Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Zurück zum Pseudonym

Von einem Tag auf den andern ist in Ungarn die grösste oppositionelle Tageszeitung geschlossen worden. Dieser Text ist ein Hilferuf eines mundtot gemachten Redaktors.

Von László Rab

Dreissig Jahre lang habe ich als Redaktor für die grösste oppositionelle Tageszeitung Ungarns, «Nepszabadsag», geschrieben. Seit dem «schwarzen Samstag» im Oktober 2016 existiert das Blatt nicht mehr. Ohne Vorwarnung hat der österreichische Besitzer von Mediaworks «Nepszabadsag» eingestellt und den Onlinezugang geschlossen – angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. Die MitarbeiterInnen bekamen Hausverbot, ihre E-Mail-Adressen wurden gesperrt. Alles von einem Tag auf den anderen. Kurz danach wurde bekannt, dass Mediaworks an einen Milliardär verkauft werden soll, der Ministerpräsident Orban nahesteht.

Die Propagandamaschinerie der Regierung wird seither nicht müde zu betonen, dass die Presse in Ungarn unabhängig sei. Die Regierung behauptet immer wieder, sie habe mit dem Einstampfen von «Nepszabadsag» nichts zu tun. Natürlich glaubt das niemand.

Korruption der Regierung aufgezeigt

Unsere Zeitung hat in den letzten Monaten besonders viel über die skandalösen Korruptionsgeschichten um die Regierung veröffentlicht. So berichtete sie von einem sündhaft teuren Helikopterflug von Orbans Propagandaminister – zu einer privaten Hochzeitsfeier. Oder darüber, dass der Notenbankchef seiner Geliebten zu einer gut bezahlten Stelle in der Bank verholfen hatte. Eine weitere Provokation für Orban war unser ausführlicher Bericht über das Scheitern seines Referendums gegen die von der EU vorgeschlagenen Quoten zur Verteilung von Flüchtlingen. Zwar stimmten am 2. Oktober drei Millionen Menschen im Sinn der Regierung, doch die Wahlbeteiligung hatte die nötigen fünfzig Prozent nicht erreicht. Hätte das Referendum diese Hürde genommen, hätte Orban wie versprochen die Verfassung entsprechend abändern können.

Er präsentierte dem Parlament die Verfassungsänderung trotzdem. «Nepszabadsag» hat dazu nicht geschwiegen. Viele meinen, dass dieser Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte und der wahre Grund für die Schliessung der Zeitung ist.

Alles ging im Handumdrehen. Die Mitteilung meiner Freistellung wurde mir per Motorradkurier zugestellt. Im Brief verbot man mir, mich über diese Vorgänge öffentlich zu äussern. Die Gemeinschaft der ausgesperrten «Nepszabadsag»-JournalistInnen entschloss sich daraufhin, die Einladung der Obdachlosenzeitung, dort unter eigenem Namen zu publizieren, zu akzeptieren. Ich war auch dabei. Um den Streit nicht weiter anzuheizen, hatte ich einen unpolitischen Artikel verfasst, der der suspendierten Redaktion weder arbeitsrechtlich noch politisch schaden sollte. Ein Anwalt riet, nicht unter eigenem Namen zu publizieren, da mein Arbeitsvertrag noch gültig sei.

Nach dreissig Jahren schreibe ich jetzt also wieder unter einem Pseudonym. Zum letzten Mal war ich dazu in den achtziger Jahren unter der Diktatur von Janos Kadar gezwungen gewesen. Ab September 1986 konnte ich wieder unter meinem Namen publizieren. Meine Karriere als Journalist endete im Herbst 2016 schlagartig, als die Politik mein Blatt unter sich begraben hat.

Wir kämpfen weiter

Von Freunden, Leserinnen und ehemaligen Interviewpartnern erhielt ich eine Unmenge an Sympathiebekundungen. Alle fragten mich, was wir nun unternehmen würden, ob wir ausgesperrten JournalistInnen zusammenbleiben, für unsere Rechte kämpfen würden. Ob wir es akzeptierten, dass man unsere Zeitung einfach wegradiert. Ich sage allen: Wir kämpfen weiter.

Die Sache mit der Obdachlosenzeitung war ein grosser Erfolg. Das Gratisblatt mit unseren Artikeln wurde über 30 000-mal verteilt, die Nachfrage in Budapest war überwältigend. Obdachlose konnten damit richtig Geld machen: Einer erzählte, dass er in zwei Tagen umgerechnet über 340 Franken eingenommen habe. Manche Leute hätten für das 24-seitige Blatt mehr als 17 Franken gegeben. Bei einer spontanen Veranstaltung auf der Strasse bat man mich um eine Widmung auf den Exemplaren, die meinen Artikel enthielten. Ich fragte zurück: «Sind Sie damit einverstanden, wenn ich mit meinem Pseudonym unterschreibe?»

Das Drama um «Nepszabadsag» hat weitreichende Folgen. Die Tage der oppositionellen Medien in Ungarn sind gezählt.

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