürchten sich vor den Bomben», sagt Sehra. «Ich habe nichts, was ich ihnen zu essen geben könnte. Alle Schulen sind geschlossen, den Kindern bleibt nichts, als hier abzuwarten, dass diese Hölle endlich ein Ende hat.»

Kurz vor dem Verhungern

Vielleicht ist dieses Ende nicht mehr fern. Aber es wird nicht das Ende sein, das hier viele erhofft und für das sie in all den Monaten der Belagerung so viel auf sich genommen haben. Während die Regierungstruppen dabei sind, der Opposition die schwerste Niederlage in vier Jahren militärischer Konfrontation zuzufügen, haben sich die Rebellen zurückgezogen, um ihre Linien abzusichern. Doch ihre Feinde rücken immer weiter vor.

Die Nahrungsrationen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, denen im Juli der Zugang abgeschnitten wurde, waren im November aufgebraucht. Hilfsorganisationen zufolge sind die Menschen im Osten der Stadt nur noch Tage vom Hungertod entfernt.

Am Dienstag gab es Meldungen, dass die Regierungstruppen von Süden her weiter vorrücken – vermutlich mit dem Ziel, die Rebellen zu flankieren.

Aus dem Englischen von Daniel Hackbarth.

Dieser Text erschien zuerst auf dem Nachrichtenportal «Middle East Eye».

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