Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Gesellschaftliche Verhältnisse zu analysieren, ist nicht primär Elfenbeinturmbillard.

Intellektuelle müssen sich zurzeit als weltfremd und arrogant beschimpfen lassen. Dabei verkennen viele, die den verbalen Zweihänder schwingen, was Intellektualität und kritisches Denken überhaupt ausmacht. Und zeigen so ihre eigene Arroganz gegenüber denen, für die sie zu sprechen behaupten.

Von Franziska Schutzbach

Menschen steht mehr zu als die Kenntnis von Hauptstädten, Frühfranzösisch und die Planung von Lebensläufen. Foto: Florian Bachmann

Wie oft mussten wir das in den vergangenen Wochen hören: Die «intellektuelle Elite» habe mit ihrem abstrakten Gerede die «kleinen Leute» nicht erreicht und deren «echte Probleme» nicht verstanden. Man habe über die Köpfe der breiten Bevölkerung hinwegtheoretisiert und sie dadurch in die Arme der Trumps, Blochers und Le Pens getrieben (und auch für Norbert Hofer stimmten schliesslich über 48 Prozent). In der NZZ schrieb René Scheu, die Intellektuellen hätten kein Verständnis für die Probleme der Trump-WählerInnen, wenn diesen «am Ende des Monats aufgrund steigender Lebenskosten immer weniger Geld bleibt». Stattdessen versuchten die intellektuellen Eliten, die Probleme «wegzuerklären».

Ähnlich klang es bei Rudolf Strahm (SP) im «Tages-Anzeiger»: Die politische und intellektuelle Elite habe sich eine herablassende Meinung über unerwünschte Volksentscheide gebildet, sich dabei aber auf Unwesentliches konzentriert und übersehen, dass Trump «zutiefst existenzielle Erfahrungen von Millionen Amerikanern ansprach», etwa die Arbeitsplatzverluste oder die erlebte «Arroganz der globalisierten Eliten und der Wallstreet-Banker». Strahm folgerte, der Rechtsrutsch sei «ein Aufstand von unten», und Scheu machte sich dafür stark, den US-Wahlausgang als Zeichen von Vernunft zu sehen, denn «auch wenn manche Trump-Anhänger keinen PhD-Abschluss haben, so heisst dies nicht, dass es ihnen an Verstand gebricht».

Ein solch pauschalisierender Fokus auf die «echten Probleme» der «kleinen Leute» suggeriert, diese hätten nichts mit Kultur, nichts mit Bewusstsein oder Ideologie zu tun. Als wäre ökonomische Prekarität eine von Rassismus oder Sexismus getrennte Angelegenheit, als könnte nicht auch «der kleine Mann», der «Arbeiter» schwul, migrantisch, schwarz oder weiblich sein. Der «Normalbürger» wird konstruiert als eine bestimmte, angeblich homogene Gruppe (das «Volk»), zu der viele offensichtlich nicht gehören.

Vor allem aber unterstellt die Gegenüberstellung von Intellektuellen und «kleinen Leuten», Wissen werde ausschliesslich an Universitäten produziert und top-down dem «Volk» – wider dessen Vernunft und Erfahrung – übergestülpt. Nicht nur, dass man damit «kleine Leute» tatsächlich für dumm erklärt. Unterschlagen wird auch, dass kritisches Denken – und das ist eines der zentralen Merkmale von Intellektualität – eng verzahnt ist mit sozialen Bewegungen. Viele herrschaftskritische und emanzipatorische Impulse kommen von Minorisierten, von Prekarisierten und Ausgebeuteten. Diese können sehr wohl komplex und theoretisch denken – das müssen sie sogar, um ihre Situation zu verstehen, um zu überleben. Wenn wir davon ausgehen, Intellektualität habe nicht nur mit «Werther»-Interpretationen oder der Kenntnis anthropomorpher Motive auf chinesischen Ritualgefässen zu tun, sondern auch mit Gesellschafts- und Herrschaftskritik und dem Verstehenwollen von Ungleichheitsverhältnissen, greift es definitiv zu kurz anzunehmen, Intellektualität sei eine Sache «von oben» und werde im luftleeren Raum erfunden.

So macht man Menschen faschistisch

Es gibt eine komplexe Dynamik zwischen politischen Bewegungen, Zivilgesellschaft und akademisch gewordenem Wissen. In den USA der sechziger Jahre etwa übten die Black Panthers, deren Mitglieder überwiegend der armen Ghettounterschicht entstammten, differenzierte Gesellschaftskritik und wagten utopische Gedanken. TheoretikerInnen der späteren Critical Race Theory haben sich teilweise explizit auf sie berufen. Und wenn heute die Rolle von schlecht oder gar nicht bezahlter Arbeit für die Wirtschaft in den Fokus rückt, dann ist das nicht zuletzt dem Zusammenwirken zwischen den Erfahrungen von Care-Arbeiterinnen – Frauen in Pflegeberufen – und feministischen Ökonomietheorien geschuldet.

Es soll hier nicht – wie Scheu es tut – ein irgendwie unschuldiges Wissen «von unten» romantisiert werden. Es geht darum zu verstehen, dass Wissen weder von unten nach oben noch von oben nach unten fliesst. Solche Unterscheidungen gilt es in Bezug auf die Entstehung und Verbreitung von Wissen aufzubrechen. Gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen und zu analysieren, ist nicht primär Elfenbeinturmbillard privilegierter Intellektueller, sondern ist ebenso eine Denkleistung des «kleinen Mannes». Anders ausgedrückt: Das Entstehen von Theorie ist ein komplexer Prozess, an dem ganz unterschiedliche AkteurInnen beteiligt sind.

Erfahrungen und Perspektiven der «kleinen Leute» sind an den Universitäten sehr wohl vertreten und gerade in Theorietraditionen zunehmend verankert, denen das Wechselverhältnis von sozialer Bewegung, Betroffenheit und Theorie besonders wichtig ist: in feministischen, materialistischen, queeren und postkolonialen Perspektiven auf die Gesellschaft. Sie versuchen aufzuzeigen, dass es eine Vielzahl ausseruniversitärer Einflüsse gibt, aufgrund derer die Dichotomie von «unten» und «oben» zu hinterfragen ist. Dazu gehört auch, den oft komplizierten Dialog mit anderen akademischen Disziplinen zu suchen sowie blinde Flecken bezüglich eigener Privilegien und Machtpositionen zu reflektieren. Und es bedeutet zu akzeptieren, dass Wahrheit immer relativ ist und der wissenschaftliche Blick nicht universell und schon gar nicht unschuldig oder neutral.

Denn das denkende Subjekt steht nicht jenseits von Herkunft, Sozialisation, Sexualität oder Hautfarbe. Und schon gar nicht jenseits von Machtverhältnissen. Wissensproduktion geschieht von einem Standpunkt aus, und dieser muss mitbedacht werden. «Wessen Blut wird vergossen, damit meine Augen sehen können?», fragte die feministische Erkenntnistheoretikerin Donna Haraway. Anders ausgedrückt: Welche Stimmen oder Erkenntnisse werden ignoriert, damit sich eine bestimmte Sicht durchsetzt? Haraway und vielen anderen geht es darum, eine Kultur des Zuhörens, des Aufnehmens zu etablieren; darum, durch Offenheit gegenüber vielfältigen Einflüssen die eigenen Positionen immer wieder zu überdenken. Kurzum: Das Verständnis eines neutralen, distanzierten und abgehobenen Forschers – einer «intellektuellen Elite» – kann nicht länger aufrechterhalten werden.

Wenn Leute von links – wie Rudolf Strahm – gegen «intellektuelle Eliten» schiessen, mag das mit einer eingeschränkten Vorstellung von Intellektualität zu tun haben. Im Vergleich dazu verfolgt die Polemik von Scheu ein klar reaktionäres Ziel: Ein bestimmtes Wissen soll zum Schweigen gebracht werden, indem es als weltfremd, abstrakt oder «politisch korrekt» diffamiert wird. Es soll davon abgelenkt werden, dass gerade dieses Wissen eben «Volksanliegen» enthält und relevant ist für viele. Das ist eine raffinierte und historisch häufig benutzte Strategie, um Menschen gegen ihre eigenen Interessen zu verführen und eine reaktionäre Vorstellung von «Volk» salonfähig zu machen.

Wenn die komplexen Anliegen von Vielfalt und Gerechtigkeit gegenüber den «wahren Problemen» des «Volks» in Stellung gebracht werden, dann deshalb, um Menschen zu entsolidarisieren. Die verbreitete Erzählung, «das Volk» werde automatisch faschistisch, wenn man ihm den Traum vom Einfamilienhaus wegnehme, ist ein Identifikationsangebot, das genau dies will: Menschen faschistisch machen. Oder neoliberal. Oder beides.

Die eigentliche Arroganz

Die Unterstellung, Denken oder Intellektualität seien weltfremd, enthält das Angebot, sich auf die eigenen (angeblichen) unmittelbaren Bedürfnisse (Einfamilienhaus) zu berufen und zu beschränken. Damit wird letztlich legitimiert, sich nicht mit den eigenen Denkweisen und Prägungen auseinandersetzen zu müssen. Die Meinung, keine «gescheiten Bücher» zu brauchen, keine «komplizierten Theorien», beinhaltet die Vorstellung, die eigene Perspektive sei vollkommen ausreichend. Man müsse anderen nicht zuhören, nichts Neues lernen. Besonders deutlich zeigt sich dies, wenn auf Alltagserfahrungen oder den «gesunden Menschenverstand» gepocht wird und Theorie nur dann akzeptiert wird, wenn sie die Vertrautheit des Anekdotischen, das unmittelbar Nachvollziehbare und bereits Gewusste bestätigt. In einer solchen Selbstreferenzialität liegt aber die eigentliche Arroganz, das eigentlich Elitäre. Denn sie weist alles Fremde und nicht unmittelbar Verstehbare zurück.

Die Vermutung drängt sich auf, der in der Schweiz besonders ausgeprägte Antiintellektualismus stehe in einem engen Zusammenhang mit der Verweigerung gegenüber dem «Fremden». Der viel beschworene Schweizer Sonderweg ist vom Starrsinn geprägt, sich nichts von anderen sagen zu lassen. Ein Starrsinn, der sich nicht zuletzt mit einer stark idealisierten Vorstellung vom «Machen» verbindet, von der Idee also, Taten seien besser als Worte, es brauche keine komplizierten Reflexionen, sondern vor allem konkretes und beherztes Handeln.

Gegen Praxis ist im Prinzip nichts einzuwenden. Aber Fakt ist auch, dass jegliche Praxis von Theorie geleitet ist. Sich dem zu verschliessen, heisst, Reflexion als etwas zu sehen, das dem Handeln entgegensteht, angeblich weltfremd, ja unnütz ist, Handeln gar verhindert. Eine solche Trennung von Theorie und Praxis bemisst Reflexion daran, ob sie einen unmittelbaren Dienst an der Praxis leistet. Wenn aber die bereits bekannte und vorherrschende Praxis festlegt, was gedacht werden darf, was nützlich ist und was nicht, dann wird es unmöglich, die Praxis einer kritischen Analyse zu unterziehen. Anders gesagt: Der vorherrschende Istzustand erscheint damit als nicht hinterfragbar.

Der Jurist und Publizist Matthias Bertschinger hat darauf hingewiesen, dass das Problem nicht abgehobene Intellektuelle seien, sondern vielmehr, dass kritisches und auch utopisches Denken nicht als ein Recht für alle betrachtet werde. Gekämpft werden müsse wieder für einen Bildungsbegriff, der mehr als betriebswirtschaftliche Logiken bediene, der Reflexion nicht auf technokratische Anwendbarkeit verkürze.

Menschen bringen mehr mit als das Interesse an Existenzsicherung, ihnen steht mehr zu als die Kenntnis von Hauptstädten, Frühfranzösisch und die Planung von Lebensläufen. Sie haben auch ein Recht auf «geistiges und psychisches Vagabundieren», wie es die feministische Philosophin Christina Thürmer-Rohr nannte, auf das Nachdenken über die Brüche mit sich und der Welt. «Freies Denken» darf nicht durch den Einwand abgewürgt werden, es sei praktisch nicht umsetzbar. Dass Reflexion über die unmittelbare Nützlichkeit hinausgeht, ist eine emanzipatorische Notwendigkeit und beinhaltet die Freiheit, etwas anderes zu denken als das, was schon möglich ist.

Franziska Schutzbach lehrt und forscht am Zentrum Genderstudies der Universität Basel und ist freie Autorin.

Weiterer Artikel zum Thema:
Politik der Emotionen: Im Ring geht es nicht darum zu überzeugen, sondern darum zu begeistern.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch