Nr. 04/2020 vom 23.01.2020

Leben im Bunker

Von Hannes Nüsseler

Das Kindeswohl ging Alice Miller (1923–2010) über alles – zumindest in ihren Beratungsbestsellern, mit denen sie in den achtziger Jahren berühmt wurde. Die Briefe der polnisch-schweizerischen Psychologin an ihren eigenen Sohn klingen ganz anders. «Erkenne, wie kaputt du bist», herrscht Miller ihren Sohn Martin darin an und vergleicht ihn mit Hitler. Gezeichnet: «Deine Mutter».

Martin Miller, selbst Psychologe, hat ein Leben lang unter der Lieblosigkeit seiner Mutter gelitten. Sie habe Briefe an den Papst geschrieben, in denen sie die körperliche Züchtigung von Kindern verurteilte, erzählt er nun in Daniel Howalds Dokumentarfilm «Who’s Afraid of Alice Miller?». Zu Hause aber sah sie weg, wenn ihr eigener Sohn vom Vater verprügelt wurde, und gab ihm dann auch noch die Schuld. Martin Miller wäre fast daran zerbrochen.

Regisseur Daniel Howald porträtiert den Psychologen als freundlichen Riesen, der nicht nur seinen massigen Körper, sondern auch den Schmerz einer verdrehten Kindheit mit sich herumschleppt. Gemeinsam mit seiner Tante Irenka, der Cousine seiner Mutter, sucht er ein letztes Mal Antworten auf die Frage, wie seine Familie dysfunktional wurde. Die wache Irenka Taurek ist mit einem ansteckenden Optimismus gesegnet, den der erwachsene Martin braucht. Denn die Spurensuche im Film führt nach Polen und damit zum Holocaust, dem Alice Miller und ihre Cousine nur knapp entkommen waren. Beide stammten aus jüdisch-orthodoxen Familien, was Alice Miller zeitlebens geheim hielt.

Die Psychologin flüchtete als junges Mädchen mit gefälschten Papieren aus Warschau. Sie musste das Leid ihres Volkes ignorieren, um selbst zu überleben – im Ghetto habe sie das Lügen gelernt, heisst es im Film. Martin Miller versucht, mit Irenkas Hilfe Eckpunkte in der Biografie seiner Mutter festzumachen. Doch ihre Nachforschungen vor Ort führen in ein kafkaeskes Labyrinth aus Dokumenten und Beamtenwillkür, in dem auch ein Doppelgänger des gewalttätigen Vaters herumspukt.

«Who’s Afraid of Alice Miller?» kann nicht alle Geheimnisse lüften, zeigt aber eindrücklich, wie ein Völkermord die Welt bis in die Gegenwart traumatisiert. Die Psychologin selbst bleibt widersprüchlich. Alice Miller entschuldigte sich in einem späten Brief an ihren Sohn, dass sie aus Angst ein Leben lang im Bunker gelebt habe. Für eine Versöhnung mit ihr war es zu spät, nicht aber für ein letztes Familientreffen mit Irenka Taurek: Sie verstarb kurz nach den Dreharbeiten.

In: Solothurn, Landhaus, Sa, 25. Januar 2020, 20.45 Uhr, und Reithalle, Mi, 29. Januar 2020, 12.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch