Nr. 02/2017 vom 12.01.2017

«Der Papst und ich denken ähnlich»

Zur 47. Auflage erscheint endlich das Buch zum Weltwirtschaftsforum, das dieses Jahr vom 17. bis 20. Januar stattfindet. Doch leider ist es nur eine Hagiografie seines Gründers mit anekdotischem Beigemüse. Dabei müsste man Klaus Schwab endlich mal beim Wort nehmen.

Von Oliver Classen

Am 14. März 2016 publizierte das Wef einen Essay mit dem rhetorisch fragenden Titel «Just how bad is the air we breathe?». Die beiden AutorInnen warnen darin vor «rasant steigender Luftverschmutzung, besonders in bevölkerungsreichen Schwellen- und Entwicklungsländern», und fordern eine «Kombination wirtschaftlicher und staatlicher Massnahmen» zu deren möglichst effektiver Bekämpfung.

Zehn Tage später verkündete die Tochter des Genfer Rohstoffriesen Trafigura, Puma Energy, voller Stolz ihren neuen Status als «assoziierter strategischer Partner» des Wef und Hauptunterstützer von dessen Regionaltreffen in Kigali, Ruanda. Seit September wissen wir nun aber: Puma Energy produziert und vertreibt in vielen Ländern Westafrikas jenen massiv überschwefelten «Dirty Diesel», der massgeblich zur dortigen Luftverpestung und den daraus resultierenden Gesundheitsproblemen beiträgt.

Lieber Herr Schwab, wie lösen Sie solche Fundamentalwidersprüche zwischen dem Weltverbesserungsanspruch Ihres Wef und Partnerkonzernen, deren Geschäftsgebaren diesen Anspruch konterkariert, ja pervertiert?

So könnten meine ersten Zeilen eines Buchs aussehen, das versucht, dem Phänomen «Davos» und damit auch dessen Gründer auf die Schliche zu kommen. Geschrieben hat dieses Buch nun aber Jürgen Dunsch. Für den zuletzt als Schweizkorrespondent der liberal-konservativen «Frankfurter Allgemeinen» amtenden Pensionär ist das Wef eine «mythenumwobene VIP-Parade» und Schwab wahlweise ein «nüchterner Analytiker», «ehrlicher Makler» oder «Gastgeber der Mächtigen». Letztere Funktionsbezeichnung schaffte es gar auf den Titel der 300-seitigen Hagiografie über den Menschenfänger vom Genfersee.

Auf den Leim gekrochen

Schwab habe seine Arbeit wohl «inhaltlich unterstützt», das Buch sei aber «unabhängig entstanden», beeilt sich Dunsch in seiner Einleitung zu versichern. Wer nicht in den Verdacht der Hofberichterstattung geraten will, sollte seinen teilweise durchaus informativen Text aber nicht mit einem dieser unselig verschwurbelten Schwab-Interviews krönen. Denn spätestens hier wird klar: Da ist dem windigen Erfinder des «Spirit of Davos» wieder ein reflektierter Zeitgenosse auf den Leim gekrochen.

So trägt das privat organisierte und finanzierte Elitetreffen laut dem deutschen Wirtschaftsjournalisten «die drei Kennzeichen global, neutral, universal». Wie ein inzwischen 600-köpfiges KMU, das dank der Mitgliederbeiträge und Teilnehmergebühren der tausend weltgrössten Konzerne einen Jahresumsatz von 230 Millionen Franken erzielt, politisch neutral agieren kann, bleibt freilich sein (und damit auch Klaus Schwabs) bestgehütetes Geheimnis. Dabei beschreibt er auf den folgenden Seiten detailliert die komplexe Führungs- und Finanzstruktur der seit kurzem in der Schweiz und den USA als gemeinnützig anerkannten und somit steuerbefreiten Stiftung. «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing», weiss der Volksmund. Im Journalismus heisst das «follow the money», eine Dunsch offenkundig fremde Maxime. Deshalb sucht er auch gar nicht erst nach Abtrünnigen oder anderen echten InsiderInnen, sondern begnügt sich mit schalen Statements von Schwab-Angestellten und Davos-Gästen, um seine zahme und entsprechend zähflüssige Aussensicht abzusichern.

Boykott wegen Befreiungstheologe

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird mit amüsanten Anekdoten belohnt. Angesprochen auf seine Audienz bei Franziskus, meint Schwab etwa ganz unbescheiden: «Der Papst und ich denken ähnlich.» Das berühmt-berüchtigte Wef-Motto «Committed to improve the state of the world» verdankt sich einem Marketingtipp des Coca-Cola-CEO und dem untrüglichen Markengespür von Schwabs Frau Hilde. Und als er in den siebziger Jahren einen brasilianischen Befreiungstheologen nach Davos einlud, hatte das den bislang einzigen Boykott einzelner Konzerne zur Konsequenz. Welcher Konzerne genau, das kommt im Buch leider nicht vor – auch weil der servile Stichwortgeber Dunsch es schlicht verpasst, danach zu fragen.

Immerhin erwähnt er andernorts, dass die Pleitegeier der Lehman Brothers, die Korruptionsprofis von Siemens oder die Abgasmanipulierer von VW weiter als strategische Partner des Wef fungieren. Das gilt auch für die Umwelt- und Menschenrechtsverächter von Puma Energy respektive Trafigura. Deshalb, lieber Herr Schwab, zeigen Sie Haltung und Wirkung, indem Sie dieser Skandalfirma so lange die Klubmitgliedschaft entziehen, bis sie sich aktiv und aufrichtig an der Lösung des Dirty-Diesel-Problems beteiligt. Danke.

Oliver Classen ist Mediensprecher von Public Eye (ehemals Erklärung von Bern) und langjähriger Koordinator des «Public Eye on Davos».

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