Kino-Film «Double peine» : Mit der Mutter hinter Gittern

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Die Gefangenen treten zum Appell an. In einer langen Reihe laufen die Frauen in den Gefängnishof, während eine Wärterin ihre Namen aufruft. «Anwesend», antworten die Inhaftierten im Sekundentakt, «anwesend» sagt auch das Kleinkind auf dem Arm seiner Mutter. Es lacht.

Im bolivianischen Frauengefängnis San Sebastián leben die Kinder bei ihren Müttern. Für die Frauen bedeutet das die doppelte Strafe und den zweifachen Schmerz: «Double peine», wie die Genfer Regisseurin Léa Pool («Emporte-moi») ihren Dokumentarfilm zweideutig nennt. Denn diese Kinder teilen schuldlos das Schicksal ihrer Mütter hinter Gittern.

Morgens werden die Jungen und Mädchen vom Bus einer Freiwilligenorganisation abgeholt und auf Hort und Schulen verteilt, am Abend kehren sie in ihr Zuhause zurück: die Anstalt. Die Frauen können so zwar ihre Mutterrolle wahrnehmen, aber der Preis dafür ist hoch – innerhalb der Gefängnismauern sind die Kinder gefährdet, ausserhalb sozial stigmatisiert. Ein ähnliches Bild bietet sich der Dokumentarfilmerin bei ihrem Aufenthalt in Nepal, wo Frauen in Gefangenschaft ihre Kinder in die Obhut einer nichtstaatlichen Organisation geben können, die sich um den Nachwuchs kümmert. Im kanadischen Quebec, wo Léa Pool schon seit vierzig Jahren lebt, werden die zwei Töchter einer inhaftierten Mutter vom Vater und der Stiefmutter betreut, und in den benachbarten USA sind eine Million Frauen entweder direkt oder indirekt von Gefängnisstrafen betroffen. Achtzig Prozent davon sind Mütter.

Das klingt nach einem Stoff für rührselige Lebensgeschichten gefallener Frauen, aber solche sucht man in diesem unaufgeregten Dokumentarfilm vergebens. Léa Pool konzentriert sich stattdessen auf den Alltag der Kinder, die hin- und hergerissen sind: zwischen der Liebe zu ihren Müttern und der Sehnsucht nach einem Stück Normalität.

In: Solothurn, Reithalle, Fr, 20. Januar 2017, 11.45 Uhr, und Landhaus, Di, 24. Januar 2017, 9.30 Uhr.

Double peine. Regie: Léa Pool. Schweiz/Kanada 2016