Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Mit Mehl für Tausende Brote ins humanitäre schwarze Loch

Im zerstörten Syrien harren Millionen Menschen ohne Versorgung aus. Die internationale Hilfe endet am türkisch-syrischen Grenzzaun. Doch ein paar private Helfende wagen sich noch in die Zonen des Elends.

Von Cedric Rehman, al-Siadia (Text und Foto)

«Manchmal habe ich in Syrien gedacht: Hat doch alles keinen Sinn.» Faruk al-Sibai (rechts) in einem Laden in der Nähe von Suran.

Ali Aschek wird sterben. Auf seiner Haut haben sich weisse Flecken gebildet wie bei einer Pigmentstörung. Der zehnjährige Junge ist zu kurzatmig, um etwas zu sagen. Er stellt sich für ein Foto in die Mitte des Raums. Dann sinkt er wieder zusammen in einen abgewetzten Plastikstuhl. Der Dorfvorsteher Muhammad Hassan hält eine leere Ampulle in der Hand. Desferal, ein Mittel, das überschüssiges Eisen und Aluminium aus dem Körper ausscheidet. Ali Ascheks Niere funktioniert seit der Geburt nicht richtig. Ohne Desferal müsste er zweimal im Monat zur Blutwäsche, um das Gift aus seinem Körper zu spülen – unmöglich derzeit in Syrien. Bald wird er deshalb ersticken.

Der Vater will für seinen Sohn auf der «Strasse des Todes» nach Aleppo. So nennen die KämpferInnen der Freien Syrischen Armee die Route von der Grenzstadt Azaz in die umkämpfte Metropole. Auf dem Weg lauern die Heckenschützen, am Himmel fliegen die Migs der Armee von Baschar al-Assad. In der Stadt sucht der Geheimdienst des Regimes nach Flüchtlingen aus den von den RebellInnen kontrollierten Gebieten des Landes. «Wenn sie ihn schnappen, dann kommt er nicht mehr zurück», sagt Hassan, der Vorsteher eines Dorfs in der Nähe der nordsyrischen Stadt Suran. Ob es irgendwo im Schutt Aleppos überhaupt noch die rettenden Ampullen gibt, weiss niemand.

Reise ins frühere Urlaubsland

Faruk al-Sibai ist der Gast aus Deutschland, der die Kranken aus Hassans Dorf besucht. Ihnen ist in den vergangenen zwei Jahren des Schreckens kein Ausländer begegnet, der ihnen zugehört hätte. Auch nicht, als im vergangenen Winter die Kinder in kleinen Särgen aus den Flüchtlingsunterkünften in der Umgebung des Dorfs getragen wurden. Es war so kalt in den leer geräumten Klassenzimmern der Dorfschule, sagt einer, dass nur das Gedränge der Körper in den vollgestopften Sälen die Flüchtlinge vor dem Erfrieren bewahrte. Viele Kinder starben trotzdem. Al-Sibai hört den Leidensgeschichten zu, stumm, die Augen voller Entsetzen. Er greift zu einer Zigarette nach der anderen, macht sich schon lange keine Notizen mehr.

Al-Sibai lebt in Allmersbach im württembergischen Rems-Murr-Kreis. Dort leitet der Deutschsyrer eine kleine Giesserei. Vor sieben Monaten haben er und ein Dutzend MitstreiterInnen vom Organisationskomitee Syrische Revolution Baden-Württemberg begonnen, in Arztpraxen, Apotheken und Firmen vorbeizugehen. Sie baten dort um alte Kleidung, Überschüssiges aus Medikamentenvorräten, gebrauchte Rollstühle. An verschiedenen Benefizveranstaltungen sammelten sie Tausende Euro an Spenden. Den Laster mit den Hilfsgütern schickten sie per Schiff ins türkische Mersin nahe der syrischen Grenze. Die Medikamente packte al-Sibai in Deutschland in eine grosse Tüte eines Kleidergeschäfts, bevor er von Stuttgart aus in die Türkei flog. Mit dem gesammelten Geld will er in Syrien Weizen kaufen, um Tausende von Broten zu backen.

Es ist eine Reise in ein Land, das Faruk al-Sibai nach eigenem Bekunden zuvor nur als Urlaubsland kennengelernt hat. Zuletzt war er 2010 in Syrien, als das Land noch ruhig unter der bleiernen Decke der Diktatur dahindämmerte. Der Vater stammt aus Homs, al-Sibais Verwandte sind bis heute in der gemarterten Stadt geblieben. Dass sie leben, weiss er dank Facebook. Irgendwann hat al-Sibai die schlechten Nachrichten nicht mehr ertragen. Er fand andere DeutschsyrerInnen in Stuttgart, die genau wie er nicht mehr nachts fassungslos und hilflos vor dem Computer ausharren wollten. Al-Sibai und seine MitstreiterInnen begannen, Hilfsgüter zu sammeln, weil ihnen ihre Facebook-FreundInnen klarmachten, was sich von der türkisch-syrischen Grenze aus bis weit ins umkämpfte Landesinnere hin erstreckt: ein riesiges humanitäres schwarzes Loch, gemieden von VertreterInnen internationaler Hilfsorganisationen, besucht nur noch von wenigen KriegsreporterInnen.

Dschihadisten rauchen nicht

In der türkischen Stadt Kilis haben arabische und westliche nichtstaatliche Organisationen ihr Quartier bezogen; an der Hauptstrasse liegt zum Beispiel das Büro der Ärzte ohne Grenzen. Doch ihre Arbeit endet am Grenzübergang Bab al-Salam nach Syrien. Zu gefährlich sei es dort für die Helfenden, sagen VertreterInnen internationaler Organisationen. Sie hätten ohnehin alle Hände voll zu tun, um Hunderttausende von syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern zu versorgen. Die Uno will in diesem Jahr Hilfsgüter im Wert von über 500 Millionen US-Dollar an das Regime in Damaskus liefern. Baschar al-Assad gilt für die Organisation immer noch als Präsident Syriens.

Eine Regierung soll also Hilfslieferungen verteilen in Gebieten, die nicht mehr unter ihrer Kontrolle stehen und die sie unter Beschuss nimmt. Gleichzeitig staut sich eine Masse von Flüchtlingen in ebenjenen von der Versorgung abgeschnittenen Regionen. Die Grenze zur Türkei ist seit Monaten dicht. Den Menschen, die sich meist zu Fuss aus Aleppo, Homs oder Damaskus in Richtung Grenze aufgemacht haben, bleibt nichts anderes übrig, als umzukehren und irgendwo in den provisorischen Flüchtlingsunterkünften in Nordsyrien Unterschlupf zu finden. Das Uno-Flüchtlingswerk schätzt die Zahl der SyrerInnen, die auf dem versperrten Weg ins Ausland sind, auf vier Millionen: Ein Viertel aller EinwohnerInnen des Landes irrt zwischen den Fronten umher – ohne Hilfe und ohne die reelle Chance, jemals in der Sicherheit anzukommen.

Faruk al-Sibai hat die Plastiktüte mit den Medikamenten zwischen seine Schenkel geklemmt. Im Auto ist wenig Platz, neben ihm sitzen Rebellen des Bataillons der Freien Syrischen Armee namens «Enkel des Propheten». Der Name ist Teil von dem, was al-Sibai das Imageproblem der Rebellen nennt. Das ist höflich formuliert, denn er erzählt, dass er bei Spendenaktionen in Stuttgart auch schon zu hören bekommen hat: «Ist doch gut, wenn es weniger Moslems gibt.»

Die Enkel des Propheten haben lange auf eine Hilfsgruppe aus dem Ausland gewartet, die Essen und Medikamente in das von ihnen kontrollierte Gebiet bringen will. Al-Sibai wiederum hat sich die Rebellen genau ausgesucht, mit denen er zusammenarbeitet. «Ich habe geschaut, ob sie Zigaretten bei sich haben», sagt er und grinst. Denn Dschihadisten rauchen nicht. Neben dem Deutschsyrer sitzt glatt rasiert der zweite Kommandeur des Bataillons, Bilal Domani. Seine Aufgabe ist es, die Vertriebenen und die Bevölkerung in der von der Aussenwelt abgeschnittenen Region am Leben zu erhalten. Jetzt will er dem Helfer aus Deutschland auf einer Fahrt durch das verwüstete Land deutlich machen, wo die Not am schlimmsten ist.

Das Leben hängt am Treibstoff

Das Auto der Rebellen rast über staubige Strassen. Die grünen Wiesen rechts und links davon zeigen immer mehr braune Flecken: Gräber werden ausgehoben, am Rand der vielen Friedhöfe liegen Grabsteine auf Vorrat gestapelt. Auf vielen Feldern wuchert Gestrüpp; niemand bewirtschaftet sie mehr. BäuerInnen, die auf Äckern zu sehen sind, verwenden Spitzen und Hacken, nirgendwo ist ein Traktor zu sehen, es mangelt an Treibstoff. Die Rebellen wollen Faruk al-Sibai zeigen, was die SyrerInnen dagegen unternehmen. Durch die geöffneten Fenster zieht beissender Gestank, als das Auto auf einen Feldweg einbiegt. Der Wagen hält an einer Grube, in der Rohöl offen unter der Sonne schimmert.

Ein Mann schaufelt die zähe schwarze Masse aus der Grube in einen rostigen Ofen. Er soll das Öl auf 400 Grad erhitzen, damit es in seine Bestandteile zerfällt. Heraus tropft etwas, das mit Fantasie schmutziges Kerosin genannt werden kann. Der Mann, der mit dem Gemisch hantiert, heisst Radi Amin. Die Dämpfe des Gemischs verätzen seine Lunge. Und es könnte schlimmer kommen, denn das unreine Kerosin entzündet sich leicht. Doch ohne die improvisierte Kerosinraffinerie hätte er keinen Treibstoff für die Wasserpumpe, die seinen Acker versorgt.

Das Stromnetz ist weitgehend zerstört. Also müssen Generatoren das Wasser aus den Brunnen in die Tanks auf den Dächern der Häuser und auf die Felder pumpen. Sie müssen die Mühlen antreiben, die das Mehl mahlen. Und sie müssen das Licht liefern, damit die ÄrztInnen in den Feldlazaretten Glieder amputieren und Wunden verbinden können. Ohne Treibstoff, sagt Radi Amin, sei Syrien verloren. Dann gäbe es dieses Jahr keine Ernte, und spätestens im kommenden Winter müsste nicht nur seine eigene Familie verhungern.

Im Moment funktioniert bei vielen noch das Netz der Grossfamilie. Die einen geben Ersparnisse, damit die anderen mit Säcken voller praktisch wertloser Dinare in immer schlechter mit Waren bestückten Geschäften einkaufen können. Wer einen Bauern wie Radi Amin in der Familie hat, kann sich in diesen Zeiten glücklich schätzen. Aber das Band der familiären Hilfe wird umso dünner, je weniger es zu verteilen oder zu tauschen gibt.

Und am Ende hängt eben alles am Treibstoff, der weder vom Ausland noch von Damaskus kommt. Radi Amin fährt deshalb regelmässig mit seinem Laster durch die umkämpften Gebiete nach Dair al-Zur im Osten Syriens, wo die RebellInnen Ölquellen erobert haben. Auf dem Weg zum Rohmaterial für seine wilde Raffinerie lauern nicht nur Heckenschützen und Kampfflugzeuge am Himmel, sondern auch die gefürchteten Schabihamilizen des Regimes. Im Handschuhfach hat er deshalb eine Handgranate. «Falls sie mich erwischen, spreng ich den Laster in die Luft», sagt er. Denn der Tod sei gnädiger als die Schabiha.

Die Schule der Flüchtlinge

Das Auto mit dem Gast aus Deutschland fährt weiter über löchrige Pisten. In einem Dorf hält es vor einem grossen Betongebäude. Viele Fenster sind nur noch leere Höhlen. Der Luftdruck der Detonationen hat das Glas zum Bersten gebracht. Im Winter trieb der Wind den Schnee in die Klassenräume der Schule des Dorfs al-Siadia. In den eisigen Schulsälen sassen keine SchülerInnen mehr, stattdessen waren es nun Flüchtlinge aus Aleppo. Zuerst wanderten die Pulte und die Tafeln ins Feuer der Öfen. «Dann haben wir Plastikabfälle auf der Strasse gesammelt und verbrannt», erzählt eine Frau aus Aleppo. Über eine Treppe geht es in die oberen Geschosse. In den Fluren sind mit Tüchern Quartiere für die Flüchtlingsfamilien abgetrennt. Dahinter teilt sich je eine Familie eine speckige Matratze.

Bald werden auch die Gänge der Schule so überfüllt sein wie die Klassenzimmer. Die Schule wird neue Vertriebene abweisen müssen, irgendwohin, wo es noch Platz gibt, vielleicht auf die Felder. Aber auch Flüchtlingszelte sind Mangelware, und noch mag sich keiner vorstellen, was wird, wenn die letzten Schulen und Moscheen um Aleppo belegt sind. Die Menschen sitzen müde auf den Gängen oder kauern auf dem Boden. Sie tragen das auf dem Leib, was sie bei der Flucht anhatten oder mitnehmen konnten. Die Kleidung ist nach einigen Monaten zerschlissen, so wie auch die Hoffnung, noch Hilfe zu erhalten. Die Zeit vergeht mit Warten. Nur wenn es Diesel gibt, können die Flüchtlinge kochen oder sich waschen. Denn ohne Generator bleiben auch hier die Wasserleitungen trocken. Im Untergeschoss, wo die Toiletten verstopft sind, riecht es nach Urin und Fäkalien. Kinder spielen barfuss im Dreck, holen sich Krankheiten. Die Mutter aus Aleppo weiss nicht viel zu sagen auf al-Sibais Frage, wie sie ihre Kinder in dem Elend gesund erhalte. «Ich gebe ihnen Reis und Oliven und manchmal Kartoffeln», sagt sie. Sonst fällt ihr nichts ein.

In einer Klinik nur wenige Kilometer vor Aleppo liegt Chadidscha Ezzelden auf einem Krankenbett und wimmert. Aus ihrem Unterleib tropft eine dickflüssige gelbe Masse in einen Beutel. Er ist längst übergelaufen, und die stinkende Pfütze aus Eiter und Urin breitet sich auf dem Boden aus. Die Mutter bindet der Dreizehnjährigen hastig ein Kopftuch um, als Faruk al-Sibai die Kamera hervorholt. Neben ihm steht der Arzt, der das faustgrosse Loch in Chadidschas Rücken geschlossen hat. «Die Heckenschützen in Aleppo verwenden Munition, die für den Beschuss von Flugzeugen gedacht ist», sagt Ahmad Hamad.

Eigentlich müsste Chadidscha ihr Bett längst frei machen. Denn die einzige Klinik im Umland von Aleppo mit Röntgengerät und Laborausrüstung hat Platz für nicht mehr als neunzehn PatientInnen. In ihr werden nur noch die Verwundeten behandelt. Die Kranken aus den Dörfern, die husten und immer dünner werden oder mit Fieber und Durchfall kommen, schickt Ahmad Hamad wieder nach Hause. «Unser Vorrat an Antibiotika reicht nicht für alle. Wenn wir die auch den Tuberkulose- oder Ruhrkranken geben, haben wir nichts mehr für die Amputierten übrig», sagt er. Genauso wenig könne er tun für Menschen mit Krebs oder Zucker. Er hat keine Medikamente und keine Zeit.

Im Hof der Klinik stehen die Krankenwagen. Sie sind nicht mehr weiss und rot lackiert wie vor dem Krieg, sondern schwarz. Nachts rasen sie nach Aleppo, um die Verletzten einzusammeln. Die dunkle Farbe soll das Risiko eines Beschusses minimieren. Denn die Regierung beherrscht auch in den von den RebellInnen kontrollierten Gebieten den Himmel. Eines der Fahrzeuge ist notdürftig geflickt. Ein Helikopter hat es von hinten mit einer Granate getroffen. Die Schrapnellsplitter bohrten sich wie Speere durch die Hintersitze, zerfetzten die Verwundeten und die mitfahrende Krankenpflegerin. Der Fahrer blieb am Leben und steuerte den Wagen mit dem, was von den Menschen übrig war, zurück zur Klinik. Seitdem sehen alle Fahrzeuge der Ambulanz aus wie Bestattungswagen.

Ahmad Hamad wischt sich müde den Schweiss von der Stirn, als er durch den Krankensaal geht. Rechts und links von ihm liegen junge Männer mit offenem Rücken oder verbundenen Stümpfen. Fliegen surren über den Kranken. Die Männer in den Betten stöhnen, wenn auch leise. Hamads Klinik erhält ein paar Mittel aus den reichen Golfstaaten. Er kann sich in der Türkei wenigstens Morphium besorgen und über die Grenze bringen lassen. Die ÄrztInnen in den kleineren Feldlazaretten in der Umgebung von Aleppo hätten oft nicht einmal Valium, um jene Menschen ruhigzustellen, denen die Gedärme aus dem Bauch hängen, sagt er.

«Niemand zählt die Toten …»

Es wird schon dunkel, als das Auto der Rebellen sich wieder dem Grenzübergang Bab al-Salam nähert, diesmal von der syrischen Seite aus. Um Punkt 20 Uhr schliesst die Grenze auch für diejenigen, die eine Erlaubnis haben, sie zu passieren, wie Faruk al-Sibai. Bilal Domani holt aus dem altersschwachen Fahrzeug alles heraus. Es fliegt förmlich über die Schlaglöcher.

Faruk al-Sibai hat die Tüte mit den Medikamenten nicht mehr zwischen den Schenkeln. Er hat sie an Dorfvorsteher Muhammad Hassan übergeben. Eine Ampulle Desferal, die das Leben des Jungen Ali Aschek verlängern könnte, war nicht darin. Im Kopf überschlägt er, was er erreicht hat und was sein Verein in Zukunft besser machen könnte. Es sei schwierig zu entscheiden, was die SyrerInnen am meisten brauchen, weil es schlicht an allem fehlt. «Niemand zählt die Toten, die wegen des Mangels sterben, das steht fest», sagt er. Al-Sibai wurmt auch, dass er bei der Ausgabe des Brots, das mit seinem Weizen gebacken wird, nicht dabei sein kann. «Ich habe eine Firma, ich muss zurück. Aber wie sollen wir in Deutschland Spenden sammeln, wenn wir nicht überprüfen können, ob alles ankommt?», sagt er.

Der Job in Deutschland ruft, aber die Bürokratie in der Türkei folgt eigenen Regeln. Die Lastwagen mit den Kleidern stecken im Hafen von Mersin fest, weil die deutsche Spedition ein anderes Gewicht der Ladung angegeben hat, als es die Waage der türkischen Zollbeamten tut. Und in Syrien schafft es die Mühle nicht, al-Sibais Weizen in der kurzen Zeit, die bleibt, zu mahlen: Dem Generator fehlt der Saft. Al-Sibai hat verstanden, dass das Leben der SyrerInnen letztlich vom Treibstoffnachschub abhängt. Ihm sei auch klar geworden, dass privat organisierte Hilfe niemals ein Ersatz sein kann für das, was die Professionellen auf der anderen Seite der Grenze leisten können, sagt er. Nur, sie seien eben nicht da. Und dann entfährt ihm der Satz: «Manchmal habe ich in Syrien gedacht: Hat doch alles keinen Sinn.»

Die letzten Meter zur türkischen Grenze muss Faruk al-Sibai im Sprint zurücklegen. Es ist kurz vor 20 Uhr. Vor ihm liegen die Lichter von Kilis. Hinter ihm ist Syrien, das ohne Strom so dunkel ist wie das Meer in der Nacht. Als al-Sibai den Zaun erreicht, tauchen hinter ihm verhärmte Gestalten auf. Ihre Kleidung ist schmutzig, an den Füssen tragen sie Schuhe aus Plastik. Es sind Flüchtlinge, die direkt an der Grenze in Zelten campieren. Jetzt hoffen sie, im Tross des Ausländers mit hinüberzukommen.

Der türkische Zollbeamte nimmt al-Sibais deutschen Pass entgegen und zeigt böse auf die Armbanduhr, denn es ist spät. Dann öffnet er dem Deutschen das Tor. Es fällt gleich wieder ins Schloss. Die SyrerInnen bleiben auf der anderen Seite, das Gitter nun vor ihrer Nase. Al-Sibai blickt zurück.

Später wird er sagen, dass er in ein paar Monaten wieder Hilfsgüter nach Syrien bringen wolle. Was bleibt ihm anderes übrig.

Naher Osten

Eskalation programmiert

Es ist kaum noch schönzureden: Der syrische Bürgerkrieg weitet sich immer mehr zu einem Brandherd der ganzen Region des Nahen Ostens aus. So hatte Israel in den letzten Monaten mit drei Luftangriffen gegen militärische Einrichtungen der syrischen Regierungstruppen Öl ins Feuer gegossen (vgl. WOZ Nr. 19/13).

Letztes Wochenende ist nun auch die Hisbollah offen in den Konflikt eingetreten: Die libanesische Schiitenmiliz unterstützte den syrischen Machthaber Baschar al-Assad bei Angriffen in der Grenzstadt al-Kuseir, bei denen gemäss Uno Hunderte ZivilistInnen getötet oder verletzt worden sind. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah begründete den Kriegseintritt damit, dass Syrien die Schutzmacht der Hisbollah im Kampf gegen Israel sei und dass er deshalb nicht zulassen könne, wenn Syrien «in Stücke zerfällt». Damit bringt die Hisbollah nicht nur Israel in Zugzwang, sondern heizt auch Auseinandersetzungen zwischen SchiitInnen und SunnitInnen an – und macht ein Wiederaufflammen des libanesischen Bürgerkriegs sehr wahrscheinlich.

Die EU hat am Montag das Waffenembargo gegen Syrien nicht erneuert, obwohl nur Britannien und Frankreich dies forderten. Somit können die beiden Länder ab Anfang August Waffen an syrische Oppositionsgruppen liefern. Russland reagierte prompt und bestätigte, Assad Luftabwehrraketen zu liefern. London und Paris argumentieren, dass allein die Drohung einer Bewaffnung der Opposition ein Anreiz für das syrische Regime sein könnte, an den Verhandlungstisch zu treten. Eine «Friedenskonferenz» soll bereits nächsten Monat in Genf stattfinden. Darauf scheint Assad allerdings besser vorbereitet zu sein als die Opposition, der es weiterhin an Einigkeit mangelt. «Viele Diplomaten» denken gemäss der britischen Zeitung «Financial Times» denn auch, dass die Opposition nicht unbedingt mehr Waffen brauche, sondern mehr Koordination und Training.

Durch eine Aufrüstung der syrischen Konfliktparteien, zu der bald auch EU-Staaten beitragen werden, dürfte vor allem das Leid 
der Zivilbevölkerung zunehmen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International machte letzte Woche in ihrem Jahresbericht zur Lage der Menschenrechte deutlich, dass sich für die SyrerInnen «die katastrophale Lage täglich verschlimmert». Wegen der Kriegsverbrechen, die grösstenteils von den Regierungstruppen, teilweise aber auch von Oppositionskräften begangen würden, seien mehr als 1,5 Millionen SyrerInnen ins Ausland geflüchtet, etwa 4,25 Millionen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Amnesty International fordert die westlichen Staaten auf, einen grösseren Teil der Flüchtlinge aufzunehmen und «den Druck auf das Regime zu verstärken».
Markus Spörndli

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