Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Der unheimliche Untermieter

Von Ulrike Baureithel

Ein ruhiges Ehepaar, wohlsituiert, wie man so sagt, Margret und Gerhard Sandmair: Er ist selbstbezogener Bücherwurm, der es als Geschichtsprofessor an seiner Fakultät mit den StudentInnen nicht mehr so richtig kann, sie eine teilzeitbeschäftigte Buchhändlerin und engagiert in der Flüchtlingshilfe. Der Sohn, Sebastian, ist gerade aus dem eigens für ihn hergerichteten Anbau ausgezogen und hat die Antennen zu den Eltern eingezogen. Was läge näher für ein sich sozial gebendes Paar aus der Schweizer Mittelschicht, als das Studio günstig unterzuvermieten?

Sie nehmen sich viel Zeit dafür und glauben, mit Beat Schär, einem jungen, unauffällig lebenden Fahrradmechaniker, die richtige Wahl getroffen zu haben. Margret denkt dabei an den schmerzlich vermissten Sohn. Aber Beat ist anders, sie weiss es nicht zu fassen. So verschlossen. Und dann wird sie immer wieder aufgerüttelt von den Nachrichten über einen Messerstecher in der Umgebung. Aber noch hält sie «alle deutbaren Gefühle unserem Mieter gegenüber» von sich fern.

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann erzählt zunächst aus der Sicht der Protagonistin, Margret, dann zunehmend auch aus der Perspektive Gerhards und Sebastians die Geschichte einer bereits virulenten Verunsicherung, die sich durch die Anwesenheit des eigenartigen Untermieters weiter verstärkt und eine unerwartete Dynamik erfährt. Margret ist «dem Fremden» im Asylzentrum begegnet, sie glaubt, es beherrschen zu können. Und nun hat sich etwas anderes Fremdes in ihrem Haus eingenistet. Plötzlich ist sie mit Menschen konfrontiert, die sie nicht versteht. Fremd geworden sind ihr auch der «knochentrockene» Gatte Gerhard und Sohn Sebastian mit seiner ihr unpassend erscheinenden Freundin.

Über all dem hängt das Schuldgefühl, nicht rechtzeitig interveniert zu haben. Der «passende Mieter», durchaus eine Spielart des «Schläfers», wird für die Familie zum Katalysator, der all ihre Beziehungen infrage stellt. Die Frage ist, was aus ihr geworden wäre, wenn dieser Beat nie in ihren Dunstkreis getreten wäre.

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